Ein Termin bei Sir Paul McCartney ist wie eine Audienz beim Papst. Die Regeln sind strikt. Der Fragesteller bekommt kaum Zeit und die unmissverständliche Anweisung, beim Thema, also der aktuellen CD, zu bleiben. Wer lieber über die Beatles , Yoko Ono , John Lennon oder Heather Mills plaudern möchte, muss damit rechnen, dass das Gespräch umgehend beendet wird. Es wird auch ausdrücklich darum gebeten, nichts mitzubringen, was Sir Paul signieren soll, denn Autogramme gibt der 69-Jährige offiziell nicht (inoffiziell doch!). Dafür, dass die Regeln eingehalten werden, sorgen zwei Aufpasser, die während des Interviews auf der Lauer liegen: ein Assistent mit schulterlangen grauen Haaren und grimmigem Blick, der aussieht, als ob McCartney ihn seit Liverpooler Kindergartenzeiten kennt. Sowie eine junge Frau, die so tut, als arbeite sie an einem Laptop. »So ist das eben, wenn man einen Beatle trifft«, sagt ein Mitarbeiter seines Managements, kurz bevor sich die Tür zur Hotelsuite in London-Kensington öffnet.

DIE ZEIT: Mr. McCartney, Sie haben ein Album mit alten Jazzsongs eingespielt, die Ihr Vater bei Familienfesten sang. Wie liefen solche Feiertage im Hause McCartney ab?

Paul McCartney: Mein Dad spielte meist einfach so im Wohnzimmer Klavier und sang dazu. Der Höhepunkt der Hauskonzerte war traditionell die Neujahrsparty der McCartneys, da wurde der Teppich zurückgerollt, und alle Frauen saßen um Dad herum, schlürften Rum mit schwarzem Johannisbeersaft, und spätestens nach einer halben Stunde sangen alle mit.

Der Höhepunkt der Hauskonzerte war die Neujahrsparty. Alle saßen um Dad herum, schlürften Rum mit Johannisbeersaft und sangen nach einer halben Stunde mit
Paul McCartney

ZEIT: Wie viele McCartneys kamen da zusammen?

McCartney: Mindestens hundert. Alle Onkel, Tanten, Großonkel, Cousins, Cousinen trafen sich bei uns. Stellen Sie sich mal vor, wie toll das klang, wenn alle sangen. Und das taten sie.

ZEIT: Empfanden Sie Jazzsongs wie It’s Only a Paper Moon oder Bye Bye Blackbird als Musik Ihrer Eltern oder als Ihre eigene Popmusik?

McCartney: Gute Frage, es war vor allem die Popmusik meiner Eltern. Dazu kamen aber die ersten Rock-’n’-Roll-Songs, die ich damals im Radio hörte, Songs von Fats Domino oder Little Richard. Die waren anders, irgendwie neu und aufregend, aber wissen Sie was? Die alte Musik gefiel mir besser. Ich habe bereits als Teenager verstanden, wie außerordentlich brillant diese alten Songs geschrieben waren. Die entstammten ja einer großartigen Musik-Ära, und das begriff ich schnell.

ZEIT: Sie sprechen ausschließlich von amerikanischer Musik.

McCartney: Selbstverständlich, die beste Musik kam damals aus den USA . Ich denke an Komponisten wie George Gershwin , Cole Porter oder Harold Arlen. Auch die amerikanischen Filme waren erstklassig. In Los Angeles , Chicago und New York wurden die kulturellen Standards für die ganze Welt gesetzt. Ich lese gerade ein Buch über George Gershwin , und da steht, dass damals fast jede Familie in den USA ein Klavier zu Hause hatte, egal wie arm sie war. Kein Wunder, dass so eine Gesellschaft Meister wie Gershwin hervorbrachte. Haben Sie schon den Film The Artist gesehen? Das ist ein sehr cleverer Film, der daran erinnert, was für eine kulturell reiche Ära das war.

ZEIT: Es war aber auch eine politisch sehr angespannte Zeit. Wir sprechen über Songs, die in den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden.

McCartney: Weltwirtschaftskrise, Kriegsstimmung – politisch keine gute Ära. Aber die Kultur blühte. Den Menschen, die die Weltwirtschaftskrise und die Weltkriege erlebten, half die Musik, diese bedrückenden Zeiten auszuhalten. Den McCartneys aus Liverpool ging es auch nicht gut. Aber in meiner Familie wurde nie geklagt. Die Stimmung war immer optimistisch. Unsere Laune signalisierte stets: Hey! Alles wird gut! Ich habe von klein auf gelernt: Egal wie schlimm die Lage auch scheint, zwei Dinge helfen immer – Musik und Humor. Das gilt für mich bis heute.

