SachbuchVon der Jungfrau zur Miss Germany

Ertrinkend im Faktenmeer: Thomas Macho bestaunt unsere Schönsten im Land.

Was sich grob über den Wandel von Vorbildern in den letzten 20.000 Jahren, von der Höhle von Peche Merle bis zur Hölle moderner Castingshows, sagen lässt, meißelt der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Kulturwissenschaftler Thomas Macho ziemlich spät aus dem Steinbruch seiner Monumentalstudie zum Vorbild-Komplex heraus. »Die Jungfrau hat sich verwandelt in eine Miss, die Miss in ein Model, das Model in ein ›Ding‹, das Waren und Personen bis zur Unkenntlichkeit verschmilzt.« Während also nationale Jungfrauen vom Typ Jeanne D’Arc klar allegorische und damit zukunftsweisende Funktionen haben, lässt sich das nicht mehr mit dem gleichen Recht über eine Miss Germany sagen. Zwar ist auch sie Schönste im ganzen Land, muss dies aber zunächst in einem Wettbewerb unter Gleichen beweisen, ist somit von einer seltsam anonymisierten Kollektivmacht »auserwählt«.

Mit dem utopischen Vorbild-Potenzial der Miss ist es somit nicht weit her. Zwar gab es das kriegsauslösende Urteil des Paris, das der Satiriker Lukian kurzerhand auf einen antiken Viehmarkt verlagerte. Die wahre Geschichte der Schönheitswettbewerbe aber beginnt im 19. Jahrhundert, »und sie begann neuerlich mit dem Vieh«. Phineas Taylor Barnum (1810 bis 1891) war der vielleicht bedeutendste Schausteller seiner Epoche. Im 1841 von ihm übernommenen American Museum veranstaltete er Unterhaltungsshows. Zu sehen gab es betriebsame Flöhe, gelehrte Hunde und bärtige Weiber. Irgendwann ließ Barnum fette Babys gegeneinander antreten und später eben auch Frauen. Doch war der Zeitgeschmack noch weniger am Seriellen interessiert als am Monströsen, sodass Schönheitswettbewerbe erst noch in Mode kommen mussten.

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Daran hatten nicht zuletzt Fotografie, Illustrierte und Plakatwerbung ihren Anteil. Macho spricht von einer Demokratisierung des Schönen, ermöglicht durch »Modalitäten der Abstimmung«, die durch den Gebrauch der neuen Medien etabliert wurden und auf einen bisher ungekannten Sensus communis hinausliefen. So berichtet Macho, wie die Misswahlen unter den Nazis verfemt wurden (»Gesichter ohne Heimat«), vom Fräuleinwunder, vom Youth Quake, von Twiggys Identitätsverwirrungen im neuen Vorbild-Business, das bald zum Standardisierungsbusiness von unnatürlich gewachsenen oder zugerichteten Körpern wurde. Womit der Bogen zum französischen Autorenkollektiv Tiqqun geschlagen wäre und zu dessen konsumkritischer »Theorie des Jungen-Mädchens«: »Das Junge-Mädchen träumt von einem Körper, der im Licht des Spektakels eine reine Transparenz wäre.«

Doch welchem Spektakel setzt uns seinerseits der Autor aus? Thomas Macho gehört zu den vielseitigsten Vertretern einer Berliner Kulturwissenschaft, die in den vergangenen Jahren mit bildtheoretischen Forschungswerkzeugen aufgerüstet hat und an diversen Einzelprojekten des hiesigen Wissenschaftsbetriebs mitwirkte. Immer geht es darum, an einer Klassifizierung zeitgenössischer Bildzeugnisse zu arbeiten, die nicht in den Zuständigkeitsbereich der herkömmlichen Kunstgeschichte fallen.

Hans Beltings Bildanthropologie ist Thomas Macho dort ein Vorbild, wo sie die Schöpferkraft des Todes expliziert. Leichen gelten ihr als früheste Bildwerke – in Form von Masken, Puppen, Porträts. Anhand von zeitgenössischen Suizidbildern möchte Macho den kulturgeschichtlichen Weg von der Auratisierung des »Vorbildes« (Puppen werden beseelt, Statuen sind »apotropäische Revenants«, vulgo Unheil abwehrende Geister) zu seiner statistischen Verwaltung (in demografischen Prognosen) nachzeichnen. Dabei bricht sich sein Bedauern über den Verlust des »Mantischen«, also übernatürlicher Zuschreibungen, Bahn: dass ein Vorbild eben ursprünglich nicht nur, wie es das Englische differenzierter zu sagen weiß, ein example (eine Norm) ist, sondern auch ein model (eine Utopie).

