Roman "Haus der Löcher" Die Sex-jetzt-Taste drücken
Der amerikanische Autor Nicholson Baker wollte einen richtig supernetten, schönen Porno schreiben.
Einen Sexroman erkennt man daran, dass es in ihm um nichts anderes als Sex geht. Nicht um Geschäfte, Intrigen, Geld, Familien, Macht, Krieg, Politik und all diesen komplizierten, zentnerschweren Erdenstoff, der sich in herkömmlichen Romanen breitmacht. Im Sexroman geht es nur um Mösen, Schwänze, Hintern, Brüste und alles Erfreuliche, was man damit machen kann. Sexromane, könnte man meinen, müssten deshalb – verglichen mit Familien-, Bildungs- oder Gesellschaftsromanen, den üblichen Schwertransportern der Literatur – literarische Leichtgewichte sein, so etwas wie ein offener Zweisitzer, mit dem man sorglos im Sonnenschein auf leeren Küstenstraßen einer vielversprechenden Nacht entgegenbraust.
Gemessen an diesen Erwartungen und der deutlich gesenkten Komplexitätsstufe im Stofflichen, gibt es erstaunlich wenige diskutable Sexromane. Hält man de Sades sexuelle Versuchsanordnungen eher für Philosophie, Georges Batailles pornografische Einlassungen eher für Metaphysik, Michel Houellebecqs Swingerclub-Prosa eher für große Tragödie und Jonathan Littells Nazi-Pornografie eher für ein Geschäftsmodell, bleiben neben Henry Miller, Anaïs Nin, Catherine Millet, Charlotte Roche und der längst vergessenen Rosy Rosy nur wenige Autoren übrig, die im Genre der reinen Pornografie Ehrgeiz zeigen. Der 55-jährige amerikanische Autor Nicholson Baker, einem breiteren Publikum bekannt durch seinen Telefonsexroman Vox, möchte gerne dazugehören. Aber wie geht das: gute Pornos schreiben in pornografischen Zeiten?
Bakers neuer Roman entwirft eine erotische Utopie, wie sie sich die Kommune I nicht schöner hätte erträumen können. Das titelgebende Haus der Löcher ist ein Institut, in dem sexuelle Wünsche, ungebremst durch die Widerspenstigkeit der Wirklichkeit, wie durch Zauberhand erfüllt werden. Es ist eine Art Hogwarts (Fußnote für Kinderlose: Das ist die Zauberschule bei Harry Potter) für den gebildeten Erotomanen, ein sehr amerikanisch – will sagen einerseits paramilitärisch, andererseits zwanghaft gut gelaunt – geführtes Etablissement der totalen sexuellen Erfüllung.
An der Pforte zu diesem Wunderland wacht Lila, eine Mischung aus Domenica und Fräulein Rottenmeier. Die Aufnahme ist kostspielig, umfasst einen Hodensackgeruchstest, eine Spermauntersuchung sowie einen Durchlauf durch die Peniswaschanlage. Im Aufnahmebüro des äußerst geschäftstüchtigen Unternehmens blinkt eine Anzeigentafel wie in der Wall Street: Leuchtzeichen dokumentieren die aktuelle Erfolgsrate des Hauses, dessen Aktienkurs sich nicht nach Dollar, sondern nach der Anzahl der sich pro Sekunde ereignenden Orgasmen bemisst.
Die Anstalt bietet Massageräume, Stöhnzimmer, Darkrooms, Fernbedienungen, die mit einer »Sex-jetzt-Taste« ausgerüstet sind, und Penissäle, in denen aus Löchern in der Wand »viele kleine, krötenartige Dinger« hängen. Die Serviceleistungen des Hauses beinhalten sexualorganverbessernde Maßnahmen wie den »Genital-Transfer« oder das Aufblasen des Hinterns mit der »Backenpumpe«.
