GentrifizierungNeue Spießer

Warum die übliche Kritik an der Gentrifizierung provinziell ist und zu nichts führt. von Andreas Thiesen

Zwei Wohnhäuser in der Rykestraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg

Zwei Wohnhäuser in der Rykestraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg  |  © Sean Gallup/Getty Images

Nun ist also auch Hannover-Linden bedroht. Ein ehemaliger Fahrradladen steht vor dem Abriss, neue Mietwohnungen sollen dort entstehen – und deshalb wurde das Gebäude besetzt. Man will ein Zeichen setzen, gegen die »Gentrifizierung«, gegen die schleichende Aufwertung des Viertels, die steigenden Mieten und die Verdrängung der alteingesessenen Bewohner. Linden-Nord als hipper, subkultureller Arbeiterstadtteil – so sagen es die Gentrifizierungsgegner – könnte bald Geschichte sein. Deshalb muss das alte Haus, dessen Abriss aus ökologischer Perspektive durchaus sinnvoll wäre, mit allen Mitteln erhalten bleiben.

Unterdessen ist das Haus wieder geräumt, doch weiterhin wird protestiert, in Hannover wie auch in vielen anderen Städten. Inzwischen kursieren im Internet sogar Gebrauchsanweisungen für einen gezielten Widerstand gegen die Gentrifizierung. Der »Abwertungskit« macht es vor: Man stelle den eigenen Balkon mit überfüllten Wäscheständern zu, schraube Satellitenschüsseln an die Fassaden, simuliere kaputte Fensterscheiben und laufe mit Lidl-Plastiktüten durch die Straße. Dazu ein paar gefakte Aushänge, die wahlweise über die Sorge vor Jugendkriminalität oder den entlaufenen Pitbullterrier informieren – und fertig ist die effektive Abwertung von Quartieren als eine Art Gentrifizierung von unten. Weniger amüsant sind dabei Vorschläge wie das Auslegen von Spritzbesteck auf Kinderspielplätzen sowie Angstkampagnen gegen vermeintliche Gewalt. Doch der Zweck, die verhasste Kleinfamilie und die Neureichen möglichst nachhaltig zu attackieren, scheint hier die Mittel zu heiligen. Eine Kultur der Abwertung soll schließlich zur Verdrängung der wohlhabenderen Bewohner führen.

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Diese Art von Gentrifizierungskritik steckt nicht nur voller Ressentiments, sie erweist sich auch als überaus konservativ. Die selbst ernannten Aktivisten warnen vor Veränderungen, betonen den Wert des Althergebrachten, also der »Tradition«, und fordern den »Erhalt«. Dabei ist streng genommen der Hype um bestimmte Quartiere in Kreuzberg, Linden oder St. Pauli erst durch die kulturelle und szenische Aufwertung der Stadtteile durch viele der heutigen Gegner der Gentrifizierung möglich geworden. So gesehen sind die Stadtteilaktivisten zugleich Modernisierer und Modernisierungsgegner, sie sind Täter, die sich als Opfer gerieren. Ihre Angst vor dem Verlust des Bestehenden, ihr Beharren auf räumlich akzentuierter »Identität«, ihr Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur ist zutiefst provinziell und lokalistisch.

Andreas Thiesen

, Jahrgang 1979, ist Sozialwissenschaftler und lehrt an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden

»Lieber besetzen wir Häuser als andere Länder«, hieß es auf einem Transparent an dem besetzten Haus in Hannover-Linden. Nur leider taugt der Hausbesitzer nicht zum Feindbild, er besitzt keinen Porsche Cayenne, ihm liegt auch kein Immobilien-Imperium zu Füßen. Er ist iranischer Zuwanderer, der sich von seinem Ersparten einen Lebenstraum erfüllen und selbst Vermieter in jenem Stadtteil werden will, in dem er seit Jahrzehnten mit seiner Familie lebt. Unter kultursensiblen Vorzeichen könnte jenes Transparent daher ebenso gut als xenophobes Ressentiment gegen den Eigentümer selbst gelesen werden – auch wenn dies sicher nicht in der Absicht der engagierten jungen Menschen liegt, die sich selbst zur »linken Szene« zählen und sich in Interviews wie urbane Zapatisten inszenieren.

