Iran Käuferstreik
Die Mullahs werden nur getroffen, wenn auch die Verbraucher leiden.
Der Streit über die Zukunft der Atomkraft und die des grünen Stroms lässt leicht in Vergessenheit geraten, dass sich die wichtigste Energie weiter anders buchstabiert: Es ist noch immer das Öl. Jener Stoff, von dem Europa nicht viel hat, ohne dessen Nachschub sich aber auf Europas Straßen fast nichts bewegt.
Jetzt haben die Europäer beschlossen, ausgerechnet diese prekäre Energie als ökonomische Waffe einzusetzen – mit dem Ziel, den Iran davon zu überzeugen, nicht länger an der Atombombe zu basteln. Nachdem offenbar alle diplomatischen Bemühungen nichts gefruchtet haben, wollen die Europäer das Mullah-Regime von Juli an mit einem Käuferstreik bestrafen. Europa selbst soll er nicht wehtun.
Tatsächlich liegt dieser Hoffnung Wunschdenken zugrunde. Der Boykott iranischen Öls wird Europa einiges kosten. Und sollte er dies wider Erwarten nicht tun, kann er den Iran kaum einschüchtern.
Dabei sprechen die Zahlen zunächst für die Logik des Embargos: Rund 20 Prozent der iranischen Ölexporte gehen bisher nach Europa, aus Europas Sicht entspricht dies aber nur etwa fünf Prozent aller Ölimporte. Das scheint zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Scheint, denn tatsächlich enthält das Kalkül viele Unbekannte. Entweder bleibt der Schaden für das Mullah-Regime gering – oder es leiden mit den Mullahs und dem iranischen Volk auch Europas Autofahrer.
Die Frage ist, ob die täglich 450.000 Fass Öl, die Europa zurzeit noch aus dem Iran bezieht, vom Weltmarkt verschwinden oder andere Abnehmer finden. Dafür gibt es einige Kandidaten: China, Japan, Indien und Südkorea, die anderen Großabnehmer iranischen Öls. Wenn Teheran ihnen Rabatte anbietet, um nicht auf dem bisher in die EU gelieferten Anteil sitzen zu bleiben, könnten sie zuschlagen, um die zusätzlichen Mengen entweder weiterzuverkaufen oder mit ihnen ihre strategischen Ölreserven aufzustocken. In diesem Fall wäre der Schaden für Europas Verbraucher gering – aber eben auch der für den Iran. Das Embargo hätte sein Ziel weitgehend verfehlt, die EU wäre um eine Blamage reicher.
Würden sich China und Co. dem Boykott anschließen, erhöhte sich zwar der Druck auf den Iran. Aber zu den Leidenden würden dann auch die Verbraucher gehören, in Europa und anderswo. Schließlich stünden in diesem Fall dem Weltmarkt mehr als zwei Millionen Fass pro Tag nicht mehr zur Verfügung; das ist dermaßen viel, dass auch der Ölriese Saudi-Arabien nicht mehr für vollständigen Ersatz sorgen könnte. Die Preise stiegen massiv, das Feld für die Spekulanten wäre bereitet, die Folgen für die Europäer größer, als ein Blick allein auf die Menge nahelegen würde.
All das spricht nicht gegen den Versuch, den Iran mittels Boykott von seinen Atomplänen abzuhalten. Auf Illusionen sollte diese Strategie aber nicht basieren.
- Datum 25.01.2012 - 15:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
- Kommentare 10
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Wir müssen auf erneuerbare Öle, äh Energie umsteigen! Wir müssen, müssen, müssen...
Was wir nicht alles Müssen. Am Ende müssen wir nur eins: Sterben, so wieder jeder auf der Welt!
müssen wir...
auch wenns leute gibt die meinen strom kommt aus der steckdose und benzin aus der Tankstelle
müssen wir...
auch wenns leute gibt die meinen strom kommt aus der steckdose und benzin aus der Tankstelle
Ich hoffe, dass die Europäer zusammenhalten und vielleicht noch andere Länder sich dem Boykott anschließen.
Sollte der Ölpreis steigen, wäre das nur gut. Denn
Erstens, würde die Nachfrage dadurch geringer und weniger klimazerstörendes CO2 ausgestoßen und
zweitens die Entwicklung von Alternativen zum Öl würde beschleunigt.
drittens, würden endlich auch viel mehr kleinere, spritsparende Autos nachgefragt und die unselige Entwicklung nach immer stärkeren und mega-spritschluckenden Motoren, langfristig gestoppt. Diese dicken SUVs, die keiner braucht, werden doch nur gekauft, um damit zu protzen.
