Der Autor Tomáš Sedláček © Tomáš Sedláček

Die grob gestrickte graublaue Wollmütze ist bei dem eisigen Regen am Hamburger Hafen das einzig Vernünftige, wenn man so schwer erkältet ist wie an diesem Wintertag Tomáš Sedláček. Sie ist nur etwas klein für den Kopf mit der widerborstigen Frisur. Der bärtige Mann raucht mit dieser Erkältung noch auf dem Weg durch den Regen seine Zigarette, ins Gespräch über den Kapitalismus vertieft. Es hat etwas wundersam Ungerührtes, wie er redend und rauchend und nach Taschentüchern suchend durch die Pfützen schreitet – bis er im tadellosen Anzug im Aufnahmestudio sitzt für ein Live-Interview in der Sendung Kulturzeit. Die Maskenbildnerin hat den Schnupfen vorübergehend versteckt, während Sedláček die letzten zwei, drei Minuten vor der Aufnahme im angeregten Gespräch mit dem Übersetzer verbringt, Thema: ob irgendein Journalist das 4000 Jahre alte Epos Gilgamesch kennt, der Übersetzer jedenfalls kennt es. Die Herren unterhalten sich mit britischer Heiterkeit. Noch eine Minute.

Dann Aufnahme, kleine Verwandlung: Nun spricht vor der Kamera der 35-jährige Chefökonom der größten tschechischen Bank, Berater der Regierung in Prag und europäischer Bürger, über sein Buch Economics of Good and Evil . Es hat sich in Tschechien fast 60.000-mal verkauft, im vergangenen Jahr ist es bei Oxford University Press erschienen. Eben war der Autor zur Vorstellung der polnischen Fassung in Warschau , eine türkische ist in Vorbereitung, und nun liegt das Buch auf Deutsch vor: Die Ökonomie von Gut und Böse, Vorwort von Václav Havel , dessen Berater Tomáš Sedláček mit Anfang zwanzig war.

Auch das Fernsehinterview an diesem Abend kreist um die Kernfragen des Buchs: Um welche Werte geht es in der Wirtschaft seit Gilgamesch? Sind Moral und Nutzen dasselbe? Warum wollen wir Wachstum? Haben wir Alternativen? Sedláček redet mit lebhafter Gestik, in einem bilderreichen Englisch, das die Wachstumsgrenzen an der möglichen Verteilung von zwei Bier auf drei Leute erklärt. Dann ist die Aufnahme fertig, ein neues Taschentuch ist fällig, die Wollmütze, den Damen hilft der Mann in den Mantel. Raus in den Regen, Thema: wie lange eine Wirtschaft ohne Wachstum sein könne, etwa nach dem Muster der sieben fetten und der sieben mageren Jahre unter dem ägyptischen Pharao.

Der Mann mit der Mütze ist plötzlich ein Star, der immer noch überrascht davon ist, wie das kam. Sein Buch wurde vor zehn Jahren als Doktorarbeit abgelehnt, das hat ihm zugesetzt, er war doch Auszeichnungen gewohnt. Er hat seither rastlos daran weitergearbeitet, bis zur jetzigen Fassung. Die Moral des Wirtschaftens treibt es voran. Selbst bei Milton Friedman, dem Paradevertreter wirtschaftsliberalen Denkens, findet sich die Einsicht, dass wirtschaftliches Handeln nur in Abhängigkeit von ethischen Regeln funktionieren kann. Aber gilt dieses Moralgebot auch für wirtschaftliches Denken? Sedláček meint: Ja. Und die Tatsache, dass wir die Bedeutung von kulturellen Normen und Werten für ökonomisches Denken vergessen haben, hält er für eine der Ursachen der gegenwärtigen Schuldenkrise.

Anders als die meisten Kollegen überprüft der tschechische Ökonom seine Hypothesen anhand der Ideengeschichte. Er beruft sich auf C. G. Jung , wenn er den Fokus seiner Geschichtsschreibung nicht auf "gelehrte Bücher" beschränkt, sondern ihn erweitert um "alte Geschichten, Bilder und Archetypen". Dabei schreckt Sedláček weder vor intellektuellen noch kulturellen oder epochalen Trennlinien zurück, an denen die Experten sonst haltmachen. In der Ökonomie von Gut und Böse trifft der Leser nicht nur auf die üblichen Verdächtigen wie Adam Smith , John Stuart Mill oder Léon Walras. Für Sedláček sind die Autoren des Gilgamesch, des Alten und Neuen Testaments, der Thora sowie Homer oder Hesiod ebenso für unser Wirtschaftsverständnis verantwortlich: Sie erzählen von Produktivität und Effizienz, von kluger Steuerpolitik, vom Fortschritt, von menschlicher Arbeit, der Gier und der Unersättlichkeit. Und Sedláček möchte das sichtbar machen.

Nun kann man fragen: Und das soll alles sein? Das ist aber viel. Denn es heißt, dass ein Ökonom seine eigene hochtheoretische Wissenschaft in einer brennenden Schuldenkrise aus der Unverständlichkeit ins Verstehbare übersetzen will und signalisiert: Dieses hier ist für alle, das Gespräch ist eröffnet.

Etwas unbescheiden gesagt: Dieses Buch lässt sich als Ausdruck neuen ökonomischen Denkens verstehen. Sedláček zitiert gern den Film Star Wars , in dem letztlich nicht Technologien über das Schicksal der Helden entscheiden, sondern immaterielle Kräfte. Die Geschichte, die Sedláček erzählt, kann man daher auch als eine Antwort auf Star Wars lesen. Nicht mathematisch abbildbare Prozesse sind es, die letzten Endes über Wohl und Wehe von Volkswirtschaften bestimmen, sondern Wertesysteme, die jenseits mathematischer Rationalität liegen. Oder frei nach dem Ökonomen Tibor Scitovskys: Was an der Wirtschaft nicht stimmt, stimmt an der Gesellschaft nicht.