Zu den zeitgemäßen Besonderheiten dieses pornografischen Romans gehört es, dass die alte Macho-Pornografie, die Lust und erotische Fantasie unerbittlich den männlichen Gewalt- und Machtverhältnissen anpasste, ausgespielt hat. Männer und Frauen begegnen sich hier auf Genitalhöhe von Gleich zu Gleich. Im »Kopflosenschlafzimmer« gibt es für die emanzipierte Frau sogar Männerkörper im Angebot, deren störende Köpfe für die Zeit des Sexualaktes schmerzlos entfernt wurden. Ein pornografischer Feminismus, der die amerikanische Kritik dazu bewog, dieses Buch vor allem jungen Frauen zur Lektüre zu empfehlen.
Trotz solcher Gespenstergeschichten ist die Grundstimmung in Bakers launigem Sexseller blumenkinderhaft entspannt. Alle wollen alles mit allen, und alle finden alle hübsch, groß, steif und reizend. Der Umgangston ähnelt dem einer motivierenden mittelständischen Mitarbeitersitzung am Montagmorgen. »Krock, mein Lieber, hilfst du mir, meine Brust anzuheben?« – »Und Zilka, ich möchte dich bitten, die Klingglöckchen um Henriettes hübsche Taille zu wickeln.« Eine richtig hübsch böse, glöckchenklingelnde Sexsatire ist das Buch dennoch nicht geworden.
Bei aller augenzwinkernden Schmutzigkeit des Vokabulars (»ausgehungerter Luderschlitz«, »japsende Fotze voll mit warmem braunem Dödelmus«) bleibt Baker stets erotisch korrekt. Männer benötigen eine »Arschdrücker-Lizenz«, um für viel Geld auszuführen, womit sich ihre Vorfahren am Hintern jeder Serviermamsell früher einmal schadlos halten konnten. Ehefrauen holen, bevor sie am Geschlechtsteil eines fremden Mannes tätig werden, zuvor telefonisch die Erlaubnis ihres Ehemannes ein: »Ist das okay für dich?«
In dieser bereinigten, komödiantisch verspießerten 68er-Fassung der Pornografie werden die alten Gefahren und Abgründe des Genres weiträumig umschifft. Im Sextraumland Nicholson Bakers gibt es weder Gewalt noch Schmerz, noch unbezwingbare Leidenschaft. Alles geht seinen halbamtlichen, harmlosen und skurril-versponnenen Gang. Wer es sich finanziell leisten kann, dieser sorglosen, vakuumverpackten Parallelsexwelt beizutreten, darf darauf hoffen, dass er und seine Geschlechtsorgane im Sprechblasenstil des Kinderfernsehens über den grünen Klee gelobt werden: »Er ist toll – was für ein Schwanz!« Aus den Dialogen, die traditionell im Porno keine tragende Funktion haben, werden Morsezeichen einer Infantilgesellschaft: »›Jetzt darfst du meine Brüste befühlen.‹ – ›Okay, toll. Danke.‹«
Das alles wäre zu verschmerzen, wenn der okaye Anstalts-Sex dieses nur scheinbar wüsten und verwilderten Romans nicht so steril und unaufregend wäre. Sein wichtigster Antrieb ist nicht sexueller, sondern virtueller Natur. Nicht das Begehren beflügelt die literarische Fantasie, sondern die Computeranimation, deren widerstandslose und zeichentrickhafte Transformations- und Verwandlungskunststücke Baker inspiriert haben. Geschlechts- und andere Körperteile werden in Windeseile auf verschiedene Träger montiert, abgetrennt, mit Fischfutter am Leben erhalten und mittels zaubertrankartiger Scheidensekrete wieder angeklebt. Köpfe werden in Bowlingtaschen spazieren getragen, Männerarme vollbringen in abgehacktem Zustand noch Wunder an weiblichen Brüsten und Geschlechtsteilen.
Diese Mausklick-Pornografie und ihre wild zappende literarische Kombinatorik haben einen gewissen grotesken Charme. Aber nach wenigen Kapiteln beginnt das Slapstickhafte der Sexszenen und Arrangements trotz oder auch wegen ihrer ausgetüftelten Humorigkeit zu nerven. Das pornografische Prinzip der Überbietung und Steigerung dreht im Leerlauf der verschrobenen Nummernrevue. Bitte nicht schon wieder eine doppelte Penis-Fuß-Massage durch zwei Klaviervirtuosen!