Im Grunde handelt es sich bei den Praktiken der neuen Stadtteilbewegungen um Symptome verkürzter Kapitalismuskritik. Welchen emanzipatorischen Gehalt haben Farbbeutelanschläge auf eine Subway-Filiale im Kreuzberger Wrangelkiez? Urdeutsch scheint die Angewohnheit, Tante Emma gegenüber Uncle Sam den Vorzug zu lassen; dabei sind es häufig die verbliebenen Kneipen der alteingesessenen Deutschen, die als Brutstätte des gepflegten Ressentiments bezeichnet werden können.

Das Erkämpfen sogenannter Freiräume im Kapitalismus war schon immer eine Illusion. Es gibt keine subkulturellen Nischen, zumindest keine, deren Gesellschaftskritik den inneren Zirkel einiger Ausgewählter verlassen würde. Man macht es sich gemütlich in seiner Wagenburg. Doch wer sich gegen jede Art von Veränderung und Fortentwicklung sträubt, der wird auch blind für mögliche Chancen und Alternativen, für bislang nur selten erprobte Formen der Einmischung, die eine emanzipatorische Perspektive eröffnen könnten. Zu denken wäre zum Beispiel an das Spiel mit Normen und Zeichen, wie es bereits die Situationisten erfolgreich praktiziert haben und wie es in der kritischen Architektur seit einigen Jahren wieder zur Anwendung kommt. Davon abgesehen wäre es reizvoll, die üblichen Praktiken subversiver Intervention auch in Wohnvierteln der Mittelklasse, also in unaufgeregten Stadtteilen, als umgekehrte Gentrifizierung zu erproben. Dies würde jedoch bedeuten, die eigenen Aktionsformen zu hinterfragen und den Stadtteil als antikapitalistischen Schutzhort aufzugeben.

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Leserkommentare
  1. Jede Generation hat so ihre Träume.

    Früher waren es Schrebergarten und Reihenhaus, heute sind es Loft oder Altbauwohnung.

    Wirklich schlimm an Spießigkeit ist die Unfähigkeit, sie früh genug zu erkennen.

    http://is.gd/4txEc9

    Dann sitzen die Braven in ach so coolen Medienjobs und saniertem Altbau...... und sind wie ihre Eltern geworden. Und erst ihre Kinder werden es ihnen erklären.

    Warum also jammern über Gentrifizierung? Wenn es brav, sauber, langweilig wird - dann ist es Zeit weiterzuziehen.

    Sorry, ein cooles Leben lässt sich nicht kaufen.

    Hahahaha

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    aufgenommen?
    Sieht ja etwas gruselig aus.
    Tjaja, wenn die Emanzipation ihre eigenen Kinder frisst.

    Die "armen" Viertel den Armen zu überlassen und sich nur unter Seinesgleichen niederzulassen? Dann werden dieselben Personen, die jetzt gegen Gentrifizierung kämpfen, sich gegen die Ghettoisierung ihres Viertels zu Wehr setzen wollen. wir haben in deutschland ja immerhing ein Mietrecht, dass es gerade den alteingesessenen Mietern ermöglicht, zu relativ stabilen Mieten in ihren Wohnungen bleiben zu können.

  2. Gentrifizierung ist schlicht Ungerechtigkeit. Menschen die finanziell schwächer sind werden gezwungen ihre Wohnungen zu verlassen. Aus der eigenen Wohnung gedrängt zu werden ist keine Kleinigkeit, sondern geht an die existenzielle Substanz.
    Man muss sein Lebensumfeld verlassen, weil Reichere meist die Atmosphäre von Altbauvierteln geniessen wollen, die für Jung und Alt die vorher dort gewohnt haben aber Heimat waren, und Schutz boten. Unser Gesellschafts-System sieht schlicht keinen ausreichenden Lösungen vor um diesen Menschen einen Verbleib zu ermöglichen. Erstens weil sie nicht im selben Maße geschätzt werden wie die Akademiker und Erben die sie verdängen, und zweitens weil dieser Marktmechansimus quasi als Naturgesetz akzeptiert, Und hier wird versucht diesen Horror für die Betroffenen mit schöngeistigen Floskeln und albern verallgemeinerten Sonderfälllen, wie dem "Iraner der sich einen Traum verwiklichen will" zu zerreden.

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    ... weder provinziell noch konservativ oder traditionalistisch. Es ist reiner Egoismus. Die Leute wollen keine höheren Mieten bezahlen.

