Boko haramKrieg dem Staat

Mit Mord und Terror stürzt die islamistische Bewegung Boko Haram Nigeria in eine Krise. von 

Das ist der Plan: Ölexporte ausweiten, Produktionssektor ankurbeln, Währung stabilisieren, schnell wachsen. Noch in diesem Jahrzehnt will Nigeria zu den zwanzig größten Wirtschaftsmächten der Welt aufschließen – eine Ambition, die nicht zuletzt von der Investmentbank Goldman Sachs befördert wurde. Die hatte Afrikas bevölkerungsreichstes Land (150 Millionen Einwohner) auf ihre Liste der Aufsteiger für das 21. Jahrhundert gesetzt. Das war 2005. Damals interessierte man sich weder in der Wall Street noch in der nigerianischen Hauptstadt Abuja für eine muslimische Sekte namens Boko Haram. Oder für einen muslimischen Prediger namens Mohammed Yusuf.

Dieser Tage denkt mit Blick auf Nigeria niemand an Wirtschaftswachstum. Das Land stand noch unter dem Schock der Terroranschläge auf Kirchen während der Weihnachtsfeiertage, als am vergangenen Freitag mehrere Bomben in der zweitgrößten Stadt Kano Häuser zerstörten und Autos zerrissen. Wahrscheinlich sind über 200 Menschen gestorben, noch wird unter den Trümmern nach weiteren Leichen gesucht. Es ist der bislang verheerendste Angriff der radikal-islamistischen Gruppe Boko Haram.

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Auf den ersten Blick passen die Attacken samt der salafistischen Bekennervideos genau in das Deutungsmuster des »Krieges gegen den Terror«, dessen Fronten nach Lesart der Islamisten wie der Militärs, die sie bekämpfen, längst von Pakistan über Somalia bis nach Westafrika reichen. Aber Boko Haram ist ein durchweg nigerianisches Phänomen. Es ist nicht die erste radikal-islamische Bewegung des Landes – und sie wäre wohl eine Fußnote in seiner Geschichte geblieben, hätten ihr nicht die politisch-ökonomischen Umstände und der Staatsapparat in die Hände gespielt.

»Die, welche sich der Verbreitung der Lehren des Propheten und dem Dschihad hingeben«. So taufte Mohammed Yusuf, ein junger, aber eloquenter und gebildeter Prediger, 2002 sein Häuflein Salafisten im nordöstlichen Bundesstaat Borno. Die lokale Bevölkerung verpasste der Gruppe den Spitznamen »Boko Haram«. Das bedeutet »Westliche Erziehung ist Sünde« und bringt den ideologischen Kern der Sekte auf den Punkt: Westlicher Einfluss, ob in Gestalt korrupter Politiker (Nigeria hat viele), des Christentums (evangelikale Kirchen expandieren rasant) oder der Unterhaltungsindustrie (Nollywood, die einheimische Filmindustrie, ist führend in Afrika), zersetzt die islamische Kultur des Nordens.

In Anbetracht der dramatischen Ungleichheit in dem Land , von dessen Ölreichtum der christliche Süden, nicht aber der muslimische Norden profitiert, hätte man Boko Haram schnellen Erfolg prophezeit. Doch Yusuf erhielt zunächst kaum Zulauf, dafür aber Zutrittsverbot in Moscheen. Weder seine salafistische Rhetorik noch seine Attacken gegen moderate Muslime machten ihn populär, zumal der Sektenführer selbst die westliche Erziehung genossen hatte, die er nun seinen muslimischen Landsleuten austreiben wollte. Zudem stand Boko Haram im Ruf, außer arbeitslosen Jugendlichen und radikalisierten Studenten auch einige Söhne sehr reicher Familien in seinen Reihen zu haben, was, so die Analyse des International Institute for Strategic Studies (IISS), die anfangs erstaunlich großzügige Reaktion des Staatsapparates erklären könnte: Terrorverdächtige Islamisten kamen oft nicht vor Gericht, sondern wurden zur »Entradikalisierung« an moderate Imame übergeben. Letztere hielten das selbst für keine effektive Methode der Verbrechensbekämpfung.

Dann schaltete der Staat radikal um – und entsandte die Armee in den Norden, um ein nach offizieller Ansicht lästiges, kleines Problem endgültig zu lösen. Für die betroffene Zivilbevölkerung war bald nicht mehr klar, wen sie mehr fürchten sollte: Boko Haram oder das Militär. 2009 eskalierte der Konflikt in einem Showdown vor dem Hauptquartier der Sekte. Yusuf wurde vor laufenden Kameras festgenommen – und nach offizieller Darstellung wenig später auf der Flucht erschossen. Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass er auf der Polizeistation exekutiert worden ist. Die Bewegung hatte ihren Märtyrer und dazu gleich zahlreiche neue Rekruten.

