Leonard CohenEin Erotiker von Welt

Nach acht langen Jahren schenkt uns Leonard Cohen, der große Gentleman des Pop, endlich ein neues Album. von 

An diesem Freitag erscheint Leonard Cohes "Old Ideas". So radikal unzeitgemäß, dass es wieder passt.

An diesem Freitag erscheint Leonard Cohes "Old Ideas". So radikal unzeitgemäß, dass es wieder passt.  |  © Yann Orhan

Einige Fragen gäbe es da schon noch. Gern hätte man von Leonard Cohen gewusst, wie er sich zum Tabakgenussverbot stellt, er hat doch immer so schön geraucht auf den alten Fotografien. Wo er die Grazie hernahm, einen simplen Akt des Konsums in eine Geste der Kunst zu verwandeln, hätte man von ihm wissen wollen, ob Humphrey Bogart oder Françoise Hardy Pate standen. Des Weiteren hätte uns interessiert, wie man es schafft, den Mount Baldy, jenen in Kalifornien gelegenen Berg der Erleuchteten, hinauf- und sogar unbeschadet wieder herunterzukommen, sowie natürlich das, was uns am meisten beschäftigt: wie dieses dumme Ding, das man Liebe nennt, eigentlich geht.

Leonard Cohen – Darkness


Dass Bedarf besteht, hat erst vor Kurzem sein Triumphzug von einer Tournee bewiesen. Ursprünglich als Maßnahme zur Abwendung des finanziellen Bankrotts gedacht, wollten so viele ihn von Suzanne, Marianne, Nancy und all den anderen singen hören, dass das Ereignis mehrmals verlängert und wiederholt werden musste. Der späte Cohen, er ist ein Mann, dem das Publikum die Botschaft von den Lippen abliest. Cohen aber, ganz Gentleman, wünschte den Hungrigen bloß artig eine gute Heimfahrt und stand ansonsten da, in seinem dunklen Anzug, in den alle Zurückhaltung dieser Welt eingewoben ist, und mit dem Hut, aus dem er klaglos seine Hits hervorzauberte, als hätte er in all den Jahren genug gesagt. Vielleicht kommt man so auf die Idee, ein Album Old Ideas zu nennen.

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Unter Marketinggesichtspunkten ist Old Ideas ein echter Downer von einem Albumtitel. Besäße unsereins die Impertinenz, einem Artikel den Titel Alte Ideen zu geben, sogleich käme der Textchef angerannt, um einem das Ding um die Ohren zu hauen, denn bekanntlich sucht der Leser das Neue und das Aufregende. Man darf annehmen, dass die Plattenfirmenmenschen ähnlich unbegeistert reagiert haben, doch zum einen haben sich die Plattenfirmenmenschen, was die angemessene Herausgabe des Cohenschen Werks anbelangt, bereits so oft und so fundamental geirrt, dass eine gewisse Demut in ihren Reihen eingekehrt zu sein scheint. Zum anderen und wichtigeren ist Cohen mit 77 endlich bei jenem Status der Unantastbarkeit angelangt, der ihm in jüngeren Jahren fehlte. Das beinhaltet auch die Freiheit, Erwartungshaltungen zu enttäuschen.

Es ist kein abgeklärtes Spätwerk, das uns hier erwartet, sondern ein Buch der Unruhe, in dem es pocht, tickt und raschelt, in dem die neuen Wahrheiten als Wiedergänger der alten auftreten und die alten Wahrheiten bei sinkender Sonne auf ihren Bestand hin befragt werden. Was war da noch gleich? Da ist einer übers Wasser gewandelt, ohne unterzugehen? Vor langer Zeit vielleicht einmal. »Tell me again«, ächzt Cohen mit seiner vertrauten, im Lauf der Jahre vom Bariton zum brüchigen Brummbass herabgesunkenen Stimme, immer wieder »tell me again«, als sei das Wiederholen die letztmögliche Form des Bezeugens, als gelte es, wenigstens in der Form etwas zu bewahren, das als Inhalt verloren zu gehen droht. Man muss es in dieser Deutlichkeit sagen: Was das Verbreiten froher Botschaften anbelangt, ist der Alte ein Versager. Der späte Cohen raubt uns endlich all die Illusionen, die der junge Cohen in uns geweckt hat.

Leonard Cohen – Show Me The Place


Nehmen wir nur die Idee der Erlösung. Wer glaubt, der ewige Sucher Cohen hätte im Zen-Kloster vor den Toren von Los Angeles endlich seinen Frieden gefunden, sieht sich eines Besseren belehrt. Was immer die Lehren des Meisters Joshu Sasaki Roshi gewesen sein mögen, der ihm auf dem Mount Baldy den Namen Jikan, der Stille, gab – Jikan ist den Niederungen der Welt erhalten geblieben, kein Illuminat, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher. Neuerdings scheint er gar, wie manche Männer fortgeschrittenen Alters, verstärkt zu Selbstgesprächen zu neigen. »I love to talk to Leonard, he’s a sportsman and a shepherd«, gesteht Cohen uns gleich in den ersten Zeilen, um dem elegischen Ton, mit dem er sich vorstellt wie einen alten Bekannten, sogleich eine unelegische Wahrheit folgen zu lassen: »He’s a lazy bastard living in his suit.« Der Dichter als Spieler und fauler Hund: Selten ist die Idee des Erhabenen so elegant an die Wand gefahren worden.

