NaturkundeEin Sack voller Pläne

In den Vitrinen des Naturkundemuseums Berlin lagert enormes Wissen. Davon sollen künftig alle Bürger profitieren. Ein Gespräch mit dem neuen Generaldirektor Johannes Vogel von 

DIE ZEIT: Sie kommen aus London , vom Natural History Museum , einem der berühmtesten Naturkundemuseen der Welt. War diese Institution schon immer das Vorbild für ein modernes Museum?

Johannes Vogel: Heute ist London sehr modern – Weltklasse. Es gibt aber eine wunderbare Geschichte über das Museum aus dem frühen 20. Jahrhundert, die vermutlich eine moderne Legende ist. Aber sie lehrt uns umso mehr: Neben den Sammlern, die Käfer und Pflanzen sortierten, soll es auch jemanden gegeben haben, der die Schnüre aufbewahrte, mit denen die vielen Pakete ans Museum umwickelt waren. Er hatte eine Schublade mit fünf Meter langen Schnüren, eine mit drei Meter langen Schnüren. Und auf einer Schublade stand: »Zu kurz, um noch benutzt zu werden«. Wenn ein Gehirn ein Leben lang darauf getrimmt wird, alles zu sammeln und zu systematisieren, ist das Ergebnis nicht immer sinnvoll.

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ZEIT: Die in mühsamer Kleinarbeit erzeugte Systematik, das strukturierte Wissen: Ist nicht gerade das der Wert einer Sammlung?

Vogel: Stimmt. Würde jetzt jemand hier in Berlin ins Museum einbrechen und alles durcheinanderbringen, die Gläser vertauschen, die Etiketten wechseln, wäre der Wert verloren. Wir kämpfen als Kuratoren beständig gegen die Entropie.

20 Jahre Sammelleidenschaft

Das Museum für Naturkunde heißt offziell auch noch Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der komplizierte Name verrät viel über Geschichte und Aufgaben des Hauses: Sein Ursprung liegt mehr als 200 Jahre zurück. 1810 werden mit der Gründung der Berliner Universität Unter den Linden drei Museen integriert, deren Sammlungen 70 Jahre später zwei Drittel des Universitätsgebäudes füllen. 1889 eröffnet Kaiser Wilhelm II. das heutige Gebäude, dessen Sammlungsflügel im Zweiten Weltkrieg zerstört wird. Erst zum Jubiläum 2010 wird der wieder aufgebaute Ostflügel neu eröffnet. Das Museum ist ein Jahr zuvor in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt worden und seither Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Unter seinem Dach finden sich mehr als 30 Millionen Objekte. Die Sammlungen sind aber weit mehr als Zeugnisse der Naturgeschichte oder ein begehbares Lehrbuch, das jährlich von mehr als 500.000 Besuchern bestaunt wird. Hier findet international anerkannte Forschung zu aktuellen Fragen der Evolution und Ökologie statt. Der künftige Direktor will noch mehr: Gesellschaft und Politik beraten.

ZEIT: Und der Lohn ist Ordnung.

Vogel: Aber diese Ordnung ist nicht Selbstzweck. Die Frage ist: Kann sie hilfreich sein?

ZEIT: Sie haben in der Einstandsrede vor Ihren Berliner Mitarbeitern globale Herausforderungen benannt: den Klimawandel , die Versorgung der Menschheit mit Wasser und Nahrung, soziale Gerechtigkeit. Und die Biodiversität. Die Herausforderung Klimawandel haben viele Menschen verstanden. Die Herausforderungen Wasser, Nahrung und Gerechtigkeit sind für die meisten nachvollziehbar. Aber ist Biodiversität tatsächlich eine globale Herausforderung?

Vogel: Das hängt doch alles miteinander zusammen. Nahrung, Kleidung, Energie, das stellen alles die biologischen Systeme bereit. Schauen wir uns einmal um: Wir trinken gerade ein Bier, ein biologisches Produkt. Wir tragen Kleidung aus Wolle oder Baumwolle, biologische Produkte. Den Großteil unserer Medikamente liefert die Natur, unsere Nahrung sowieso. Und die Verteilung von allem hat mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Sie sehen, Biodiversität spielt hier eine große Rolle.

ZEIT: Aber jeder Politiker wird vor Ihren unzähligen Glasgefäßen, Schachteln und Schubladen stehen und fragen: Warum muss man dafür so viele Fische, Knochen oder Käfer sammeln?

Vogel: Die Antwort ist einfach. Wir können nur mit der Komplexität der Umwelt umgehen, wenn wir ihre Basis verstehen. Dafür brauchen wir ein Archiv, das wir der ganzen Welt öffnen können.

ZEIT: Das klingt sehr pathetisch.

Vogel: Ist aber pragmatisch gemeint. Lange Zeit wurden Sammlungen nur für Kollegen aufgebaut und geöffnet: Zeigst du mir deine Käfer, zeig ich dir meine Käfer. Das kann nicht richtig sein. Die Käfersammlung und die in ihr enthaltene Information muss allen zugänglich gemacht werden, dem Wissenschaftler, der über die Folgen des Klimawandels arbeitet, wie der Großmutter, die wissen will, welches Tier sich in ihrem Garten ausbreitet. Das Museum ist im Idealfall eine gesellschaftliche Institution, und es muss sich weiter hinein in die Gesellschaft begeben.

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