Wenn wir von den Christen im Irak reden, müssen wir zuerst von Zahlen sprechen. Rund 1,5 Millionen waren es vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im März 2003. Heute sind geschätzte 400.000 übrig. Hunderttausende flüchteten vor Gewalt und Verfolgung. Allein im Jahr 2005 kamen rund 800 irakische Christen durch gezielte Anschläge ums Leben. Im Oktober 2010 gab es das bislang letzte große Attentat : Islamistische Terroristen erstürmten die Kathedrale in Bagdad und töteten 68 Menschen. Massenmorde wie diese verbreiten Angst unter den Gläubigen. Hält der Trend zur Emigration an, könnte es bald keine Christen im Irak mehr geben.

Der Bischof von Erbil, Baschar Warda, glaubt das trotz der Zahlen nicht: »Es wird immer Christen im Irak geben, und wenn nur zehn Familien übrig bleiben !« Der Bischof will nichts beschönigen, aber Zuversicht verbreiten. Das gehört zum Selbstverständnis jeder bedrohten Gemeinde, außerdem sitzt er im Bistum Erbil, in der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan , in einer vergleichsweise sicheren Position. Hier ist es für irakische Verhältnisse ruhig. Es gibt so gut wie keine Attentate. Zwar sind auch unter den Kurden islamistische Extremisten, doch bisher beschränkten sie sich darauf, einige Alkoholläden in der nördlich gelegenen Stadt Dohuk anzugreifen. In Ankawa, dem rund 40000 Einwohner zählenden christlichen Viertel von Erbil, geht das Leben ungestört seinen Gang.

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Bischof Warda predigt jeden Sonntag um fünf Uhr nachmittags in der prall gefüllten St.-Josephs-Kirche, auch die anderen Kirchen Ankawas sind gut besucht, an Sonntagen wie Werktagen hört man Gebete. Viele Kirchgänger sind Flüchtlinge aus dem Süden des Landes, sie kommen aus Bagdad, Basra , vor allem aber aus Mossul, das nicht weit von Erbil liegt und ein Hort des islamistischen Extremismus ist. Kurdistan ist für sie oft die erste Station, bevor sie irgendwo in der Welt Asyl beantragen – und manchmal auch bekommen.

Die kurdische Regierung meint es einigermaßen gut mit den Christen. Sie hat eine recht ansehnliche Summe zur Verfügung gestellt, damit diese ihre Traditionen pflegen können. Im Ministerium für Kultur und Jugend gibt es eine eigene Abteilung für »Assyrische Kultur«, denn die ethnische Minderheit der Assyrer ist christlich. Die christliche Gemeinde selbst teilt sich in fünf verschiedene Kirchen auf, wobei die chaldäisch-katholische die größte ist. 70 Prozent der irakischen Christen gehören ihr an.

Der Schriftsteller Saadi al-Malih ist Direktor der Abteilung für Assyrische Kultur in Kurdistan, und er hat in den letzten Jahren – ganz entgegen der gesamtirakischen Entwicklung – einiges für die Assyrer aufbauen können. Dazu gehört eine Bibliothek über assyrische Kultur und Geschichte, die dem allgemeinen Publikum ebenso wie Forschern offensteht, dazu gehören Tagungen, Lesungen, Konzerte, und dazu gehört vor allem ein Museum für Assyrische Kultur, das vor einigen Monaten seine Tore geöffnet hat. Es will zeigen, dass die assyrischen Christen seit fast 2000 Jahren Teil dieser Gesellschaft sind.

Saadi al-Malih selbst ist kein Gläubiger, er war früher Kommunist, bevor er nach Kanada ging und dort bis zum Sturz Saddam Husseins 2003 blieb. Er hält es für möglich, dass die Christen im Irak – er sagt »das assyrische Volk« – dort gänzlich verschwinden. Das mag auch der Grund sein, warum er sich jede Nacht zwischen elf und zwei Uhr hinsetzt, um Geschichten aus dem christlichen Viertel Ankawa zu notieren. Eine Arbeit des Bewahrens im Schatten der Katastrophe.

Stärker als in Erbil ist die Bedrängnis der Christen in Städten wie Kirkuk spürbar. Hier leben noch 10.000 bis 12.000 Christen von rund 30.000, die es vor 2003 gab. Sie sind ein verschwindend kleiner Bevölkerungsteil der 1,3 Millionen Einwohner zählenden Stadt. Um Kirkuk kämpfen Araber und Kurden, ihr Streit zerreißt die Stadt. Zwar war der Höhepunkt der Gewalt bereits in den Jahren 2005 bis 2008, doch bis heute gehören Bombenattentate zum Alltag. Auch Kirchen bleiben ein Ziel des Terrors. Deshalb wird der Bischofssitz von Kirkuk viel schwerer bewacht als der von Erbil. »Leider leben wir in Zeiten«, sagt Kirkuks Bischof Louis Sako, »in denen die extremistische Karte Trumpfkarte ist. Alle versuchen damit etwas zu gewinnen!«

Sako glaubt, dass die Mehrheit der Iraker kein Problem mit Christen und anderen Minderheiten habe. Doch die Gemäßigten besäßen im Moment kein Gewicht. Bagdad sei durch politische Machtkämpfe gelähmt und könne daher wenig Schutz bieten. »Wir leiden, so wie alle Iraker leiden!«, sagt er und betont, dass die Christen fester Bestandteil des Landes seien. Sie könnten zudem eine Brücke zwischen den verfeindeten Gruppen schlagen: Wegen ihrer zahlenmäßigen Schwäche könnte niemand die Christen verdächtigen, sie wollten die jeweils andere Seite dominieren. Frieden muss ihr ureigenstes Interesse sein, davon hängt ihre Existenz mehr als die aller anderen Gruppen ab. Doch Frieden kennt der Irak seit vielen Jahren nicht mehr.

In den Augen islamistischer Extremisten sind die Christen wegen ihres Glaubens Vertreter des Westens – und der Westen steht für alles, was man bekämpfen muss: Imperialismus, Sittenverfall, Blasphemie. Dabei haben irakische Christen mit anderen Irakern mehr gemein als mit Europäern oder Amerikanern. Doch das wollen die Extremisten nicht hören. Sie sind mit Blindheit geschlagen und beschädigen mit jedem Anschlag die Identität des Landes, das sie zu verteidigen vorgeben.