    • Moika
    • 26. Januar 2012 12:47 Uhr

    Gentrifizierung geht mit der Sanierung alter Bausubstanzen einher. Besuchen Sie einmal einige dieser Wohnungen, oft mit der Toilette noch auf dem Treppenabsatz, kein Bad - Sie würden vermutlich die Nase rümpfen und vor allem niemals darin wohnen wollen.

    • Biljana
    • 26. Januar 2012 15:51 Uhr

    mußte ich in zwanzig Jahren fünfmal umziehen (und zwar von Stadt zu Stadt, nicht innerhalb derselben Stadt!), und da gibt es bestimmt noch andere, bei denen das noch häufiger der Fall war. So ganz ohne war das auch für mich nicht unbedingt.
    Gibt es ein Menschenrecht darauf, sein ganzes Leben in ein und derselben Wohnung verbringen zu können? Noch dazu in einem Viertel, daß sich nicht ändern darf (weil man dann ja sein vertrautes Umfeld verlieren würde)? Mit immer denselben Nachbarn (weil man sonst seine vertrauten Kontakte einbüßen würde)? Irgendwo muß mal ein Punkt gemacht werden. Das Recht der Ureinwohner steht dann nämlich gegen das Recht der anderen, sich niederzulassen,wo es ihnen beliebt. Wir haben doch in diesem Land glücklicherweise Freizügigkeit.

    • Mike M.
    • 12. September 2012 18:07 Uhr

    ...kann man ja nicht einfach gekündigt werden. Mieterhöhungen sind auch nicht ohne weiteres drin. Alle 20-30 Jahre muss ein Haus aber auch einmal saniert werden. Ansonsten verfällt es völlig. Klar, dass dann die Neumieter mehr zahlen müssen. Alles eine Frage von Angebot und Nachfrage. Und das Angebot wird nicht dadurch steigen, dass man Häuser besetzt.

  3. so meine ich:"Doch wer sich gegen jede Art von Veränderung und Fortentwicklung sträubt, der wird auch blind für mögliche Chancen und Alternativen,"
    Die Frage ist mM nach nicht, ob man sich gegen jede Art von Veränderung sträubt, sondern inwiefern man selbst Veränderung bestimmen kann.
    Warum ist es antiemanzipatorisch, wenn man bestimmte Arten von Veränderungen ablehnt, stattdessen in seinem Lebensstil anderen Veränderungen zustimmt oder aktiv forciert.
    Gestern habe ich gehört, dass Jobcenter bei Mieterhöhungen den HARTZ.IV-Beziehern nahelegen, diese Mieterhöhungen selbst zu tragen oder umzuziehen. Die Mieterhöhung beläuft sich auf eine Summe, die nunmehr ca. 7,-Euro des gesetzlich festgelegten Mietzuschusses übersteigt. Überall steigen Mieten. Es gibt dazu kein gegenläufiges Phänomen. Wie und wo sollen also Leute hin, die einfach nicht mehr verdienen oder auf Transferleistungen angewiesen sind.
    Der Drang nach Veränderungen und dies als emanzipatorisch zu deklarieren ist ziemlich blauäugig, wenn es für einige oder viele tatsächlich schlicht Verdrängung bedeutet.
    Veränderung würde in diesem Fall vielleicht einfach nur bedeuten, dass mehr gearbeitet werden muss oder eine andere Arbeit genommen werden muss, gegebenenfalls mit der Konsequenz weniger Lebenzeitraum für eigene Ziele zu haben. Was genau findet der Autor daran emanzipatorisch?

  4. aufgenommen?
    Sieht ja etwas gruselig aus.
    Tjaja, wenn die Emanzipation ihre eigenen Kinder frisst.

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    in den USA, wie man unschwer erkennen kann, würde ich sagen. Zumindest sind es aber us-amerikanische Studenten.

    in den usa ist es recht üblich, mit dem emblem/schriftzug der eigenen uni in der vorlseung zu sitzen. daher: http://www.google.de/sear...

  5. in den USA, wie man unschwer erkennen kann, würde ich sagen. Zumindest sind es aber us-amerikanische Studenten.

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    Wieso USA? Das linke Haus ist bewohnt von Eigentümern, die es sich leisten können.
    Das rechte Haus ist von Mietern bewohnt, deren Einkommen und sozialer Status wesentlich geringer ist und der Vermieter kann oder will nix machen.
    Und warum USA ? Das ist in deutschen Grossstädten doch Realität.
    Oder gibt es tatsächlich Menschen hier die ihre Möglichkeiten Geld zu verdienen und ihr Lebensumfeld "edel und schön" zu gestalten für jedermann möglich halten? Das wären dann die wahren Illusionisten.

