BrustimplantateSolidarität trotz Silikon

Warum die Entfernung gefährlicher Brustimplantate ein Fall für die Kassen ist. von 

Wenn ein Junkie sich Stoff mit einer schmutzigen Nadel spritzt und an Hepatitis erkrankt, kann er sich auf die gesetzliche Krankenversicherung verlassen. Die nötigen Medikamente kosten oft Tausende, werden aber bezahlt. Wenn ein Alkoholiker einen Entzug macht, springen Barmer oder AOK ein. Und wenn ein Versicherter sich beim Abfahrtsski oder Bungee-Jumping verletzt, kann er ebenfalls auf die Solidarität der anderen Versicherten zählen. Unsere Krankenkassen funktionieren nicht nach dem Schuldprinzip. Hilfe gibt es auch für die Unvernünftigen.

Über diesen Grundsatz lässt sich streiten. Aber solange er angewendet wird, sollte er für alle gelten – also auch für Frauen, die sich gesundheitsschädliche Silikonkissen in ihre Brüste einsetzen ließen und diese jetzt dringend loswerden wollen. Sie müssten sich eigentlich auf das Gesundheitssystem verlassen können, seit die Behörden warnen und empfehlen, die Einlagen entfernen zu lassen. Aber in ihrem Fall gelten andere Regeln: Damit andere vor Schönheitsoperationen zurückschrecken, sollen diese Frauen verpflichtet werden, einen Teil der Kosten selbst zu tragen. Das neue Prinzip heißt: Solidarität ist wichtig, Pädagogik ist noch wichtiger.

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Einige Tausend Betroffene soll es in Deutschland geben. Die Entfernung der »tickenden Zeitbomben«, wie der Chef der Ärztekammer die Silikonkissen nennt, kostet nach Schätzungen der AOK Rheinland / Hamburg zwischen 4.000 und 6.000 Euro, manchmal deutlich mehr. In jedem Fall müssen die Kassen von den Patienten einen »angemessenen« Eigenanteil verlangen, so steht es in einem Gesetz, das vor einigen Jahren eigens geschaffen wurde, um mögliche gesundheitsschädliche Folgen von Schönheitsoperationen zu regeln. Was »angemessen« ist, entscheiden die Kassen. Maximal die Hälfte der Kosten kann eine Krankenkasse von den Betroffenen fordern – und viele Berliner Politiker finden, sie sollten nicht zögerlich sein.

Gesundheitsminister Daniel Bahr , CDU-Abgeordnete und vor allem Frauen aus den Oppositionsparteien halten Härte für geboten. Man dürfe Schönheitsoperationen nicht noch populärer machen, heißt es. Wer sich aus Eitelkeit unters Messer lege, müsse sich eben über die Konsequenzen im Klaren sein. Es gehe auch um Schönheitsideale und den Druck, ihnen zu entsprechen, sagt die SPD-Gesundheitspolitikerin Carola Reimann . So formiert sich in Berlin gerade eine merkwürdige Allianz aus denen, die sparen, und denen, die Frauenpolitik betreiben wollen.

Beide Gruppen haben sich für ihr Anliegen das falsche Thema ausgesucht. Wenn Menschen um ihre Gesundheit fürchten, verbieten sich solche pädagogischen Lektionen. Sparen ist gut, aber nicht zu Lasten von Patienten in Not . Feminismus ist manchmal auch gut. Aber er sollte sich nicht ausgerechnet gegen Frauen richten, die nun Angst um ihren Körper haben.

Einige Gesundheitspolitiker zeichnen ein falsches Bild von den betroffenen Frauen, sie stellen sich Wohlhabende vor, die einen Teil ihrer Operationen locker bezahlen können. Aber schon ein flüchtiger Blick in Trash-Talkshows und in die Bild- Zeitung reicht für den Verdacht, dass es auch viele Atombusenfans mit wenig Geld gibt. Es dürfte viele Frauen geben, die für eine neue Brust sparen oder mit einem Kleinkredit nicht das neue Auto, sondern eine größere Oberweite finanzieren.

Diese Frauen sollten nicht im Stich gelassen werden. Das gilt umso mehr, als sie schuldlos in ihre Lage geraten sind. Der französische Hersteller Poly Implant Prothèse hat gegen Gesetze verstoßen, als er seine Implantate mit billigem, leicht reißendem Industriesilikon füllte. Das konnten die betroffenen Frauen nicht wissen. 

Deshalb sollten die Kassen großzügig sein – und der Minister sollte den Pädagogik-Paragrafen streichen. Ohnehin verwundert es, dass ausgerechnet ein FDP-Minister mittels Gesetz erziehen will. Wie absurd der ganze Ansatz ist, zeigt ein weiterer Paragraf des Gesetzes, der eine Eigenbeteiligung an Kosten vorsieht, wenn Menschen ihre eigenen Körper mutwillig verletzen. Theoretisch könnte eine Krankenkasse sogar einen Depressiven nach einem gescheiterten Selbstmordversuch mit einer Krankenhausrechnung schocken. Und wer wollte definieren, wann genau eine mutwillige Schädigung beginnt?

