Roman von Joyce C. OatesDer Abgrund des Alleinseins

Joyce Carol Oates trauert um ihren verstorbenen Mann. von Gabriele von Arnim

Die Amerikanerin Joyce Carol Oates im September 2010

Die Amerikanerin Joyce Carol Oates im September 2010  |  © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images

Die Amerikanerin Joyce Carol Oates ist vermutlich eine der berühmtesten und gewiss eine der produktivsten Autorinnen unserer Zeit. Sie schreibt einen dickleibigen Roman nach dem anderen über das bitterkomische Elend des Menschseins – scharfkantig und leidenschaftlich und manchmal so voller Gewalt, dass man als Leser mit zitternder Angstlust durch die Seiten jagt.

Angesiedelt sind ihre Geschichten im Milieu der Armut oder auch der kaputten akademischen Mittelschicht. In beiden Lebenskreisen kennt Oates sich aus. Aus dem einen kommt, im anderen lebt sie als Professorin in Princeton . Sie ist eine Pathologin, die nicht Leichen, sondern Lebende aufschneidet und deren Alltagswelt zerlegt, trügerische Idyllen oder den Mythos vom American dream als faulen Zauber enttarnt.

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Nun ist der fragilen Person mit dem wuchtigen Werk eigenes Unglück widerfahren. Im Februar 2008 starb Raymond Smith . Der Mann, mit dem Oates 47 Jahre und 25 Tage verheiratet war.

Starb nicht an der Lungenentzündung, derentwegen er im Krankenhaus war, sondern wurde getötet von Keimen, die ihn dort befielen. Der Lektor und langjährige Herausgeber der Literaturzeitschrift Ontario Review war fast 78 Jahre alt.

Oates ist fassungslos. Und das über nahezu 500 Seiten. Findet keine Fassung für ihren Schmerz, ihre Angst, ihre Wut, ihre Verlassenheit, ihre Hilflosigkeit. Sie kann sich nicht erinnern, je in ihrem Leben eine wichtige Entscheidung getroffen zu haben, ohne sich mit ihren Eltern oder mit Ray beraten zu haben. Nun stürzt die 70-Jährige in den Abgrund des Alleinseins. Und ausgerechnet Oates, die in ihren Romanen und Erzählungen ihre Worte mit so strenger Sorgfalt und hellköpfiger Präzision setzt, taumelt redselig hinein in ihr Dasein als Witwe.

Schreibt banale und kluge, nachdenkliche und belanglose Sätze. Zitiert aus Mails und Kondolenzgrüßen, erzählt von ihren Tagen, ihren Nächten, ihren Arztbesuchen, ihrem Pillenkonsum, ihren Autofahrten, Selbstmordverlockungen, ihren Schuldgefühlen. War sie es doch, die ihren »Honey« in dieses Krankenhaus gebracht hatte, das sich als tödliche Falle erwies. Sie erzählt von ihrem Mann, von ihrer Ehe. Dem behutsamen Zusammenleben. Er las nicht, was sie schrieb, sie zankten sich nie, lebten in enger Verbundenheit und blieben für sich.

Sie erzählt uns alles. Und das immer wieder. Unlektoriert, denkt man nach einer Weile und vermutet schließlich, dass das Chaos des Schmerzes sich auch zeigen soll im Chaos des Schreibens. »Insgesamt«, heißt es an einer Stelle, »muss ein Schriftsteller sich davor hüten, in den Bann seines Stoffs zu geraten...« Oates ist ihr Stoff – und ist nicht nur gebannt, sondern überwältigt. Ist unheilbar verzweifelt – sie will nicht allein sein, kann nicht allein leben, will nicht leben, schämt sich zu leben, während ihr Mann doch tot ist.