  6. 7. Tja...

    es bleibt wohl nicht aus, dass man sich gegenseitig ausspielt. Wobei die gewonnen haben und gewinnen werden, in diesem System, die das Geld haben.
    Und gegen Fixer haben wir ja alle was...was soll man da noch gegenargumentieren.

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    wer sollte dagegen auch etwas tun?

    Wenn ein Mieter auszieht nach beispielsweise 40 Jahren, wie es im Alter oft geschieht, wird die Wohnung oftmals erstmals vollkommen renoviert. Alles raus gerissen, neue Elektrik, neue Heizung, neuer Fussboden, neue Fenster, manchmal werden zwei kleine auch zusammen gelegt, weil heute mehr Platz gewünscht wird als noch in den 60ern... und dann wird die Wohnung wieder vermietet, kostet natürlich mehr.

    Wer erwartet da noch die gleichen Mieter zu finden, die zuvor nicht gekündigt wurden, allerdings auch nichts einbrachten.

    Ich halte das für eine sinnvolle Entwicklung und gehe gehe nicht davon aus, dass sich jemand nach Komfort und Lebensqualität der nicht renovierten Altbauten tatsächlich zurück sehnt.

  7. Beteiligen Sie sich bitte nur, wenn Sie Argumente und konstruktive Beiträge in die Diskussion einbringen wollen, die auch mit dem Artikelthema zu tun haben. Danke, die Redaktion/fk.

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    denn die Mieter der "alten" Viertel haben auch nichts aufgebaut. Sie leben dort, weil es für sie wirtschaftlich ist bzw. war. Sie haben die Läden vor Ort, deren Betreiber davon ausgehen, dass sie etwas an den dort Ansässigen verdienen und die Vermieter nehmen zur jeweiligen Zeit denen die Wohnungen, die dafür den Marktpreis zahlen.

    Das waren vor x-Jahren die Mieter in den unrenovierten Wohnungen und die Betreiber der derzeitigen Läden und werden vielleicht irgendwann andere Mieter, die renoviert und nett gestrichen zahlen wollen und können und Ladenbesitzer, die anderes anbieten und höhere Mieten zahlen.

    Das ist bereits zu den Zeiten so gewesen, als die alten Mieter einzogen. Ein Kreislauf...

    Herrlich wie sie mit stereotypen Feindbilder um sich werfen und dabei nur reproduzieren, was sie zum Thema gehört haben und zu wissen glauben. Die bösen "Neureichen" sind es also, die in diese Viertel ziehen? Waren die jetzigen Bewohner, die die Viertel einfach nur 10 bis 15 früher bezogen (um nicht zu sagen gentrifiziert) haben dann auch Neureiche? So im Vergleich zu den Bewohnern davor? Und was ist überhaupt das Problem an einem "Neureichen"? Was ist er überhaupt? Einer der vergleichsweise mehr Geld hat als seine Eltern? Na dann glückwunsch. Beschimpfen Sie eigentlich auch die ganzen Migrantenkinder der dritten Generation wenn es ihnen gelingt, eine vernünftige Schulausbildung zu machen und GEld zu verdienen. Am Ende sogar noch in der bösen verhassten Mediennbranche? Und überhaupt "DIESE" Neureichen! Warum sollen die sich ein eigenes Viertel aufbauen? Das würden Sie doch dann als elitäre Abschottung bezeichnen. Nein die wollen nicht in ihrer eigenen Welt leben, sondenr in unseren Städten, die uns allen gehören. Sie tun so als wäre Kreuzberg vor 20 Jahren von seinen jetzigen Bewohnern geschaffen worden. Sie denken so furchtbar statisch und ihren Schubladen vom bösen Gentrifizierer, der sich ein "Image" kaufen will, indem er nach Kreuzberg zieht. Vielleicht will er einfach nur angenehm leben und scheinbar kann man das dort ja. Eine Frage zum Schluss: Würden Sie lieber in der rechten oder der linken Bildhälfte des Eingangsfotos wohnen? ;)

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  • Schlagworte Gentrifizierung | Jugendkriminalität | Porsche | Hannover | Kreuzberg | St. Pauli
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