Zwei Wohnhäuser in der Rykestraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg © Sean Gallup/Getty Images

Nun ist also auch Hannover-Linden bedroht. Ein ehemaliger Fahrradladen steht vor dem Abriss, neue Mietwohnungen sollen dort entstehen – und deshalb wurde das Gebäude besetzt. Man will ein Zeichen setzen, gegen die »Gentrifizierung«, gegen die schleichende Aufwertung des Viertels, die steigenden Mieten und die Verdrängung der alteingesessenen Bewohner. Linden-Nord als hipper, subkultureller Arbeiterstadtteil – so sagen es die Gentrifizierungsgegner – könnte bald Geschichte sein. Deshalb muss das alte Haus, dessen Abriss aus ökologischer Perspektive durchaus sinnvoll wäre, mit allen Mitteln erhalten bleiben.

Unterdessen ist das Haus wieder geräumt, doch weiterhin wird protestiert, in Hannover wie auch in vielen anderen Städten. Inzwischen kursieren im Internet sogar Gebrauchsanweisungen für einen gezielten Widerstand gegen die Gentrifizierung. Der »Abwertungskit« macht es vor: Man stelle den eigenen Balkon mit überfüllten Wäscheständern zu, schraube Satellitenschüsseln an die Fassaden, simuliere kaputte Fensterscheiben und laufe mit Lidl-Plastiktüten durch die Straße. Dazu ein paar gefakte Aushänge, die wahlweise über die Sorge vor Jugendkriminalität oder den entlaufenen Pitbullterrier informieren – und fertig ist die effektive Abwertung von Quartieren als eine Art Gentrifizierung von unten. Weniger amüsant sind dabei Vorschläge wie das Auslegen von Spritzbesteck auf Kinderspielplätzen sowie Angstkampagnen gegen vermeintliche Gewalt. Doch der Zweck, die verhasste Kleinfamilie und die Neureichen möglichst nachhaltig zu attackieren, scheint hier die Mittel zu heiligen. Eine Kultur der Abwertung soll schließlich zur Verdrängung der wohlhabenderen Bewohner führen.

Diese Art von Gentrifizierungskritik steckt nicht nur voller Ressentiments, sie erweist sich auch als überaus konservativ. Die selbst ernannten Aktivisten warnen vor Veränderungen, betonen den Wert des Althergebrachten, also der »Tradition«, und fordern den »Erhalt«. Dabei ist streng genommen der Hype um bestimmte Quartiere in Kreuzberg, Linden oder St. Pauli erst durch die kulturelle und szenische Aufwertung der Stadtteile durch viele der heutigen Gegner der Gentrifizierung möglich geworden. So gesehen sind die Stadtteilaktivisten zugleich Modernisierer und Modernisierungsgegner, sie sind Täter, die sich als Opfer gerieren. Ihre Angst vor dem Verlust des Bestehenden, ihr Beharren auf räumlich akzentuierter »Identität«, ihr Pochen auf narrativ überlieferte Stadtteilkultur ist zutiefst provinziell und lokalistisch.

»Lieber besetzen wir Häuser als andere Länder«, hieß es auf einem Transparent an dem besetzten Haus in Hannover-Linden. Nur leider taugt der Hausbesitzer nicht zum Feindbild, er besitzt keinen Porsche Cayenne, ihm liegt auch kein Immobilien-Imperium zu Füßen. Er ist iranischer Zuwanderer, der sich von seinem Ersparten einen Lebenstraum erfüllen und selbst Vermieter in jenem Stadtteil werden will, in dem er seit Jahrzehnten mit seiner Familie lebt. Unter kultursensiblen Vorzeichen könnte jenes Transparent daher ebenso gut als xenophobes Ressentiment gegen den Eigentümer selbst gelesen werden – auch wenn dies sicher nicht in der Absicht der engagierten jungen Menschen liegt, die sich selbst zur »linken Szene« zählen und sich in Interviews wie urbane Zapatisten inszenieren.

Im Grunde handelt es sich bei den Praktiken der neuen Stadtteilbewegungen um Symptome verkürzter Kapitalismuskritik. Welchen emanzipatorischen Gehalt haben Farbbeutelanschläge auf eine Subway-Filiale im Kreuzberger Wrangelkiez? Urdeutsch scheint die Angewohnheit, Tante Emma gegenüber Uncle Sam den Vorzug zu lassen; dabei sind es häufig die verbliebenen Kneipen der alteingesessenen Deutschen, die als Brutstätte des gepflegten Ressentiments bezeichnet werden können.

Das Erkämpfen sogenannter Freiräume im Kapitalismus war schon immer eine Illusion. Es gibt keine subkulturellen Nischen, zumindest keine, deren Gesellschaftskritik den inneren Zirkel einiger Ausgewählter verlassen würde. Man macht es sich gemütlich in seiner Wagenburg. Doch wer sich gegen jede Art von Veränderung und Fortentwicklung sträubt, der wird auch blind für mögliche Chancen und Alternativen, für bislang nur selten erprobte Formen der Einmischung, die eine emanzipatorische Perspektive eröffnen könnten. Zu denken wäre zum Beispiel an das Spiel mit Normen und Zeichen, wie es bereits die Situationisten erfolgreich praktiziert haben und wie es in der kritischen Architektur seit einigen Jahren wieder zur Anwendung kommt. Davon abgesehen wäre es reizvoll, die üblichen Praktiken subversiver Intervention auch in Wohnvierteln der Mittelklasse, also in unaufgeregten Stadtteilen, als umgekehrte Gentrifizierung zu erproben. Dies würde jedoch bedeuten, die eigenen Aktionsformen zu hinterfragen und den Stadtteil als antikapitalistischen Schutzhort aufzugeben.