Meine Beine sind abgebunden. In ihnen fließt kein Blut mehr, es steht still. Druckmanschetten um die Oberschenkel halten es zurück. Das Einzige, was von meinen unteren Gliedmaßen nach oben dringt, ist Schmerz.

Ich stehe auf einer vibrierenden Platte und mache Kniebeugen. An der Wand vor mir hängt das Foto einer Damen-Volleyballmannschaft. Große junge Frauen in Lila. Mir wird schlecht. Ich bin unten, komme nicht mehr hoch – und kippe nach hinten wie ein umgesägter Baum. Ein Stuhl fängt mich auf. Sechzig Sekunden sitzen, leiden, warten auf die Erlösung. Darauf, dass Luft aus den Druckmanschetten weicht und Blut in die Beine strömt. Warm fließt es durch die Arterien, bringt Sauerstoff, nimmt den Schmerz. Ich rutsche vom Stuhl.

»Dass man beim ersten Mal umkippt, ist normal.« Piero Fontana lächelt. Er hat schon viele Profisportler gesehen, die sich auf diesem Stuhl, in diesem Zimmer übergeben haben. »Wir führen jeden an seine Grenze, aber nicht weiter.« Fontana ist Geschäftsführer von exersciences, eines Unternehmens, das aus der ETH Zürich hervorgegangen ist. Die Firmenlabors liegen auf dem Universitätscampus Irchel, Gebäude Y17. Der Raum, von dessen Boden ich mich wieder hochgerappelt habe, ist nicht größer als ein Kleintransporter: Schrankwand, Tisch, Stuhl, Sportgeräte, ein Fenster mit Blick über Zürich. Hier hat man ihn vielleicht gefunden, den Stein der sportwissenschaftlich Weisen – die Formel, die schon Hunderte Ratgeberautoren und Pillenhersteller versprochen und nicht geliefert haben: kurzes Training = große Wirkung auf Kraft und Ausdauer.

Eigentlich kann die Gleichung nicht aufgehen. Kraft- und Ausdauertraining passen nicht zusammen, das eine schwächt die Effekte des andern ab. Ausdauertraining muss dauern, wer lange Wettkämpfe hat, muss lange Einheiten trainieren. So steht es in den Lehrbüchern. So sind die Regeln.

Doch Fontana sagt: »Trainingsmethodik sollte nicht auf Traditionen basieren, sondern auf Daten.« Daten über Muskelfasern, Mitochondrien, Kapillaren, Enzyme. Training ist ein Reiz, auf den der Körper reagiert, indem er sich anpasst. Um Training zu optimieren, müsse man dort hineinschauen, wo die Anpassung passiert: in Muskeln und Zellen.

Durch den metabolischen Stress kräftigen sich die Muskeln

Was ich heute mache, ist eine Reizverstärkung. Ich lasse Maßnahmen über mich ergehen, die die Effekte des Trainings steigern: mehr metabolischer Stress in den Muskeln, mehr Schmerz, mehr Wirkung. Auf diesem Prinzip basiert Endurex, das von exersciences entwickelte Trainingskonzept. Es kombiniert Rad-Sprints mit speziellem Krafttraining auf einer Vibrationsplatte. Das ganze Training dauert – inklusive Pausen – zwischen 15 und 45 Minuten. Eine Einheit kostet rund 100 Euro. »Was wir hier machen«, sagt Fontana, »widerspricht vielen Regeln, an die sich Sportler normalerweise halten.«

Ich sitze auf dem Sattel eines Standfahrrads, das aussieht, als stamme es aus dem ersten Fitnessstudio auf Erden, und fange an zu sprinten. Ohne Warmfahren, ohne Vorbelastung. Ich mache Wingate-Tests: drei Sekunden beschleunigen, dann kommt der Widerstand. Zehn Prozent meines Körpergewichts bremsen meine Tretfrequenz so, wie eine gezogene Handbremse eine Autobahnfahrt verlangsamt. Ich hatte mir vorgenommen, den Schmerz auszublenden, geistig weit weg zu sein. Es klappt nicht. Ich bin ganz da, kann nicht denken, nur fühlen. Die ganze Zeit über, die ganze Ewigkeit: drei mal dreißig Sekunden Belastung, dazwischen zwei Minuten Pause. Danach fühlen sich meine Beine labberig an, als hätte Säure die Knochen darin aufgelöst.