Welche Konsequenzen ergeben sich? »Aus den Mutationen der Götter zu den Genies, der Könige zu den Politikern, der Elite zur Prominenz? Aus den Verschiebungen eines aktiven, hierarchischen Aufmerksamkeitsprivilegs – alle zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden zu können – in ein passives, medienvermitteltes Aufmerksamkeitsprivileg – von allen gesehen zu werden, ohne selbst sehen zu können.« Nur ein einziges Mal, etwa in der Mitte des Buchs, zeichnet sich zeitgenössisches Debattenmaterial ab. Was bedeutet die neue Gesichtslosigkeit der Macht bei gleichzeitiger Produktion warenförmiger Idole? Zeichnet sich durch den »Zwang zur Prominenz« tatsächlich eine demokratiegefährdende »Flucht ins Hinterzimmer der geheimen Absprachen« ab? Es ist tatsächlich fraglich, ob wir heute vor lauter Feinprognostik überhaupt noch ein wirkmächtiges Bild von unserer Zukunft haben.

Dieses Buch mag als irrwitzige Materialsammlung beeindrucken, als Plädoyer für eine neue Kulturtechnik der Zukunft kann es kaum überzeugen. Warum? Macho beendet sein Buch mit einer auf ihn selbst zu beziehenden Anekdote über den Tiefseeforscher Jacques Cousteau. Dieser wollte eine neue Tauchglocke ausprobieren. Er gelangte damit tatsächlich tiefer und tiefer auf den Meeresgrund, doch wurde er dabei stets von einem frei tauchenden Mann begleitet. Irgendwann fragt er den Mann, wie dieser in dieser Tiefe eigentlich überleben könne. Und der Mann schreibt auf eine Tafel: »Ich ertrinke, du Trottel.«

 
Leserkommentare
    • Bashu
    • 26.01.2012 um 11:00 Uhr

    die schönsten Frauen zu begutachten ;)

    2 Leserempfehlungen
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    Bei dieser Art der Argumentation frage ich mich, wo die sonst so eifrigen ZEIT-Moderatoren ihre Augen haben. Wird die Möglichkeit, eine Meinung zu haben, am Nachnamen festgemacht?

    Bei dieser Art der Argumentation frage ich mich, wo die sonst so eifrigen ZEIT-Moderatoren ihre Augen haben. Wird die Möglichkeit, eine Meinung zu haben, am Nachnamen festgemacht?

  1. Bei dieser Art der Argumentation frage ich mich, wo die sonst so eifrigen ZEIT-Moderatoren ihre Augen haben. Wird die Möglichkeit, eine Meinung zu haben, am Nachnamen festgemacht?

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    Das Symbol ;-) zeigt an, dass es sich dabei um einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag handelte. Daher kann man davon ausgehen, dass der Forist dem Buchautoren nicht ernsthaft Voreingenommenheit qua Nachname unterstellen wollte.

    Das Symbol ;-) zeigt an, dass es sich dabei um einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag handelte. Daher kann man davon ausgehen, dass der Forist dem Buchautoren nicht ernsthaft Voreingenommenheit qua Nachname unterstellen wollte.

  2. 3. Scherz

    Das Symbol ;-) zeigt an, dass es sich dabei um einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag handelte. Daher kann man davon ausgehen, dass der Forist dem Buchautoren nicht ernsthaft Voreingenommenheit qua Nachname unterstellen wollte.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kindergartenniveau"
  3. ...liegt diesem, auf den ersten Blick so banalem Phänomen, ein gefährlicher schlechender Prozess und eine Struktur zu Grunde, die sich in vielen gesellschaftlichen Phänomenen wiederspiegelt. Es überkommt unser Unterbewusstsein so schleichend, dass viele sich plötzlich vor Photoshop wieder finden, ihr eigenes schönes Bild retuchierend ;)
    ( siehe Facebook als Transfermarkt für Schönheitsideale)

    mir wird übel :(...Tschüs

    RN

    • xpeten
    • 26.01.2012 um 14:34 Uhr

    Dieser Titel hat irgendwie etwas Befremdliches.

    Kennzeichnet er doch zwangsläufige Eckdaten der Karriere einer jeden Miss Germany der Vergangenheit, der Gegenwart - und aller Voraussicht nach auch der Zukunft.

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