Einzelne Kassen haben angekündigt, die betroffenen Frauen nicht zu belasten, wenn sie sich operieren lassen. Alles andere sei nicht mit ihrem Selbstverständnis zu vereinbaren, sagt die AOK Rheinland/Hamburg. Wenn aber selbst die Versicherungen lieber auf Geld verzichten, als Patientinnen zu bestrafen – dann sollten auch die Gesundheitspolitiker begreifen, dass mit ihrem Gesetz etwas nicht stimmt.

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Leserkommentare
  1. Erstmal ein gut geschriebener Artikel.

    Aber ich verstehe die Diskussion nicht ganz. Wenn den Frauen die Implantate wieder entfernt werden, dann sind sie nach meiner Meinung bestraft genug, da sie mindestens das Geld für eine Schönheitsoperation weg ist, man zwei Operationen inklusiver damit verbundenen Problemen durchstehen mussten und nun keinesfalls schöner als vorher darsteht.

    Ich denke gerade diese Frauen, haben davon gelernt und ich hoffe, dass nach diesem Skandal die Brustoperationen endlich wieder stark zurückgehen.

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    ...und eben das ist das Problem: Gleich wieder dieses gutmenschliche Mitleidsgeflenne.

    Abgesehen davon, dass einer Vergrößerung nicht selten irgendwann einer weiteren Folge und somit die Operation nur halb so schlimm sein kann, werden all diese sich den Müll per Steuerzahler entfernen lassen und paar Monate später wieder mit hoffentlich besseren Dope wieder aufblasen lassen.

    Sie haben ja "gelernt", dass Sie ja gar kein Fehler gemacht haben und nur arme Opfer sind - alle Gutmenschen der Welt stehen hinten ihnen und der Steuerzahler übernimmt die wohlgfeilte Reparatur. Also was sollte diese degenerierten Schönheitsdekadenzen davon abhalten so was nicht noch einmal zu machen?

  2. Ich gebe Ihnen Recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass die gesetzliche Krankenversicherung nicht nach dem Schuldprinzip funktioniert, jedenfalls im Normalfall. Aber was ist bei einem Gesetzgeber schon normal, der immer mehr nach dem "Zeitgeist" schielt und entsprechend handelt.

    Vollkommen schizophren wird das Ganze erst recht dann, wenn man sich die rechtlichen Grundlagen für die Diskussion um die Kosten für die Entfernung der Transplantate ansieht. Dann fragt man sich, warum Krankenkassen ihre Versicherten an den Kosten einer Behandlung angemessen zu beteiligen "haben", wenn dafür z. B. eine medizinisch nicht indizierte ästhetische Operation ursächlich war, während dieselben Krankenkassen ihre Versicherten lediglich an den Kosten beteiligen "können", wenn diese sich die Krankheit vorsätzlich oder bei einem von ihnen begangenen Verbrechen zugezogen haben.

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  3. Ich glaube, nur wenige begeben sich für eine Schönheits-OP "mutwillig" unters Messer. Eher empfindet die Mehrzahl einen ungesunden Druck, ihrem eingebildeten Ideal unbedingt entsprechen zu wollen und dafür die entsprechenden Risiken in Kauf zu nehmen.

    Aber trotzdem verzichten die Versicherungen, wie im Artikel geschrieben, nicht auf Geld, sondern legen es auf die Solidargemeinschaft um und erhöhen im Zweifel die Mitgliedsbeiträge. Wirtschaftlich besteht da für die Versicherung kaum ein Risiko.

  4. Es ist natürlich populär, wenn man eine Frau, die sich aus ästhetischen Gründen die Möpse hat vergrößern lassen im Schadensfall auf den Kosten sitzen lässt. Weil ja Möpsevergrößern ein Luxusproblem ist. Ist es vielleicht sogar. Aber vielleicht war die ein oder andere Frau totunglücklich mit ihre Busengröße, für die noch nicht mal ein BH notwendig war, weiil es da nichts mehr zu halten gab, weil zu klein.

    Ich finde es manchmal auch erschreckend, wie sich manche Menschen aufmunitionieren lassen (aufgespritzte Lippen, gestraffte Haut, vergrößerte Brüste ect.). Aber wenn wir nach dem Schuldprinzip gehen würden und dies konsequent zu Ende denken, müsste die Kasse mir bei einem Radunfall auch nichts mehr zahlen, weil ja im Zweifel selber schuld. Dabei wollte ich doch nur meine Fitness verbessern, um so der Kasse später zur Last zu fallen als mit Ende vierzig, weil zu dick und daher Herzkasper.

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  5. aber den Rest des Solidarprinzips der Krankenversicherung sollten wir nicht aufgeben.
    Natürlich muss den Frauen geholfen werden. Sollen sie krepieren, wenn sie das Geld für eine zweite OP nicht aufbringen können? Nur der Reiche darf überleben?

    Wird demnächst auch jemandem die Behandlung einer Krebserkrankung versagt, weil er an einer vielbefahrenen Straße wohnt?