Trotzdem ist dem netten Nicholson Baker nicht der geringste Vorwurf zu machen. Seine Absichten sind lauter. Sein Stil heiter und kunterbunt. Sein Gemüt verspielt und kindisch. Seine volkspädagogischen Erfolge beträchtlich: Die US-amerikanischen Leser wurden in ihrer Prüderie sanft aufgerüttelt und massiert. Niemand kommt zu Schaden in diesem Cyberkindergarten der Lüste. Es gibt sogar eine Art Krümelmonster, das alle böse und schlechte Pornografie aus dieser heilen Pornowelt absaugt.
Trotzdem ist ein Pop-Porno, in dem keine Gebote mehr übertreten, keine Tabus mehr gebrochen, keine Sünden mehr begangen werden und alle nur noch glücklich schnaufen, am Ende nur noch langweilig. Die Verkindergartung der Sexualität ist wirklich ein supernetter Einfall, supergut umgesetzt von einem supersympathischen Schriftsteller. Eigentlich schade, dass er gescheitert ist.
- Datum 28.01.2012 - 10:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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"... amerikanisch – will sagen einerseits paramilitärisch, andererseits zwanghaft gut gelaunt"
Wow, Frau Ra-disch ...
Männer, jetzt ist es 15.12 Uhr, seit 10.56 Uhr hat sich nur ein Männlein oder ein mutiges Fräulein getraut, einen Kommentar zu schreiben. Ich kann nilszbzb nur beipflichten: Eine gelungene Literaturkritik, wie sie nur Frau Radisch hinlegen kann: Kompetent, wunderbar den satirisch leichten Ton getroffen und der pädagogische Ratschlag: Braucht ihr nicht zu kaufen, so überzeugend, dass auch Sexhungrige wie Du und ich sich nun weiter vertrösten müssen, bis endlich ein handwerklich und stilistisch überzeugender erotischer Roman auf den Markt kommt. Tabubruch allein , alla Charlotte Roch bewirkt eben noch kein Kribblen beim Lesen, sondern erzeugt nur gähnende Langeweile.
Der Mann sieht auf dem Bild gar nicht so aus, wie ein lüsternen Schreiber eines Romanpornos. Nunja, stille Wasser sind tief und dreckig.
.. man muß als schreiber ganz schön verzweifelt sein um sich der hoffnung hinzugeben es sei mit dem " sex sells " in der literatur verintellektuelierbarer erfolg zu machen. charlotte roche und catherine millet haben es doch schon versucht und sicherlich damit geld verdient aber sich selbst dabei auch als phantasielos und qualitätstechnisches mittelmaß geoutet.
erotisches kopfkino ist bei weitem schwieriger in worte zu fassen als man denken mag. denn die geheimen vorhandenen phantasien der leser noch um ein novum zu erweitern setzt voraus das man selbst die grenzen des geheimen überschreitet und das kann man bei nicholson baker wirklich nicht finden. bisweilen drängt sich einem hier eher der verdacht aus das er partien aus sexshop-vorlagen inspirativ verwendet und versucht hat sie in einen intellektuellen kontext zu bringen ... und viel mehr worte muß man dazu eigentlich nicht verlieren ...
Muss könnte sich paartherapeutisch für Monate zu zweit auf eine einsame Insel zurückziehen, um nach der Rückkehr begriffen zu haben, was dieses Buch vielleicht sein will, eine Sex-Parodie. Sich über sich selbst lustig machen können. Dann: spielen, staunen, sich loslassen. Der einzig richtige Weg zur wahren Unschuld.
...und: Jemehr von Sex geredet wird, desto mehr vergeht einem die Lust daran.
...wenn die Erotik fehlt?
Wenn es nur noch nach Triebabfuhr düftelt?...
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