Leserkommentare
    • 21trr42
    • 31. Januar 2012 15:49 Uhr

    Leider ein schwaches Buch, der Roman. Wie die Autorin irgendwo schon selber gesagt hat: Ihr ist derartiges bislang nicht widerfahren in ihrem Leben. Und so füllt sie Seite und Seite mit einer Aufzählung von Belanglosigkeiten, die aber nicht belanglos sind für denjenigen,der noch nie einen großen Verlust erlitten hat. Weinen in der Öffentlichkeit. Kondolenzschreiben aus dem Briefkasten holen. Formalitäten im Bestattungsbüro. Müll ensorgen. Tja. Ich habe das Buch mit ach und krach zuende gelsen, auch, weil ich Joyce Carol Oates sehr schätze. Vor allem wegen ihrer genialen Kurzgeschichten.

    Irgendwie merkt man es zwischen den Zeilen, dass das Buch die Autorin viel Kraft gekostet haben muss. Die Kapitel sind sehr kurz. Wie Luftholen müssen fühlt es sich an, wenn ein neues Kapitel beginnt.

    Trotzdem oder gerade deswegen: Dem Buch fehlt die Tiefe, leider! "Hudson River" etwa oder "Marya" sind um Lichtjahre besser.

    • 21trr42
    • 31. Januar 2012 15:52 Uhr

    ... im übrigen relativiert sich die facettenreich ausgewalzte Trauer der Witwe doch recht schnell, wenn man erfährt, wie schnell sie wieder geheiratet hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kennen Sie die Beweggründe der Witwe? Haben Sie mitbekommen, wie viel sie tatsächlich getrauert hat? Oder ob Sie nicht eventuell immer noch trauert - trotz Heirat? Nein? Dann würde ich Zurückhaltung bei persönlichen Beurteilungen vorschlagen.

  1. Kennen Sie die Beweggründe der Witwe? Haben Sie mitbekommen, wie viel sie tatsächlich getrauert hat? Oder ob Sie nicht eventuell immer noch trauert - trotz Heirat? Nein? Dann würde ich Zurückhaltung bei persönlichen Beurteilungen vorschlagen.

    Antwort auf "Im übrigen ..."
    • TSHR
    • 31. Januar 2012 17:37 Uhr

    ....zwischen Trauer und Selbstmitleid einen Unterschied gibt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gorgo
    • 29. Februar 2012 10:35 Uhr

    Entfernt. Bitte gehen Sie sachlich auf andere Beiträge ein. Danke, die Redaktion/se

  2. eines nahen Menschen für den/die einzelne/n bedeutet. Manche fühlen sich gar befreit, andere durchleben eine bis dato unbekannte ausgedehnte Identitätskrise, wieder andere scheinen ein Trauerseminar belegt zu haben, weil sie von außen betrachtet die Trauerphasen idealtypisch durchlaufen.
    Ist Trauer und er Umgang damit bewertbar?

    • gorgo
    • 29. Februar 2012 10:35 Uhr

    Entfernt. Bitte gehen Sie sachlich auf andere Beiträge ein. Danke, die Redaktion/se

    • aubri
    • 10. März 2012 15:15 Uhr

    Vor wenigen Wochen habe ich meinen Lebensgefährten verloren.
    Das Buch von JCO habe ich merkwürdigerweise als tröstlich und hilfreich empfunden.
    Es gibt viele, fast erschreckende Parallelen (bis auf die offensichtlich vielen berühmten und wohlhabenden Freunde, leider...)
    Das fängt an beim Betrachten des Kalenders des Verstorbenen (die ausge-x-ten Tage...bis zum lezten Tag)
    Und hört auf bei den Selbstvorwürfen, einen relativ fitten Mann in ein Krankenhaus begleitet zu haben, das ihm mit hauseigenen Bakterien den Rest gibt. Dass man nicht die Kraft hat, das weiter zu verfolgen. Weil es ihn ja nicht wieder lebendig macht.
    Das ist alles sehr trivial und meinetwegen ohne Tiefe erzählt - aber das Leben reduziert sich in schweren Situationen oft auf triviale Dinge.

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  • Schlagworte Joyce Carol Oates | Chaos | Schmerz | Krankenhaus | Mittelschicht | Ontario
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