Paul McCartney wird im Juni 70 Jahre alt. © Concord/Universal

Ein Termin bei Sir Paul McCartney ist wie eine Audienz beim Papst. Die Regeln sind strikt. Der Fragesteller bekommt kaum Zeit und die unmissverständliche Anweisung, beim Thema, also der aktuellen CD, zu bleiben. Wer lieber über die Beatles , Yoko Ono , John Lennon oder Heather Mills plaudern möchte, muss damit rechnen, dass das Gespräch umgehend beendet wird. Es wird auch ausdrücklich darum gebeten, nichts mitzubringen, was Sir Paul signieren soll, denn Autogramme gibt der 69-Jährige offiziell nicht (inoffiziell doch!). Dafür, dass die Regeln eingehalten werden, sorgen zwei Aufpasser, die während des Interviews auf der Lauer liegen: ein Assistent mit schulterlangen grauen Haaren und grimmigem Blick, der aussieht, als ob McCartney ihn seit Liverpooler Kindergartenzeiten kennt. Sowie eine junge Frau, die so tut, als arbeite sie an einem Laptop. »So ist das eben, wenn man einen Beatle trifft«, sagt ein Mitarbeiter seines Managements, kurz bevor sich die Tür zur Hotelsuite in London-Kensington öffnet.

DIE ZEIT: Mr. McCartney, Sie haben ein Album mit alten Jazzsongs eingespielt, die Ihr Vater bei Familienfesten sang. Wie liefen solche Feiertage im Hause McCartney ab?

Paul McCartney: Mein Dad spielte meist einfach so im Wohnzimmer Klavier und sang dazu. Der Höhepunkt der Hauskonzerte war traditionell die Neujahrsparty der McCartneys, da wurde der Teppich zurückgerollt, und alle Frauen saßen um Dad herum, schlürften Rum mit schwarzem Johannisbeersaft, und spätestens nach einer halben Stunde sangen alle mit.

Der Höhepunkt der Hauskonzerte war die Neujahrsparty. Alle saßen um Dad herum, schlürften Rum mit Johannisbeersaft und sangen nach einer halben Stunde mit
Paul McCartney

ZEIT: Wie viele McCartneys kamen da zusammen?

McCartney: Mindestens hundert. Alle Onkel, Tanten, Großonkel, Cousins, Cousinen trafen sich bei uns. Stellen Sie sich mal vor, wie toll das klang, wenn alle sangen. Und das taten sie.

ZEIT: Empfanden Sie Jazzsongs wie It’s Only a Paper Moon oder Bye Bye Blackbird als Musik Ihrer Eltern oder als Ihre eigene Popmusik?

McCartney: Gute Frage, es war vor allem die Popmusik meiner Eltern. Dazu kamen aber die ersten Rock-’n’-Roll-Songs, die ich damals im Radio hörte, Songs von Fats Domino oder Little Richard. Die waren anders, irgendwie neu und aufregend, aber wissen Sie was? Die alte Musik gefiel mir besser. Ich habe bereits als Teenager verstanden, wie außerordentlich brillant diese alten Songs geschrieben waren. Die entstammten ja einer großartigen Musik-Ära, und das begriff ich schnell.

ZEIT: Sie sprechen ausschließlich von amerikanischer Musik.

McCartney: Selbstverständlich, die beste Musik kam damals aus den USA . Ich denke an Komponisten wie George Gershwin , Cole Porter oder Harold Arlen. Auch die amerikanischen Filme waren erstklassig. In Los Angeles , Chicago und New York wurden die kulturellen Standards für die ganze Welt gesetzt. Ich lese gerade ein Buch über George Gershwin , und da steht, dass damals fast jede Familie in den USA ein Klavier zu Hause hatte, egal wie arm sie war. Kein Wunder, dass so eine Gesellschaft Meister wie Gershwin hervorbrachte. Haben Sie schon den Film The Artist gesehen? Das ist ein sehr cleverer Film, der daran erinnert, was für eine kulturell reiche Ära das war.

ZEIT: Es war aber auch eine politisch sehr angespannte Zeit. Wir sprechen über Songs, die in den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden.

McCartney: Weltwirtschaftskrise, Kriegsstimmung – politisch keine gute Ära. Aber die Kultur blühte. Den Menschen, die die Weltwirtschaftskrise und die Weltkriege erlebten, half die Musik, diese bedrückenden Zeiten auszuhalten. Den McCartneys aus Liverpool ging es auch nicht gut. Aber in meiner Familie wurde nie geklagt. Die Stimmung war immer optimistisch. Unsere Laune signalisierte stets: Hey! Alles wird gut! Ich habe von klein auf gelernt: Egal wie schlimm die Lage auch scheint, zwei Dinge helfen immer – Musik und Humor. Das gilt für mich bis heute.

ZEIT: Ihr Vater hatte zeitweilig sogar eine eigene Band: Jim Mac’s Jazz Band. Erinnern Sie sich daran?