Eine 68er-Fassung der Pornografie
Bei aller augenzwinkernden Schmutzigkeit des Vokabulars (»ausgehungerter Luderschlitz«, »japsende Fotze voll mit warmem braunem Dödelmus«) bleibt Baker stets erotisch korrekt. Männer benötigen eine »Arschdrücker-Lizenz«, um für viel Geld auszuführen, womit sich ihre Vorfahren am Hintern jeder Serviermamsell früher einmal schadlos halten konnten. Ehefrauen holen, bevor sie am Geschlechtsteil eines fremden Mannes tätig werden, zuvor telefonisch die Erlaubnis ihres Ehemannes ein: »Ist das okay für dich?«
In dieser bereinigten, komödiantisch verspießerten 68er-Fassung der Pornografie werden die alten Gefahren und Abgründe des Genres weiträumig umschifft. Im Sextraumland Nicholson Bakers gibt es weder Gewalt noch Schmerz, noch unbezwingbare Leidenschaft. Alles geht seinen halbamtlichen, harmlosen und skurril-versponnenen Gang. Wer es sich finanziell leisten kann, dieser sorglosen, vakuumverpackten Parallelsexwelt beizutreten, darf darauf hoffen, dass er und seine Geschlechtsorgane im Sprechblasenstil des Kinderfernsehens über den grünen Klee gelobt werden: »Er ist toll – was für ein Schwanz!« Aus den Dialogen, die traditionell im Porno keine tragende Funktion haben, werden Morsezeichen einer Infantilgesellschaft: »›Jetzt darfst du meine Brüste befühlen.‹ – ›Okay, toll. Danke.‹«
Das alles wäre zu verschmerzen, wenn der okaye Anstalts-Sex dieses nur scheinbar wüsten und verwilderten Romans nicht so steril und unaufregend wäre. Sein wichtigster Antrieb ist nicht sexueller, sondern virtueller Natur. Nicht das Begehren beflügelt die literarische Fantasie, sondern die Computeranimation, deren widerstandslose und zeichentrickhafte Transformations- und Verwandlungskunststücke Baker inspiriert haben. Geschlechts- und andere Körperteile werden in Windeseile auf verschiedene Träger montiert, abgetrennt, mit Fischfutter am Leben erhalten und mittels zaubertrankartiger Scheidensekrete wieder angeklebt. Köpfe werden in Bowlingtaschen spazieren getragen, Männerarme vollbringen in abgehacktem Zustand noch Wunder an weiblichen Brüsten und Geschlechtsteilen.
Diese Mausklick-Pornografie und ihre wild zappende literarische Kombinatorik haben einen gewissen grotesken Charme. Aber nach wenigen Kapiteln beginnt das Slapstickhafte der Sexszenen und Arrangements trotz oder auch wegen ihrer ausgetüftelten Humorigkeit zu nerven. Das pornografische Prinzip der Überbietung und Steigerung dreht im Leerlauf der verschrobenen Nummernrevue. Bitte nicht schon wieder eine doppelte Penis-Fuß-Massage durch zwei Klaviervirtuosen!
Trotzdem ist dem netten Nicholson Baker nicht der geringste Vorwurf zu machen. Seine Absichten sind lauter. Sein Stil heiter und kunterbunt. Sein Gemüt verspielt und kindisch. Seine volkspädagogischen Erfolge beträchtlich: Die US-amerikanischen Leser wurden in ihrer Prüderie sanft aufgerüttelt und massiert. Niemand kommt zu Schaden in diesem Cyberkindergarten der Lüste. Es gibt sogar eine Art Krümelmonster, das alle böse und schlechte Pornografie aus dieser heilen Pornowelt absaugt.
Trotzdem ist ein Pop-Porno, in dem keine Gebote mehr übertreten, keine Tabus mehr gebrochen, keine Sünden mehr begangen werden und alle nur noch glücklich schnaufen, am Ende nur noch langweilig. Die Verkindergartung der Sexualität ist wirklich ein supernetter Einfall, supergut umgesetzt von einem supersympathischen Schriftsteller. Eigentlich schade, dass er gescheitert ist.
- Datum 28.01.2012 - 10:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
- Kommentare 9
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"... amerikanisch – will sagen einerseits paramilitärisch, andererseits zwanghaft gut gelaunt"
Wow, Frau Ra-disch ...
Männer, jetzt ist es 15.12 Uhr, seit 10.56 Uhr hat sich nur ein Männlein oder ein mutiges Fräulein getraut, einen Kommentar zu schreiben. Ich kann nilszbzb nur beipflichten: Eine gelungene Literaturkritik, wie sie nur Frau Radisch hinlegen kann: Kompetent, wunderbar den satirisch leichten Ton getroffen und der pädagogische Ratschlag: Braucht ihr nicht zu kaufen, so überzeugend, dass auch Sexhungrige wie Du und ich sich nun weiter vertrösten müssen, bis endlich ein handwerklich und stilistisch überzeugender erotischer Roman auf den Markt kommt. Tabubruch allein , alla Charlotte Roch bewirkt eben noch kein Kribblen beim Lesen, sondern erzeugt nur gähnende Langeweile.
Der Mann sieht auf dem Bild gar nicht so aus, wie ein lüsternen Schreiber eines Romanpornos. Nunja, stille Wasser sind tief und dreckig.
.. man muß als schreiber ganz schön verzweifelt sein um sich der hoffnung hinzugeben es sei mit dem " sex sells " in der literatur verintellektuelierbarer erfolg zu machen. charlotte roche und catherine millet haben es doch schon versucht und sicherlich damit geld verdient aber sich selbst dabei auch als phantasielos und qualitätstechnisches mittelmaß geoutet.
erotisches kopfkino ist bei weitem schwieriger in worte zu fassen als man denken mag. denn die geheimen vorhandenen phantasien der leser noch um ein novum zu erweitern setzt voraus das man selbst die grenzen des geheimen überschreitet und das kann man bei nicholson baker wirklich nicht finden. bisweilen drängt sich einem hier eher der verdacht aus das er partien aus sexshop-vorlagen inspirativ verwendet und versucht hat sie in einen intellektuellen kontext zu bringen ... und viel mehr worte muß man dazu eigentlich nicht verlieren ...
Muss könnte sich paartherapeutisch für Monate zu zweit auf eine einsame Insel zurückziehen, um nach der Rückkehr begriffen zu haben, was dieses Buch vielleicht sein will, eine Sex-Parodie. Sich über sich selbst lustig machen können. Dann: spielen, staunen, sich loslassen. Der einzig richtige Weg zur wahren Unschuld.
...und: Jemehr von Sex geredet wird, desto mehr vergeht einem die Lust daran.
...wenn die Erotik fehlt?
Wenn es nur noch nach Triebabfuhr düftelt?...
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