"Auf anderen Festivals wirft man die schlechten Filme dem Kino oder dem Jahrgang vor"
ZEIT: Wie stecken Sie die persönlichen Anfeindungen weg?
Kosslick: Manches setzt mir zu, aber landet auch in der Abteilung »Man gewöhnt sich an alles«. Auf anderen Festivals wirft man die schlechten Filme dem Kino oder dem Jahrgang vor. Bei uns tut man so, als hätte ich die alle ganz alleine zu Hause im Ofen gebacken.
ZEIT: Ein Vorwurf gegen Sie lautet, dass Sie alles seien, Zirkusdirektor, Impresario, Gastgeber, Manager, aber kein Cineast und leidenschaftlicher Filmliebhaber.
Kosslick: Ich bin jetzt seit 29 Jahren in der Filmbranche. Ich habe bei den Anfängen der europäischen Filmförderung mitgemacht, bei Kino-Initiativen, bei der Drehbuchförderung, bei Filmschulen, ich habe mich mit Kino unter allen wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten befasst und viele erfolgreiche Filme gefördert. Ich weiß, warum ich diese Arbeit mache. Und ich möchte mir die Freude über ein Festival, das jährlich von 300.000 Kinoliebhabern besucht wird, das Regiebewegungen wie die Berliner Schule von Anfang an begleitet hat und dessen letztjähriger Siegerfilm, Asghar Farhadis Nader und Simin – eine Trennung, jetzt vielleicht den Oscar gewinnt, auch nicht kaputt machen lassen.
ZEIT: Es geht ja nicht ums Kaputtmachen. Sie haben zum Beispiel mit aller Leidenschaft die Sektion Kulinarisches Kino eingeführt. Da werden Filme gezeigt, die mit Kochen und Essen zu tun haben, anschließend ist man zusammen. Muss das unter dem Dach der Berlinale stattfinden? Wenn man zu weit in diese Richtung geht, landet man irgendwann im Spaßbad.
Kosslick: Ich kann mit dieser Kritik nichts anfangen. Niemand wird gezwungen, da hinzugehen. Kaum ein Film, der im Kulinarischen Kino läuft, würde woanders im Programm laufen. Wir haben mit dieser Reihe eine neue Zielgruppe erschlossen, aber das schmälert doch nicht die Bedeutung des Wettbewerbs! Ich habe in der Hinsicht nur ein großes Problem: dass wir nicht genügend Karten für das Kulinarische Kino haben. Übrigens: Die Programme werden auf dem Festival von San Sebastián und im Museum of Modern Art gezeigt. Das sind alles andere als Spaßbademeister. Ich finde, die Kritik an der Berlinale basiert häufig auf einem Modernebegriff aus dem letzten Jahrtausend. Wir leben aber nicht mehr in den Zeiten, in denen es drei Fernsehprogramme und kein Internet gab und man Sophia Loren auf dem Ku’damm anfassen konnte. Es gibt vielleicht auch nicht mehr die 60 bis 70 herausragenden Filme berühmter Autorenregisseure, die drei große Wettbewerbe in Cannes, Venedig und Berlin füllen können. Oder hunderttausend Stars, die auf nichts schärfer sind, als auf einem dieser Festivals über den roten Teppich zu stolzieren.
ZEIT: Aber ist es denn nicht ein fast schon physikalisches Gesetz, dass ein großes Festival, das aus so vielen Events besteht, einer Stärkung seines Innersten, seines cineastischen Kerns, bedarf?
Kosslick: Das tun wir doch! Wir haben bereits begonnen, den Wettbewerb noch konsequenter künstlerischer zu gestalten. Das ist am diesjährigen Programm abzulesen. Wir haben im Friedrichstadtpalast seit drei Jahren eine Reihe namens Berlinale Special eingerichtet, in der Galas von großen Publikumsfilmen mit Stars stattfinden. Das haben wir gemacht, um den Wettbewerb vom »Glamourdruck« zu entlasten. Aber um es ganz klar zu sagen: Ich werde die Berlinale während meiner Vertragslaufzeit nicht vom größten Publikumsfestival der Welt zu einem reinen Spezialistenfestival machen.
ZEIT: Wir reden hier doch nicht von einem Kinotempel, in dem Tag und Nacht kasachische Kurzfilme gezeigt werden. Sondern von einem Festival, das auf einer Ebene funktioniert und auf einer anderen Ebene Schwächen hat. Es geht um den Wettbewerb, also um knapp 20 von über 400 Filmen, die vielleicht noch radikaler kuratiert werden könnten.
Kosslick: Ja, akzeptiert. Doch ich weiß gar nicht genau, wie man sich das Kuratieren so vorstellt. Auch wenn wir 6000 Filme eingereicht bekommen haben, kommt nur eine begrenzte Menge davon infrage. Man könnte ja auch mal die ganzen 6000 Filme zeigen. Diese Berlinale würde 13 Jahre dauern, hab ich ausgerechnet. Dreizehn Jahre lang könnte man sich anschauen, was wir so alles zur Verfügung haben. Da würde man sehen, dass es gar nicht so viele Filme gibt, die wir überhaupt auf die Kästchen unseres Festivals verteilen können.
ZEIT: Cannes hat ja vor einigen Jahren die Funktion eines künstlerischen Leiters installiert, die auch für Berlin diskutiert wird.
Kosslick: Es wurde aber noch niemand gefragt, und es hat sich auch noch niemand gemeldet. Aber gut, wenn das der Wahrheitsfindung dient, könnte man es machen. Aber würde das wirklich etwas ändern? Egal, wie sehr sich ein künstlerischer Leiter aufs Kuratieren konzentriert, auch er wird immer nur eine begrenzte Anzahl von Filmen haben, die überhaupt verfügbar sind.
- Datum 01.02.2012 - 18:51 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







mut auf der berlinaler hats doch seit fassbinder eigentlich nicht mehr gegeben. alle klatschen schön, selbst wenn die filme der größte scheiß sind. aber egal. zum glück gibts wirklich gute filme, die gezeigt werden - [...]
fürs volk wirds schwierig sich an diskussionen zu beteiligen, geschweige denn karten zu bekommen. deutschlands größtes kulturereignis (haha, ansichtssache) ist höchst exklusiv. na dann. viel spass.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/ls
Ich finde Herr Kosslick hat hervorragende Arbeit geleistet und ein echt hochklassiges Event in Gesamtberlin etabliert. Wenn man bedenkt, daß die Berlinale noch in den 90ern in Stätten wie dem Arsenal (Nähe Wittenbergplatz!) aufgeführt wurde, kann man inzwischen jeden Film in einem echten Kino sehen und auch das Ganze drumherum ist deutlich besser organisiert.
@1 Karten zu bekommen, war noch nie mein Problem. Entweder im Vorverkauf am ersten Vorverkaufstag für den Film oder an der Abendkasse.
mit einer dermaßen Kritik-Blindheit muss man sich garnicht mehr fragen, weshalb die Berlinale zu einem solchen Schmierentheater verkommen ist. Radikales Kino ist nicht das kleinbürgerliche, häppchenweise Kino der Empörung: Es ist die rdikale, audiovisuelle und narrative Herangehensweise brisanter Themen. Besonders Schade finde ich vor allem, dass Herr Kosslick die Konkurenz mit Cannes vermeidet und das Kino aus Deutschland als "seit den 30'ern verstorben und vertrieben" ansieht...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren