ZEIT: Entschuldigung, aber dass Paul McCartney allein in einer Hotellobby Klavier spielt, ohne dass es einen Menschenauflauf gibt, ist schwer vorstellbar.

McCartney: Aber es war genau so. Ich saß da alleine und wurde nicht behelligt. Vielleicht lag es am Wetter, draußen goss es in Strömen, und die meisten Hotelgäste waren wohl auf ihre Zimmer geflohen. Das hätte ich auch gemacht, wenn mich nicht die Sehnsucht, Klavier zu spielen, übermannt hätte. Ich habe natürlich vorher vorsichtig geschaut, wie viele Leute da rumlaufen, und als ich sah, dass es leer war, traute ich mich. Eine einsame Kellnerin sah mir zu und ein paar Jungs aus Marokko . Als ich merkte, dass das ein guter Song würde, lief ich schnell noch mal auf mein Zimmer, holte meine Handycam, legte sie auf das Klavier und filmte mich in der Lobby beim Spielen des Songs. Später auf meinem Zimmer sah ich mir den Film an, schrieb die Noten ab und hatte Valentine , ein Lied, das mir so gut gefiel, dass ich es für mein neues Album nutzte.

ZEIT: Das läuft bei Ihnen aber nicht immer so entspannt ab?

McCartney: Nein, einfache und anstrengende Songs halten sich ungefähr die Waage. Ich arbeite zurzeit an einem Song, den ich noch nicht im Griff habe. Das meiste ist fertig, aber da sind noch einige Kleinigkeiten, die mich stören. Ich weiß, dass ich das irgendwie geregelt kriege, aber es ist tatsächlich Arbeit.

ZEIT: In der Zeit, in der Sie als Teenager Jazzsongs lauschten, hatte Musik einen sehr viel höheren Stellenwert als heute. Entwertet es die Musik, wenn sie überall dudelt, auf jedem Handy, in jedem Coffeeshop?

McCartney: Als ich aufwuchs, gab es nur Radio und Schallplatten. Da konnte man sich leicht auf seine Favoriten konzentrieren. Heute ist das alles unübersichtlich, nehmen Sie das Internet: Dank YouTube könnte man ein Leben damit verbringen, sich durch unendlich viele Clips zu klicken. Musik ist heute tatsächlich überall, also nicht mehr so wichtig. Sogar jedes Computerspiel hat seinen eigenen Soundtrack.

ZEIT: Spielen Sie Computerspiele?

McCartney: Nein, allein schon, weil mir die Zeit fehlt. Mein Leben ist immer überfüllt. Ich bin ja schon froh, wenn ich Zeit finde, neue Platten aufzunehmen.

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, Songs für ein Computerspiel zu schreiben?

McCartney: Genau genommen sitze ich derzeit an Musik für ein Computerspiel. Dafür ist der Song, mit dem ich mich derzeit so abplage. Ich wurde gefragt, ob ich mir so was vorstellen könne, und fand es spannend. Außerdem ist das ein faszinierender Markt. Ein neues Computerspiel verkauft sich heutzutage ja viel besser als eine neue CD. Und man erreicht eine ganz andere Zielgruppe. Wahrscheinlich werden auf diese Weise viele junge Menschen zum ersten Mal meine Musik bei einem Videospiel hören. Und vielleicht ist es für sie so inspirierend, wie für mich der Jazz.

"Kisses On The Bottom" von Paul McCartney erscheint am 3. Februar bei Concord/Universal.