ZEIT: Ihr Vater hatte zeitweilig sogar eine eigene Band: Jim Mac’s Jazz Band. Erinnern Sie sich daran?

"Der Musikunterricht meiner Schulzeit war ein schlechter Witz"

McCartney: Leider gar nicht. Das war vor meiner Zeit, Ende der zwanziger Jahre. Da war mein Vater selber ein junger Mann. Als ich auf der Welt war, spielte Dad nur noch bei uns daheim Klavier. Meistens allein, aber manchmal auch mit seinem guten Freund Freddy River. Ich liebte es, wenn die beiden loslegten. Ich lag dann auf dem Teppich, lauschte und inhalierte die Harmonien und Strukturen dieser Songs.

ZEIT: Stimmt es eigentlich, dass Ihr Familienklavier im Liverpooler Musikladen Epstein’s gekauft wurde, den die Familie des späteren Beatles-Managers Brian Epstein betrieb?

McCartney: Sie haben recht. Ein unglaublicher Zufall. Diesem Klavier habe ich letztlich zu verdanken, dass auch mich die Lust packte, Songs zu komponieren.

ZEIT: Wo haben Sie mehr über Musik gelernt, in der Schule oder von Ihrem Vater?

McCartney: In der Schule habe ich über Musik absolut nichts gelernt. Der Musikunterricht meiner Schulzeit war ein schlechter Witz. Stellen Sie sich eine Klasse mit dreißig Jungen vor und einen Musiklehrer, der zu Unterrichtsbeginn eine Schallplatte mit klassischer Musik von Beethoven auflegt und dann den Raum verlässt, um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Kaum war die Tür zu, stoppten wir den Plattenspieler. Was stellten diese Pädagogen sich vor? Man kann doch nicht dreißig aufgeregte Jungs allein in einem Raum mit klassischer Musik lassen. Wir tobten eine Schulstunde lang, und kurz bevor der Lehrer zurückkam, stellten wir den Plattenspieler wieder an, setzten die Nadel ans Ende der Schallplatte und schauten sehr konzentriert drein, so als ob wir intensiv zugehört hätten. Was hätte ich da lernen sollen?

ZEIT: Wo haben Sie am meisten über Musik gelernt?

McCartney: Ich habe mir alles selber beigebracht und viel gelernt, indem ich einfach meinem Vater und Schallplatten zuhörte. Mit meiner ersten Gitarre versuchte ich dann umzusetzen, was ich abgespeichert hatte.

ZEIT: War Ihr erstes Instrument nicht eine Trompete, die Ihr Vater Ihnen schenkte?

McCartney: Das stimmt, aber ich spielte nur ein Jahr lang Trompete. Mein Problem mit der Trompete war, dass ich damit nicht spielen und gleichzeitig singen konnte. Also brachte ich sie zurück in den Laden und tauschte sie gegen eine akustische Zenith-Gitarre ein, die ich immer noch besitze.

ZEIT: War John Lennon mit den alten Jazzsongs so vertraut wie Sie?

McCartney: Er kannte nicht so viele Songs wie ich, aber einige hatte er auch ins Herz geschlossen. John hatte immer dieses Image, ein harter Kerl zu sein, ein Rocker, den man kaum mit sentimentalen Jazz-Oldies in Verbindung bringt, aber das ist eben ein Irrtum. Viele Menschen ahnen nicht, dass John Lennon sanfte Songs sehr liebte. Zum Beispiel die alte Nummer Little White Lies (schließt die Augen und summt: »Da da da da ... you told me these little white lies!«), das war eins von Johns absoluten Lieblingsliedern. Oder Close Your Eyes ... (singt laut: »Close your eyes, put your head on my shoulder and sleep!«). Dass John und ich beide diese Art von Musik sehr mochten, brachte uns natürlich auch beim Verfassen eigener Lieder zusammen. Die Kenntnis dieser Musik lieferte die Grundlage für unsere Beatles-Songs.

ZEIT: Sie saßen beisammen und fragten sich gegenseitig, wer welche Songs kennt?

