Schwer zu sagen, wann es Ulla Gösch* erwischte. Schleichend nahmen die Symptome zu. Sie waren unspezifisch und, jedes für sich genommen, auch noch halbwegs erträglich. Einen Namen gab es für ihr Problem schon gar nicht. Bloß immer wieder dieses beunruhigende Gefühl, dass irgendwas nicht normal war. Oft fühlte sich die Hamburger Kulturmanagerin schwach und ohne Energie. Ihr Immunsystem machte schlapp – jeden Infekt aus ihrer Umgebung schien sie mitzunehmen. Ihr Blutdruck war erhöht. Sie wurde übergewichtig, doch gleichzeitig schienen Hals und Schultern immer zierlicher zu werden. Über der Brust verspürte sie einen Druck.

Dann, vor gut zwei Jahren, reichte es ihr. Sie ging zum Doktor. Ihr Hausarzt ermittelte eine Schilddrüsenunterfunktion als Grund für die überschüssigen Pfunde. Wegen des hohen Blutdrucks überwies er sie an einen Kardiologen. Der veranlasste eine Kernspintomografie ihrer Nieren. Heraus kam dabei nichts.

Am Ende hatte Frau Gösch ein Rezept für blutdrucksenkende Tabletten in der Hand und ein zweites für eine Schilddrüsenhormontherapie – und im Kopf lauter Zweifel. Sie begann, im Internet zu recherchieren. Und entdeckte einen amerikanischen Fachartikel über eine Frau mit ähnlichen Beschwerden. Bei der hatte man auf den Kernspin-Aufnahmen eine Ursache für den Bluthochdruck gefunden, eine Verengung der Nierenarterien. Zugrunde lag dem ein Ereignis aus ferner Vergangenheit: Als junge Frau war die Amerikanerin an Morbus Hodgkin erkrankt, Lymphdrüsenkrebs. Jahrzehnte später traten bei ihr – als Spätfolgen der Krebstherapie – dann Blutgefäßprobleme und Bluthochdruck auf. Eine Nebenwirkung der rabiaten Bestrahlung von damals. Als sie davon las, klingelte es bei Ulla Gösch.

25 Jahre war es schon her und fast vergessen. Mit 19 hatte die damalige Chemiestudentin Knoten in der linken Schlüsselbeinkuhle ertastet. Schnell hatte die Diagnose festgestanden: Lymphdrüsenkrebs in einem frühen Stadium. Wie damals üblich, hatte man ihr die Milz entfernt und die befallenen Regionen großzügig und kraftvoll mit Strahlen bombardiert, 44 Gray (die Einheit Gray bedeutet Joule pro Kilogramm Körpergewicht; mit einer so hohen Dosis wird Lymphdrüsenkrebs heute nicht mehr behandelt). Der Krebs verschwand. Nach fünf Jahren der Nachsorge hatten die Ärzte Gösch aus der Obhut des medizinischen Systems entlassen. Als geheilt, wie sie glaubte.

Heute, drei Jahrzehnte nach ihrer Rettung, sieht es nun so aus, als werde ihr die Rechnung präsentiert. Offenbar ist sie mitnichten gänzlich geheilt, sondern eher, wie sich die Krankheitsveteranen selbst bezeichnen, nur eine »Langzeitüberlebende«. Und als solche auf vertrackte Weise lebenslang mit ihrer Krebserkrankung verbunden.

Ulla Gösch erlebt nun die Schattenseite der außerordentlich erfolgreichen Krebsmedizin. Früher, noch vor vierzig, fünfzig Jahren, waren Mediziner froh, wenn sie der tödlichen Krankheit – mit welchen Mitteln auch immer – ein paar Jahre oder auch nur Monate Lebenszeit abtrotzen konnten. Langzeiteffekte von Chemotherapeutika oder massiver Bestrahlungen waren von untergeordnetem Interesse oder sogar unbekannt. Doch seit insbesondere die Krebstherapie bei Kindern fantastische Fortschritte macht, wird es immer mehr zur Regel, dass Patienten eine Krebserkrankung für lange Zeit überstehen.