Ein steigender Ölpreis ist daher etwas GUTES.
"Die Mullahs werden nur getroffen, wenn auch die Verbraucher leiden."
Geht es bei den Sanktionen eher darum, die Produktion von Atomwaffen zu verhindern oder gegen eine Religion (und ihre Gelehrten) vorzugehen?
Die Schlagzeile ist unpassend.
"Jetzt haben die Europäer beschlossen, ausgerechnet diese prekäre Energie als ökonomische Waffe einzusetzen"
Komisch, wenn der Iran Öl als Waffe einzusetzen droht, ist das natürlich völlig illegitim, schon klar.
@jemandanders
Bei diesem schlechten Theaterstück geht es v.a. darum, die Leitwährung Dollar zu retten, da der böse Iran auf die Idee gekommen ist, sein Öl in anderen Währungen zu verkaufen. Das Öl und die Lage des Iran im Nahen Osten spielen wahrscheinlich auch noch eine Rolle, aber die Währung ist vermutlich der wichtigere Grund...daher sollen ja v.a. auch die iranischen Zentralbanken bluten. Zudem hat der Iran eine iranische Ölbörse eröffnet usw. usf.
…finde ich diese homo-oeconomicus-Argumentationen auf ethischer Null-Höhe extrem abstoßend.
Wer die Welt retten will (Iran vom Atomprogramm abhalten will), der darf auch keine Geschäfte mit dem Bösewicht machen. So einfach ist das in einer gerade denkenden Welt.
Der übliche Kniff, durch Handel den Bösen zu bekehren (und sich selbst noch einen Gefallen zu machen), führte in vielen Fällen dazu, den Bösen erst richtig mächtig zu machen.
Außerdem ist es scheint's mal wieder Zeit, in Erinnerung zu rufen, dass das Ajatolla-Regime im Irak durch westliche Initiative installiert wurde. Deutschlands Lieblingspolitstar Helmut Schmidt war damals mit dabei: http://de.wikipedia.org/w...
Ich sehe das ganz ähnlich wie checkbox. Die Atomwaffenproblematik ist zu vernachlässigen gegenüber der eigentlich Bedrohung, die der Iran auf den Dollar ausübt: Den Verkauf des Öls in Nicht-USD Währungen.
Übrigens hat auch Saddam Hussein das irakische Öl etwa 3 Jahre lang in EUR verkauft, bis der Irak-Krieg ausbrach. Die Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein waren wirtschafspolitischer Natur.
Ganz nebenbei finde ich, dass die Reaktionen Russlands auf die Iranpolitik des Westens erstaunlich wenig Beachtung in deutschen Medien finden.
müssen wir...
auch wenns leute gibt die meinen strom kommt aus der steckdose und benzin aus der Tankstelle
Wir erleben hier, dass man nur genug mit Dreck werfen muss, damit was hängenbleibt, denn inzwischen ist es Sprachgebrauch, dass Iran Atomwaffen baut. Dabei gibt es dafür keinen Beweis - auch die IAEA hat seit Jahren keine neuen Erkenntnisse. Außerdem könnte dieser Streit lange beigelegt sein, schließlich gab es mal eine sinnvolle Vereinbarung die die Türkei und Brasilien mit Iran getroffen haben - zum Scheitern gebracht von den USA. Genauso wie das erneute Angebot Ahmadinejads bei der UN-Vollversammlung, die Urananreicherung einzustellen, sofern der iranische Forschungsreaktor versorgt würde, überhört wurde:http://irananders.de/home/news/article/der-westen-draengt-iran-in-die-falsche-richtung.html
Eine Eskalation geht hier von den USA aus, die nicht akzeptieren können, dass sich ein Land so vehement ihrer Politik der weltweiten Vorherrschaft widersetzt. Und die europäischen Regierungen machen sich aus Angst zu Lakaien der USA. Für die USA sind vielleicht auch die Rüstungsgeschäfte, die die Kriegsdrohungen befördern das beste Konjunkturprogramm. Jedenfalls sind diese erneuten Sanktionen ein Unsinn - das "Einfrieren" iranischer Gelder nichts als Diebstahl und alles wird nichts am iranischen Atomprogramm ändern. Für die iranische Bevölkerung wird das Leben vielleicht ein bisschen schwieriger, schließlich werden 93% der Haushalte durch Direktzahlungen aus den Öleinnahmen unterstützt. Aber verhungern werden die Iraner nicht und sie stehen hinter ihrem Atomprogramm.
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