Seither hat Boko Haram Aktionsradius und Brutalität stetig gesteigert und rühmt sich seiner Kontakte zu Al-Kaida und den somalischen Al-Shabaab-Milizen, für die es bislang aber keine Beweise gibt. Die Gruppe hat sich inzwischen gespalten. Eine Fraktion war offenbar bereit, gegen Geld und die Zusicherung einer Amnestie dem Terror abzuschwören. Mit dieser Strategie hatte Nigerias Regierung schon bewaffnete Milizen im südlichen Nigerdelta befriedet. Doch Amnestie-Verhandlungen mit Boko Haram sind gescheitert – auch am Widerstand der Hardliner.

Von denen braucht es nicht viele, um Nigeria in eine seiner tiefsten Krisen seit Jahrzehnten zu stürzen. Die politische Stabilität des Landes, in dem zwei Drittel der Bevölkerung von weniger als anderthalb Dollar am Tag leben, ist ohnehin prekär. 350 verschiedene Ethnien, verteilt auf zwei große Religionsgruppen, bieten darüber hinaus Konfliktstoff genug. Und die politische Elite hat bislang nicht erkennen lassen, dass sie die Hauptursachen der Fanatisierung – Korruption und Armut – ernsthaft zu bekämpfen gedenkt. Das ist umso dramatischer, als es tatsächlich erstaunlich optimistische Wirtschaftsprognosen für den ganzen Kontinent gibt. Aber dieser Aufbruch hängt von einigen großen Zugpferden ab. Und eines davon ist Nigeria.

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Leserkommentare
    • TomFynn
    • 26. Januar 2012 20:01 Uhr

    die islamische Kultur im Norden? Wenn ich mir die Auswirkungen der "islamischen Kultur im Norden" so ansehe, fällt es mir schwer, darin etwas negatives zu sehen.

    7 Leserempfehlungen
  1. Frau Böhm muß sich mal entscheiden, was Boko Haram denn ist:
    eine Sekte, eine Gruppe oder eine Bewegung.

    Ich meine es ist eine Terrororganisation.

    16 Leserempfehlungen
    • Laziali
    • 26. Januar 2012 21:29 Uhr

    Es wäre schön, für die Behauptung, der "christliche" Süden profitiere vom Ölreichtum, Belege zu geliefert zu bekommen. Tatsächlich ist dies nämlich NICHT so bzw. nicht so, wie es tendenziell im Artikel dargestellt wird. Die Regionen, in denen die Rohstoffförderung stattfindet, erhalten einen Prozentsatz aus den Einnahmen, der Rest fließt in die Staatskasse und wird dann für alles mögliche verwendet. Was der Süden aber definitiv hat sind die katastrophalen Auswirkungen der Erdölförderung und es darf völlig zurecht bezweifelt werden, dass die direkt Betroffenen dafür irgendwelche adäquaten Entschädigungszahlungen erhalten.

    Zudem gilt es in den nördlichen Provinzen Nigerias die Scharia, die Strafen vorsieht, die die Verfassung Nigerias verbietet. Ein Staat, der zwei verschiedene Rechtsprechungen/Strafsysteme in zwei Teilen seines Gebietes zuläßt, hat sowieso schon ein Problem. Es wäre an dieser Stelle durchaus die Frage angebracht, in wie weit sich der Norden überhaupt zu dem Konstrukt "Nigeria" zugehörig fühlt bzw. wie er dort noch eingebunden ist bzw. sein will.

    12 Leserempfehlungen
  2. Immer dieselbe Leier: Soziale Ursachen sein Schuld, Armut und Korrution. Und müssten bekämpft werden, statt der Islamisten selbst. Das ist nur leider nicht möglich: Wie soll ein korrupter Staat mit seinen korrupten Beamten die Korruption denn bekämpfen? Und wie bitte soll man Armut bekämpfen? Wer nicht Arm sein will, muss arbeiten. Ein großer Sozialstaat ist in Nigeria nicht finanzierbar. Und wenn man es doch versucht, landet das Geld natürlich bei den korrupten Beamten.

    Freilich hat alles immer multikausale Ursachen. Wenn ein Mensch sich entscheiden, einen anderen zu ermorden, tut er das aus zahlreichen Gründen. Nur ist es in den seltensten Fällen sinnvoll, bei den Gründen anzusetzen, statt bei dem Mörder. Wahrscheinlich ist die einzige Lösung für Nigeria aber ohnehin die Teilung des Landes.

