Bundespräsident Freunde fürs Geben
Der Bundespräsident missbraucht den Begriff Freundschaft für seine Machtbeziehungen.
Christian Wulff hat seine sich nun schon bald zwei Monate hinziehende Verteidigung unter das Motto der Freundschaft gestellt. Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben dürfe, sagte er im berühmten Straßenfeger-Interview bei ARD und ZDF, wenn Politiker nicht mehr bei Freunden übernachten dürften, es sei denn gegen bar, dann verändere sich Deutschland zum Negativen. Und stellte klar: »Ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von Freunden kein Geld mehr leihen kann.«
Das klang nicht verkehrt, das klang lebensklug und gradlinig. Mancher daheim am Bildschirm hat wohl genickt. Wulff traf, wie schon mit seinem Bekenntnis zur »bunten Republik Deutschland«, auch mit seiner Ode an die Freundschaft ein linksliberales Lebensgefühl. Der entschieden moderne Mensch zieht die Freundschaft als selbst gewählte Bindung den klassischen, als zwanghaft empfundenen Bindungen vor – der ans Land, an die Religion, an die Familie.
Auch von ihr will er sich emanzipieren, indem er sich eine Wahlfamilie aus Freunden zusammenstellt, die dann, ganz so, wie Wulff es im Fernsehen ausmalte, einander besuchen und zusammen kochen und einem klammen Freund auch mal was leihen.
Seine Freunde – er stellt sie dem Land nun seit Wochen vor, unfreiwillig. Es ist eine lange Liste, und sie wird fast täglich länger. Da war zuerst der »väterliche Freund«, ein Unternehmer, der oder dessen Frau ihm nach der Scheidung das Geld für einen Hauskauf lieh. Dann stellte ein anderer vermögender Freund den Wulffs seine Ferienvilla zur Verfügung. Ein wieder anderer Freund gab Geld für die Werbung für ein Wulff-Buch. Dann tauchte der Freund aus der Baubranche auf, der ab und zu bei Wirtschaftsdelegationen mitreisen durfte und gegen den jetzt die Staatsanwaltschaft wegen Betrug und Insolvenzverschleppung ermittelt. Zuletzt trat der Freund aus der Filmbranche aus der Kulisse, der einen Wulff-Biografen finanziert und Christian Wulff selbst und seine Gattin im besten Hotel am Platz upgegradet haben soll, als das Paar das Münchner Oktoberfest besuchte. Ein Upgrade – ja mei!
Es ist, als betrachte man den Fall Wulff durch ein verkehrt herum gehaltenes Fernrohr: Die Dinge werden ganz klein. Und der Wulff wird auch immer kleiner dabei. Er wird wie wir. Viele von uns nähmen Vorteile, wie sie ihm angeboten wurden, nur zu gern mit, und viele tun es auch. Geld leihen zum Spezi-Zins, einen Luxusurlaub gratis, einen garantiert guten Tisch im Restaurant. Ein Upgrade hier, ein Upgrade da.
Aber im Schloss Bellevue, da wollen wir so etwas nicht sehen. Bellevue ist kein Einfamilienhaus, und der Präsident ist nicht der Nachbar hinter der Buchsbaumhecke. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, diesem Amt haftet immer noch etwas Königliches an, eine Restroyalität, wie der Demokratie auch sonst Gerbstoffe innewohnen, die sie selbst nicht erzeugt, sondern aus älteren Schichten gesogen hat, seien es die britischen Windsors oder das napoleoneske Präsidialpathos der Franzosen. Oder der Gottesbezug im deutschen Grundgesetz und die über jeder Akklamation stehenden Souveränitäten von Bundesverfassungsgericht und Zentralbank.
Christian Wulff, wenn er das Präsidiale denn so gar nicht versteht, ist ein Opfer seines eigenen Volkstümlichkeitsstils. Wusste er nicht, dass ein mächtiger Mann von einem Tag auf den anderen eine Million Freunde hat? Wusste er das nicht einzuschätzen?
- Datum 25.01.2012 - 21:31 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 26.1.2012 Nr. 05
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>> Wulff traf, wie schon mit seinem Bekenntnis zur »bunten Republik Deutschland«, auch mit seiner Ode an die Freundschaft ein linksliberales Lebensgefühl. <<
... vielleicht bei Schießen auf dem Jahrmarkt, aber nie und nimmer linksliberale Lebensgefühle.
Sein "Bekenntnis" zur bunten Republik Deutschland war nie mehr als eine hohle Phrase. Und seine "Ode an die Freundschaft" entspringt einer glitschigen Eine-Hand-wäscht-die-andere-Mentalität.
Der eine benutzt es sinnvoll der andere nicht.
Wulff ist schon lange in der Politik, da sollte er wissen, was gespielt wird. Ist nichts Neues.
Er hat selbst Schuld. Mit den Großen Hunden pinkeln aber das Bein nicht hochkriegen!
... sich noch jemand hierhin verirrt?
Stelle fest: die ZEIT schreibt schon noch zum Thema Wulff, sie verrät es nur keinem ;-)
... sich noch jemand hierhin verirrt?
Stelle fest: die ZEIT schreibt schon noch zum Thema Wulff, sie verrät es nur keinem ;-)
... sich noch jemand hierhin verirrt?
Stelle fest: die ZEIT schreibt schon noch zum Thema Wulff, sie verrät es nur keinem ;-)
Schade, dass Wolfgang Büscher in der Quintessenz seines launigen Kommentars zu widersprechen ist: Ob “Wulff hat, wie es derzeit aussieht, nichts richtig Übles angestellt.“ die Taten seiner Hannoveraner Amtszeit beschönigen und auf ein sozial nicht adäquates Phänomen reduzieren soll oder gar der Verharmlosung der Wulff´schen Aktivitäten dienen kann, lässt aufhorchen.
Unter dem Blickwinkel der bislang ausgebliebenen Verantwortungsübernahme des BP Wulff insbesondere der juristisch relevanten Freundschaftsdienste, ist die in jedem Rhetorik-Einstiegsseminar erlernbare Taktik des verbalen Etikettenschwindels nur mehr ein den Wulff´schen Kommunikationsberatern geschuldeter Randeffekt.
und Herr Wulff ist von wohlhabenden Freunden umzingelt, die ständig Geschenke zustecken (was er manchmal nicht einmal merkt) und Einladungen ausprechen. Geradezu unbewusst und auch bloss aus reiner Freundschaft erweist er selbst aus dem Amt heraus ebenfalls Gefälligkeiten, die er ebenfalls nicht als solche wahrnimmt. Und natürlich ist du Freundesschar einzig und alleine aufgrund seines persönlichen Charms und Esprits zusammengekommen.
Der Begriff Freundschaft wird in der Facebook-Zeit leider sehr inflationär gebraucht
- Parteifreund.
So läuft es.
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