Oder die Liebe, von jeher Cohens Lieblingssujet. Früher handelten seine Texte von Kellnerinnen, Seherinnen und Lady Midnight, der Königin von allen, er war der Sänger all der Nächte, von denen er schon am Vorabend wusste, dass sie großartig werden würden. Auf Webseiten wie Cohenpedia hat das zu einer Flut empfindsamer Interpretationen geführt. Keiner sei in der Lage, das Wort »naked« so nackt auszusprechen, heißt es dort, man sehe förmlich den Abdruck vor sich, den die Strumpfhose auf der Haut hinterlassen habe, mehr noch, Cohen schäle den Apfel der Liebe und den Pfirsich der Lust mit einem Messer, das auf direktem Wege das Geheimnis freilegt. Und heute? Schält er noch immer, doch er ist zu keinem Kern vorgedrungen. »Dance me to the end of love« – noch so ein schöner Gedanke ohne Aussicht auf Verwirklichung. Denn in Wahrheit will das Verlangen den Körper nicht verlassen. Und der Schmerz der Trennung brennt wie am ersten Tag.

Leserkommentare
    • Layer 8
    • 26. Januar 2012 10:23 Uhr

    Ja! Nur schade, dass es keinen Nobelpreis für allgemeine Kunst gibt. Da hat wohl der Stifter zu kurz gedacht. Nur für Literatur ist doch etwas einseitig. IMHO

    • Fabiana
    • 26. Januar 2012 10:44 Uhr

    Es gelingt ihm, einem das Gefühl zu geben, dem unbegreiflichen Sinn des Lebens ein bisschen näher zu kommen – alles ist vergänglich, Altern ist traurig, aber die Liebe kann immerhin punktuell über das Negative siegen. Den Nobelpreis würde ich ihm von Herzen gönnen, aber ich weiß gar nicht, ob das so zu ihm passen würde, dass eine Expertenkommission über sein Werk berät und dann Punkte vergibt. Sartre hat 1964 den Nobelpreis sogar abgelehnt, weil er mit dem System der Klassifizierung nicht einverstanden war. Und er war auch ein herausragender Vermittler zwischen dem Großen, Außergewöhnlichen, Unendlichen und dem Kleinen, Alltäglichen.

  1. Per Volksmund genießt ein Gentleman und schweigt. Mr. Cohen hat aber beispielsweise aus einem flüchtigen Vergnügen schnell mal Chelsea Hotel geschrieben und sozusagen doppelt abgesahnt. Damit wurde, wie Sie es (unfreiwillig) auf den Punkt bringen, ein simpler Akt des Konsums in eine Geste der Kunst verwandelt. Sie haben es geschafft, das Opus Cohen in einem Nebensatz zu beschreiben und (überspitzt) den Kern des Zen-Buddhismus noch dazu. Dafür bedanke ich mich bei Ihnen.
    Als Cohen-Fan und Purist, der in diesem Fall auf den kulturwissenschaftlichen Schnickschnack verzichtet, werde ich seine Werke weiterhin als das genießen, was sie für mich sind: Eine bittere Abrechnung mit den Tücken des Lebens, das nichts anderes ist, als eine Glockenfunktion der Zeit. "Der Weg hinauf hinab ein und derselbe." Nur die Namen der Berge ändern sich.

  2. Vielen Dank für diese wunderbare und eindrückliche Rezension, ach was, diese schwärmerische Laudatio!

    Jetzt hoff' ich bloß, dass das Album den nun hohen Erwartungen gerecht wird.

    • topal
    • 26. Januar 2012 12:21 Uhr

    Sony Musik spendiert das Album for free - hier komplett zu hören in Dauerschleife

    http://t.fans.sonymusicem...

  3. gelesen habe.
    Wer ist der Autor/die Autorin?

    Leonard Cohen ist fraglos einer der grössten lebenden Songwriter, ein Poet und Philosoph von großer Spiritualität.
    Mit seinen sparsamen aber wohl gewählten Texten und einfachen ruhigen musikalischen Sequenzen lässt er grösste Themen und tiefste Empfindungen in uns anklingen.

    Hier ein Link mit Übersetzungen seiner Song-Texte:
    http://www.boelters.de/LC...

  4. danke ZEIT. sowas liest man echt nur bei euch. egal ob man cohen mag oder nicht, seine musik kennt oder nicht. dieser artikle ist so klug, so intelligent, so geil (yep) geschrieben das er selbst zum kleinen kunstwerk wird. noch mal. danke!

  5. heute erst stand ich, mußte auf etwas warten und hatte die mittlerweile über 10 Jahre alten "Ten new songs" im Kopf, die mich seit ich sie das erste Mal hörte, immer wieder als Erinnerung oder auch als Konserve erreichen.

    Er ist ein Phänomen, für mich einer der Größten und ich finde es wunderbar, dass es eine neue CD gibt, die sich noch dazu so erdig anhört wie ein guter Whiskey, den man ähnlich genießen sollte.

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