"Lieber ein beliebter Frühstücksdirektor sein als ein gebashter Abendteppich-Veranstalter"
ZEIT: Es wäre keine leichte Stellenausschreibung.
Kosslick: Stimmt, aber so eine Konstruktion hätte auch etwas Gutes. Ich sag’s mal so: lieber ein beliebter Frühstücksdirektor sein als ein gebashter Abendteppich-Veranstalter.
ZEIT: Jetzt könnten Sie die Berlinale noch mal neu erfinden – Sie haben die Freiheiten eines Politikers in seiner letzten Amtszeit.
Kosslick: Woher wissen Sie, ob es meine letzte Amtszeit ist? Keines der großen Festivals hat in den letzten Jahren einen solchen Transformationsprozess durchlaufen wie die Berlinale. Aber keine Neuerung kann darüber hinwegtäuschen, dass es maximal noch 20 Regisseure gibt, die wie Pedro Almodóvar, Lars von Trier, Ken Loach oder Michael Haneke ein Kino machen, das Publikum und Kritikern gleichermaßen gefällt.
ZEIT: Und die gehen nach Cannes.
Kosslick: Ja, na und? Ich gehe auch gerne dahin. Und jetzt wird’s handfest: In Frankreich sitzen die meisten Filmfirmen für internationale Koproduktionen im sogenannten Arthaus-Sektor, zu dem das Kino der Stammgäste von Cannes gehört. Und in den Koproduktionsverträgen steht oft: »Ablieferungsdatum 1. Mai«. Diese Filme werden für Cannes und den Mai gemacht, da kann ich mich auf den Kopf stellen in meinem Berliner Februar. Wir sind ein anderes Festival! Trotzdem gibt es auch bei uns große Regisseure und Regie-Entdeckungen.
ZEIT: Haben Sie mal davon geträumt, Festivaldirektor von Cannes zu sein?
ZEIT: Nein, aber meine Mutter, die hat mal geträumt, dass ich beides mache.
ZEIT: Es geht ja nicht nur um Cannes. Nader und Simin von Asghar Farhadi, den letztjährigen Berlinale-Sieger, haben in Frankreich eine Million Menschen gesehen und in Deutschland 150.000.
Kosslick: Weil Frankreich im Gegensatz zu Deutschland eine Filmnation ist. Das hat etwas mit Filmerziehung zu tun, mit Filmkultur, mit einer cineastischen Tradition. Und damit, dass wir unsere besten Regisseure in den dreißiger Jahren umgebracht oder ins Exil getrieben haben. Herr Lubitsch hat am Ende nicht mehr in Kleinmachnow gedreht. Und es ist kein Wunder, weil Kino in Frankreich eine ganz andere bürgerliche Normalität ist. Man geht ins Kino, beim anschließenden Essen redet man darüber. Das Kino ist dort Teil einer Diskurskultur.
ZEIT: Gut, die Franzosen lieben das Kino, und Cannes ist Cannes. Und was nun?
Kosslick: Man muss einfach mal akzeptieren, dass es die Nummer eins ist. Deshalb ist es so erstaunlich, dass viele Kritiker immer nur übel gelaunt auf das Cannes-Programm verweisen. Wir müssen hier etwas anderes machen. Deshalb haben wir zum Beispiel den World Cinema Fund gegründet, der in anderen Ländern Filme unterstützt, damit Deutschland stärker in diese internationalen Produktionsprozesse kommt.
- Datum 01.02.2012 - 18:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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mut auf der berlinaler hats doch seit fassbinder eigentlich nicht mehr gegeben. alle klatschen schön, selbst wenn die filme der größte scheiß sind. aber egal. zum glück gibts wirklich gute filme, die gezeigt werden - [...]
fürs volk wirds schwierig sich an diskussionen zu beteiligen, geschweige denn karten zu bekommen. deutschlands größtes kulturereignis (haha, ansichtssache) ist höchst exklusiv. na dann. viel spass.
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/ls
Ich finde Herr Kosslick hat hervorragende Arbeit geleistet und ein echt hochklassiges Event in Gesamtberlin etabliert. Wenn man bedenkt, daß die Berlinale noch in den 90ern in Stätten wie dem Arsenal (Nähe Wittenbergplatz!) aufgeführt wurde, kann man inzwischen jeden Film in einem echten Kino sehen und auch das Ganze drumherum ist deutlich besser organisiert.
@1 Karten zu bekommen, war noch nie mein Problem. Entweder im Vorverkauf am ersten Vorverkaufstag für den Film oder an der Abendkasse.
mit einer dermaßen Kritik-Blindheit muss man sich garnicht mehr fragen, weshalb die Berlinale zu einem solchen Schmierentheater verkommen ist. Radikales Kino ist nicht das kleinbürgerliche, häppchenweise Kino der Empörung: Es ist die rdikale, audiovisuelle und narrative Herangehensweise brisanter Themen. Besonders Schade finde ich vor allem, dass Herr Kosslick die Konkurenz mit Cannes vermeidet und das Kino aus Deutschland als "seit den 30'ern verstorben und vertrieben" ansieht...
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