McCartney: Genauso lief es. Ich sagte: »Kennst du das?« Und John antwortete: »Oh, und ich liebe es!«

ZEIT: Sie haben für Ihr neues Album zwei eigene Songs im Geist der alten Jazzstandards verfasst. Wird Komponieren mit den Jahren einfacher oder schwieriger?

McCartney: Das kommt immer wieder darauf an. Ich würde sagen, eigentlich hat sich da für mich nicht viel geändert. Es gibt Problemfälle und die Sorte Songs, die sich wie von alleine schreiben. Nehmen Sie Valentine vom neuen Album, das habe ich sozusagen nebenher im Urlaub geschrieben, genauer gesagt in der Lobby meines Hotels. Da stand im Foyer ein einsames Klavier, es war nachmittags nach dem Lunch, alle Hotelgäste waren ausgeflogen, das Personal machte sauber. Ich setzte mich an das Klavier und fing an, draufloszuspielen. Ich hatte die Melodie und den Großteil des Textes in ungefähr einer halben Stunde beisammen.

"Derzeit sitze ich an Musik für ein Computerspiel"

ZEIT: Entschuldigung, aber dass Paul McCartney allein in einer Hotellobby Klavier spielt, ohne dass es einen Menschenauflauf gibt, ist schwer vorstellbar.

McCartney: Aber es war genau so. Ich saß da alleine und wurde nicht behelligt. Vielleicht lag es am Wetter, draußen goss es in Strömen, und die meisten Hotelgäste waren wohl auf ihre Zimmer geflohen. Das hätte ich auch gemacht, wenn mich nicht die Sehnsucht, Klavier zu spielen, übermannt hätte. Ich habe natürlich vorher vorsichtig geschaut, wie viele Leute da rumlaufen, und als ich sah, dass es leer war, traute ich mich. Eine einsame Kellnerin sah mir zu und ein paar Jungs aus Marokko . Als ich merkte, dass das ein guter Song würde, lief ich schnell noch mal auf mein Zimmer, holte meine Handycam, legte sie auf das Klavier und filmte mich in der Lobby beim Spielen des Songs. Später auf meinem Zimmer sah ich mir den Film an, schrieb die Noten ab und hatte Valentine , ein Lied, das mir so gut gefiel, dass ich es für mein neues Album nutzte.

ZEIT: Das läuft bei Ihnen aber nicht immer so entspannt ab?

McCartney: Nein, einfache und anstrengende Songs halten sich ungefähr die Waage. Ich arbeite zurzeit an einem Song, den ich noch nicht im Griff habe. Das meiste ist fertig, aber da sind noch einige Kleinigkeiten, die mich stören. Ich weiß, dass ich das irgendwie geregelt kriege, aber es ist tatsächlich Arbeit.

ZEIT: In der Zeit, in der Sie als Teenager Jazzsongs lauschten, hatte Musik einen sehr viel höheren Stellenwert als heute. Entwertet es die Musik, wenn sie überall dudelt, auf jedem Handy, in jedem Coffeeshop?

McCartney: Als ich aufwuchs, gab es nur Radio und Schallplatten. Da konnte man sich leicht auf seine Favoriten konzentrieren. Heute ist das alles unübersichtlich, nehmen Sie das Internet: Dank YouTube könnte man ein Leben damit verbringen, sich durch unendlich viele Clips zu klicken. Musik ist heute tatsächlich überall, also nicht mehr so wichtig. Sogar jedes Computerspiel hat seinen eigenen Soundtrack.

ZEIT: Spielen Sie Computerspiele?

McCartney: Nein, allein schon, weil mir die Zeit fehlt. Mein Leben ist immer überfüllt. Ich bin ja schon froh, wenn ich Zeit finde, neue Platten aufzunehmen.

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, Songs für ein Computerspiel zu schreiben?

McCartney: Genau genommen sitze ich derzeit an Musik für ein Computerspiel. Dafür ist der Song, mit dem ich mich derzeit so abplage. Ich wurde gefragt, ob ich mir so was vorstellen könne, und fand es spannend. Außerdem ist das ein faszinierender Markt. Ein neues Computerspiel verkauft sich heutzutage ja viel besser als eine neue CD. Und man erreicht eine ganz andere Zielgruppe. Wahrscheinlich werden auf diese Weise viele junge Menschen zum ersten Mal meine Musik bei einem Videospiel hören. Und vielleicht ist es für sie so inspirierend, wie für mich der Jazz.

"Kisses On The Bottom" von Paul McCartney erscheint am 3. Februar bei Concord/Universal.