Die Amerikanerin Joyce Carol Oates ist vermutlich eine der berühmtesten und gewiss eine der produktivsten Autorinnen unserer Zeit. Sie schreibt einen dickleibigen Roman nach dem anderen über das bitterkomische Elend des Menschseins – scharfkantig und leidenschaftlich und manchmal so voller Gewalt, dass man als Leser mit zitternder Angstlust durch die Seiten jagt.

Angesiedelt sind ihre Geschichten im Milieu der Armut oder auch der kaputten akademischen Mittelschicht. In beiden Lebenskreisen kennt Oates sich aus. Aus dem einen kommt, im anderen lebt sie als Professorin in Princeton . Sie ist eine Pathologin, die nicht Leichen, sondern Lebende aufschneidet und deren Alltagswelt zerlegt, trügerische Idyllen oder den Mythos vom American dream als faulen Zauber enttarnt.

Nun ist der fragilen Person mit dem wuchtigen Werk eigenes Unglück widerfahren. Im Februar 2008 starb Raymond Smith . Der Mann, mit dem Oates 47 Jahre und 25 Tage verheiratet war.

Starb nicht an der Lungenentzündung, derentwegen er im Krankenhaus war, sondern wurde getötet von Keimen, die ihn dort befielen. Der Lektor und langjährige Herausgeber der Literaturzeitschrift Ontario Review war fast 78 Jahre alt.

Oates ist fassungslos. Und das über nahezu 500 Seiten. Findet keine Fassung für ihren Schmerz, ihre Angst, ihre Wut, ihre Verlassenheit, ihre Hilflosigkeit. Sie kann sich nicht erinnern, je in ihrem Leben eine wichtige Entscheidung getroffen zu haben, ohne sich mit ihren Eltern oder mit Ray beraten zu haben. Nun stürzt die 70-Jährige in den Abgrund des Alleinseins. Und ausgerechnet Oates, die in ihren Romanen und Erzählungen ihre Worte mit so strenger Sorgfalt und hellköpfiger Präzision setzt, taumelt redselig hinein in ihr Dasein als Witwe.

Schreibt banale und kluge, nachdenkliche und belanglose Sätze. Zitiert aus Mails und Kondolenzgrüßen, erzählt von ihren Tagen, ihren Nächten, ihren Arztbesuchen, ihrem Pillenkonsum, ihren Autofahrten, Selbstmordverlockungen, ihren Schuldgefühlen. War sie es doch, die ihren »Honey« in dieses Krankenhaus gebracht hatte, das sich als tödliche Falle erwies. Sie erzählt von ihrem Mann, von ihrer Ehe. Dem behutsamen Zusammenleben. Er las nicht, was sie schrieb, sie zankten sich nie, lebten in enger Verbundenheit und blieben für sich.

Sie erzählt uns alles. Und das immer wieder. Unlektoriert, denkt man nach einer Weile und vermutet schließlich, dass das Chaos des Schmerzes sich auch zeigen soll im Chaos des Schreibens. »Insgesamt«, heißt es an einer Stelle, »muss ein Schriftsteller sich davor hüten, in den Bann seines Stoffs zu geraten...« Oates ist ihr Stoff – und ist nicht nur gebannt, sondern überwältigt. Ist unheilbar verzweifelt – sie will nicht allein sein, kann nicht allein leben, will nicht leben, schämt sich zu leben, während ihr Mann doch tot ist.