"Damals wurden die Oscar-Nominierungen noch während des Festivals verkündet"
ZEIT: Schauen wir mal auf die Inhalte des Festivals, also auf die Filme und das, was sich da geändert hat. Früher liefen die amerikanischen Filme der Saison auf der Berlinale. Jetzt laufen sie davor oder währenddessen im Kino. Clint Eastwoods J. Edgar, Martin Scorseses Hugo Cabret, David Finchers Die Verblendung. Tut das nicht weh?
Kosslick: Doch. Aber für das, was Sie beschreiben, gibt es einen ganz konkreten Grund. Als ich die Berlinale übernahm, hatte ich noch fünf Jahre lang das Glück, ein Festival zu leiten, das zeitlich günstig zu den Oscars lag, die dann leider um vier Wochen vorverlegt wurden. Damals wurden die Oscar-Nominierungen noch während des Festivals verkündet. Das gab der Berlinale und den Filmen einen Wahnsinnsschub. All die Filme, die Sie erwähnt haben, wären früher wahrscheinlich auf der Berlinale gelaufen, und Scorseses Hugo Cabret wäre der Eröffnungsfilm gewesen.
ZEIT: Wie steuern Sie gegen diese Entwicklung?
Kosslick: Die Dramatik dieses Vorgangs wurde verdeckt, weil es uns immer noch gelingt, sogar amerikanische Weltpremieren zu holen wie Martin Scorseses Shutter Island oder seinen Dokumentarfilm über die Rolling Stones. Hinzu kommt aber noch ein weiteres Problem: die Piraterie. Früher konnte ein Film, der im Oktober in den USA startete, immer noch seine internationale Premiere auf der Berlinale feiern. Aber jetzt hat man wegen der Piraterie Angst, die Filme so lange liegen zu lassen, und bringt sie zeitgleich auf der ganzen Welt heraus, um sie ein halbes Jahr später als DVD zu verkaufen. So gehen diese Premieren der Berlinale verloren.
ZEIT: Die Jagd nach Stars führte aber immer wieder zu Kompromissfilmen. Nach dem Motto: Gebt mir euren Star, dann zeige ich euren Mist. Unvergessen: Bordertown mit Jennifer Lopez.
Kosslick: Also mal ehrlich: Ein Filmfestival ist nicht das Berufsfeld, auf dem man fehlerlos arbeiten kann. Es ist sogar eine großartige Möglichkeit, Fehler zu machen, und zwar täglich immer neue, sodass man gar nicht dazu kommt, aus den alten zu lernen. Ich habe hier ein kleines Büchlein, in das ich so was reinschreibe. Bordertown mit Jennifer Lopez über die Frauenmorde in Mexiko war hundertprozentig ein Fehler des Festivalchefs, weil sein gesamtes Auswahlgremium sagte, dass man dieses B-Movie nicht im Wettbewerb zeigen könne. Der Festivalchef war aber jedes Jahr nach Mexiko gereist und hatte auch den ersten Kurzfilm gezeigt über diese Grenzregion, in der jährlich Hunderte von jungen Mädchen vergewaltigt, zerstückelt und verscharrt werden. Und dieser Festivalchef dachte, so gäbe es für diese Verbrechen und ihre Vertuschung eine maximale Aufmerksamkeit. Die haben wir auch bekommen. Aber leider nicht die richtige.
ZEIT: Einerseits bekam die Berlinale unter Ihnen das Profil eines politisch engagierten Festivals, andererseits haben Sie immer wieder Filme gezeigt, deren Machart nicht mit den großen Themen mithalten konnte.
Kosslick: Manche haben dennoch wichtige Zeichen gesetzt. Einen Dokumentarfilm über Guantánamo wie Standard Operating Procedure von Errol Morris oder Michael Winterbottoms Flüchtlingsfilm In This World würde ich immer wieder zeigen.
ZEIT: Die hätte jeder gezeigt. Das Problem ist eher, dass der politische Filmbegriff des Festivals manchmal in halb garen Sozialdramen versandete.
Kosslick: Das mag sein. Es ist aber auch so, dass eine bestimmte Art des nennen wir es mal politpädagogischen Kinos von der Kritik einfach nicht gemocht wird.
ZEIT: Nehmen Sie die teils harsche Kritik, die es auch bei Ihrer Vertragsverlängerung gab, ernst?
Kosslick: Wenn es um eine konkrete, argumentierende Kritik geht, nehme ich die natürlich ernst. Und ich will auch nicht verschweigen, dass es für mich eine Riesenenttäuschung war, wie der Wettbewerb im letzten Jahr teilweise rezipiert wurde. Es gibt aber auch eine sehr ätzende persönliche Kritik.
- Datum 01.02.2012 - 18:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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mut auf der berlinaler hats doch seit fassbinder eigentlich nicht mehr gegeben. alle klatschen schön, selbst wenn die filme der größte scheiß sind. aber egal. zum glück gibts wirklich gute filme, die gezeigt werden - [...]
fürs volk wirds schwierig sich an diskussionen zu beteiligen, geschweige denn karten zu bekommen. deutschlands größtes kulturereignis (haha, ansichtssache) ist höchst exklusiv. na dann. viel spass.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/ls
Ich finde Herr Kosslick hat hervorragende Arbeit geleistet und ein echt hochklassiges Event in Gesamtberlin etabliert. Wenn man bedenkt, daß die Berlinale noch in den 90ern in Stätten wie dem Arsenal (Nähe Wittenbergplatz!) aufgeführt wurde, kann man inzwischen jeden Film in einem echten Kino sehen und auch das Ganze drumherum ist deutlich besser organisiert.
@1 Karten zu bekommen, war noch nie mein Problem. Entweder im Vorverkauf am ersten Vorverkaufstag für den Film oder an der Abendkasse.
mit einer dermaßen Kritik-Blindheit muss man sich garnicht mehr fragen, weshalb die Berlinale zu einem solchen Schmierentheater verkommen ist. Radikales Kino ist nicht das kleinbürgerliche, häppchenweise Kino der Empörung: Es ist die rdikale, audiovisuelle und narrative Herangehensweise brisanter Themen. Besonders Schade finde ich vor allem, dass Herr Kosslick die Konkurenz mit Cannes vermeidet und das Kino aus Deutschland als "seit den 30'ern verstorben und vertrieben" ansieht...
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