Die Entdeckerfreude von Lothar-Günther Buchheim war 1955 äußerst groß. Bei einer Vorbesichtigung im Stuttgarter Kunstkabinett von Roman Norbert Ketterer hatte er unter der Rückseite eines Gemäldes von Erich Heckel aus dem Jahr 1921 die Ahnung eines Frühwerks durchschimmern sehen. »Seit wann interessiert sich der Buchheim für das Spätwerk Heckels?«, fragte man sich in dem Auktionshaus. Buchheim verbarg seine Freude über den Fund, ersteigerte das vermeintliche Spätwerk für 900 Mark, um dann die Rückseite freilegen zu lassen. Zutage trat Der schlafende Pechstein, ein markantes Porträt im Liegestuhl aus dem Sommer des Jahres 1910 – ein Hauptwerk Heckels.

Seither schaute auch Ketterer vor seinen Auktionen genauer auf die Rückseiten der Einlieferungen. Von ihm wurden zahlreiche Expressionisten buchstäblich freigelegt. Auch sein neun Jahre jüngerer Bruder, der Kunsthändler Wolfgang Ketterer, interessiert sich für die mit weißer Farbe übertünchten Rückseiten der »Brücke«-Künstler. So wurde Pechsteins Gemälde Inder mit Frauenakt auf seine Veranlassung hin 1986 vom Überstrich befreit. Bis zu diesem Zeitpunkt war nur das Früchte-Stillleben auf der Vorderseite bekannt (ZEIT Nr. 50/11).

Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, hat das bei Ketterer versteigerte doppelseitig bemalte Gemälde mit einem Erlös von 3,5 Millionen Euro nicht nur seinen Schätzpreis verdreifacht, sondern auch gleich einen dreifachen Rekord eingefahren: Es ist das bislang teuerste Werk des Künstlers überhaupt, das teuerste Bild, das Ketterer je verkauft hat, und das teuerste, das letztes Jahr in ganz Deutschland versteigert wurde.

Pechstein selbst hatte seine Inder-Szene übermalt, um dort den Preis für das Stillleben der Vorderseite zu vermerken – 500 Mark. Von diesem Betrag hätte der Künstler neun Monate lang die Miete für sein Atelier zahlen können.

Nun ist bei einem anderen Bild eine weitere Rückseite freigelegt worden, es stammt ebenfalls von Max Pechstein. Auf der Rückseite einer Komposition aus dem Kriegsjahr 1917 versteckte sich ein knappes Jahrhundert lang ein Damenbildnis, das den Wert der Leinwand vervielfachen dürfte. In monatelanger Feinarbeit haben zwei Restauratoren die weiße Leimfarbe mit Wattestäbchen entfernt, mit Mikroskalpell, Lupenbrille und Mikroskop. Die Freilegung kostete rund 20.000 Euro. Zu einer solchen Investition muss man sich durchringen, zumal das Risiko besteht, dass sie nicht immer zu dem erhofften Ergebnis führt. Im aktuellen Falle ist das Resultat jedoch spektakulär: Pechsteins Porträt aus dem Jahre 1910 zeigt eine Dame mit einem riesigen Rohrfederhut, vor knallroter Wand.

Ihre Gesichtszüge mit den undefinierbaren Augenhöhlen entsprechen einer expressionistischen Hässlichkeit, wie man sie bei Pechstein selten antrifft. Der schwarze Kopfschmuck mit den pastos aufgetragenen Seidenblumen steht in krassem Gegensatz zum Rest der zierlichen Person. Ihren engen »Humpelrock« hat sie mit einer Hand leicht nach oben gerafft, um überhaupt stehen zu können. Gerade dieser Mangel an Gefälligkeit macht die Darstellung der Unbekannten interessant.

Während es sich bei der Vorderseite um ein unauffälliges Blumenstillleben handelt, dessen dunkle, gesetzte Farbpalette Pechsteins endgültigen Abschluss mit dem Brücke-Expressionismus veranschaulicht, kann man beim Damenbildnis erahnen, wie sehr das wilhelminische Publikum Pechsteins Gemälde als Angriff auf die Sinne empfand: Grelle Farben – Orange und Grün, Gelb und Dunkelblau – sind mutig nebeneinandergesetzt.