    6 Leserempfehlungen
    • voliant
    • 26. Januar 2012 22:41 Uhr

    seit jahrzehnten beuten shell und andere ölkonzerne das südliche nigeria gnadenlos aus ( durch genügend schmiergelder gesichert ), un all die warlords streiten darum, wer wie wann ma das sagen hat.....

    die hartcoremuslime sind ja nur ein kleines teil des problems
    aber.... wenn die kerle da unten so weitermachen schauen die konzerne nicht mehr lange zu und das heisst auf kurz oder lang, da die reserven in nigeria noch ein paar jahrzehnte reichen, das es dann zu einer weiteren eskalation kommen muss

    mir is es egal, wer wie seine regilgion vertritt, aber wer meint im namen seiner religion ander zur hölle schicken zu müssen, der darf anschliessend nicht erwarten, das die, die dieser terror trifft auf ihre art und weise antworten, das mag sich hart anhören, und ich gebe zu es is auch so...
    aber die menschen die unter diesem terror des nichtakzepierens, des nichtwahrhabenwollen und fanatismus leiden haben einfach das recht sich dagegen zu wehren

    afrika darf nicht muslimisch werden

    jeder stamm und jede volksgruppe in afrika hat das recht auf eigene identität und abstammung

    und jedes land in afrika, das aus kolonialzeiten herraus "geschaffen" wurde, und es geschafft hat, das alle ethnien sich dem zugehörig zählen verdienen nicht nur respekt, sondern es ist auch für afrika eine der möglichkeiten seine eigene identität in einer "nation" zu finden

    3 Leserempfehlungen
  3. Es heiß ja immer die Terroristen würden taktisch vorgehen, nur warum schmeißen sie dann zu dieser Zeit die Bomben. Einer Zeit in der sich die Menschen zusammenschließen um gegen eine korrupte Regierung vorzugehen, der die Menschen ergal sind!

    Diese Anschläge bringen nur einer Partei etwas - dem Staat! Wie können sie so dumm sein? Oder sind sie es gar nicht?

    MFG

    • mussec
    • 27. Januar 2012 0:01 Uhr

    Wie kommt es, dass jede Hinrichtung uns mehr beleidigt als ein Mord? Es ist die Kälte der Richter, die peinliche Vorbereitung, die Einsicht, dass hier ein Mensch als Mittel benutzt wird, um andere abzuschrecken. Denn die Schuld wird nicht bestraft, selbst wenn es eine gäbe: Diese liegt in Erziehern, Eltern, Umgebungen, in uns, nicht im Mörder [Menschliches I, 70]

    Es geht nicht direkt um Hinrichtung. Aber wenn ich wieder so Kommentare lese, die Ursachen in der Trivialität suchen und die Schuld ausschließlich Korrupten Politikern geben denke ich ist so ein Zitat angemessen.
    Die Rahmenbedingungen sind eine Katastrophe. Soziale Armut ist der Nährboden für diese Taten.

    Und wenn jeder von korrupten Politikern redet.
    Wer gibt diesen "Politikern" denn das Geld? Und warum?
    Hier muss man ansetzen.
    Wo Bestecher sind, sind auch die Bestechlichen.
    Einfach nur die Täter bestraft sehen wollen bringt niemandem etwas...

  4. Ich finds immer interessant wenn es zu politischen Unruhen kommt und sogleich kommen die Bomben!

    Vor Wahlen auch zu empfehlen :)

    Man muss es halt historisch wirtschaftlich sehen:

    Nigeria ist eins der korruptesten Länder dieses Planeten mit einer Politiker- und Militärjunta die an Aroganz gegenüber dem eigenem Volk nichts zu wünschen lässt. Und all dies hat mit Öl zu tun - sie sind das Ergebnis 40 järiger Machtpoltik des Westens und dem Interessen internationaler Konzerne am Öl!

    Nie ging es dem Westen um die Menschen. Und was ist das Ergebnis? Über HUndert Millionen MEnschen denen es im wahrsten Sinn des Wortes stinkt und die rebelieren wollen.

    Nur kann dies der Westen unter keinen Umständen zulassen, da es sonst eine neue Weltwirtschaftskrise geben würde - sage nur 6 Mio Barrel täglich!

    Und daher unternehmen die westlichen Staaten gerade alles damit eben dies nicht passiert! Die Menschen die in Freiheit leben wollen sind hier egal, denn es geht um Billionen von Dollar und westliche Hegemonie!

    MFG

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  • Schlagworte Krieg | Boko Haram | Nigeria | Dschihad | Filmindustrie | Sekte
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