    Er hätte doch wissen müssen, dass die Feinstaubbelastung durch Abgase und Reifenabrieb ein höheres Risiko für die Gesundheit darstellt?

    Eine gefährliche Diskussion. Soll sie da zu führen, "mehr Eigenverantwortung" durch Auslagerung in "private Vorsorge" salonfähig zu machen?

    Für Sportler, Raucher, Konsumenten von Fastfood, Geschlechtsverkehr ohne Vorlage eines Gesundheitszeugnis des Partners, Nutzer von ICE-Zügen, da man doch weiß, dass sie seit der Privatisierung der Bahn schlecht gewartet werden, etc.

    Wo wäre die Grenze?

    Ich kann den Begriff der "Kosten" in diesem Zusammenhang der Überökonomisierung des Denkens und der Gesellschaft nicht mehr hören.

    16 Leserempfehlungen
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    ...bei schlecht gewarteten ICEs sollte die Bahn haften. Gegen Fastfood sollte eine schulische Aufklärung erfolgen und keine reversive Krankenbehandlung. Ebenso werden Raucher zum Glück ausreichend besteuert (nur leider wandert dieses Geld in Bankenrettungstöpfe). Und Freaksportler sollten ebenso wie Statiker oder andere Verantwortungsträger eine eigene Haftpflichversicherung abschliessen.

    Für die Sache mit dem Gesundheitszeugnis treffen in diesem Fall auf eben jene Leute, die sich die Hupen aufblasen lassen. Wie diese "Armen" sich zuvor die Operation leisten konnten ist mir ein Rätsel, ebenso warum die nun kein Geld mehr haben sollten...

    Die Sache ist im Prinzip doch ganz einfach: Die Versicherung des Herstellers muss einspringen, dann muss geprüft werden ob die Ärzte das Material geprüft haben und ebenfalls in Regress genommen werden ansonsten die Kammer unter Druck genommen, dass unmittelbar eine Prüfungspflicht verfasst wird und dann sollten die "Opfer" einen Beitrag leisten. Und wann dann noch etwas übrig bleibt dann eventuell das Volk.

    Wenn Sie bei eBay BHs bestellen die nicht ankommen, dann können Sie nur darauf hoffen, dass die Bullen den Täter finden - aber kämen Sie auf die Idee, dass die Bevölkerung ihre BHs ersetzt?

    [...]

    Gekürzt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

  6. Zunächts sei festgehalten: Die Solidasrgemeinschaft kommt, so unnötig derlei Kosten auch erscheinen mögen, für die Behandlung der betroffenen Personen auf. Aber der Vergleich mit Junkies und Alkoholikern verbietet sich mit Blick auf deren Krankheitsbild. Diese Menschen sind krank. Menschen, welche kosmetische Operationen durchführen lassen, können sich nicht darauf zurückziehen. Ebenfalls ein Unterschied besteht m. E. zwischen Sportlern und Extremsportlern, z. B. Schwimmer und Skifahrer. Was soll die Verallgemeinerungstendenz? Diese Frauen, welche jetzt in Angst leben, auch noch erziehen zu wollen, ist ebenso zynisch wie der Vergleich zwischen einem Eitlen und einem Schwachen. Für mich ist außerdem vor allem die Haftpflichtversicherung des Herstellers gefragt.

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  7. ...die Vergleiche sind zumal äusserst schlecht gewählt, denn nicht jeder der ein Bier trinkt wird zum Alkoholiker, noch bricht sich jeder Skifahrer ein Bein.

    Und bei den Implantaten handelt es sich um kaputte Ware. Ein Alkoholproduzent muss für die Schaden aufkommen, wenn er Frostschutzmittel vermischt oder ein Skiausrüster minderwertiges Plastik benutzt...

    In diesen Fall muss ganz klar geklärt werden, ob auch die Ärzte wussten, was die da verbauen. Denn diese sind die großen Gewinner: Aus einem Auftrag mach drei - und der dumme Michel zahlt. [...]

    Zudem: Noch ist ja nichts passiert - soll der Hersteller oder die Werkstätten(Ärzte) wie jedes Autohaus ihre "Produkte" zurückrufen.

    [...]

    Tja, so ist die Demokratie: Wenige bestimmen, viele andere bezahlen.

    Und zum Vergleich: Jemand der im vollen Bewusstsein sich die Birne wiederholt zuschüttet oder die Ski-Junky, die abseits der Skipisten den Thrill suchen, die sollen sich meiner Meinung nach sehr wohl an den Kosten zumindest beteiligen... (abgesehen davon, dass Alkohol süchtig machen kann. Titten wohl nicht).

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Die Redaktion/vn

    • gorgo
    • 27. Januar 2012 9:24 Uhr

    Vorweg: Den Vergleich mit Junkies und Brustimplantierende finde ich daneben.
    Es ist u.a. auch daneben, weil viele Frauen nach KrebsOPs Implantate einsetzen lassen. Warum wird hier so undifferenziert berichtet?
    Richtig, die Kasse muss zahlen,

    aber auch deshalb,weil die "Schuld" gar nicht bei den Frauen liegt, die sich nämlich nur für Vergrößerung selbst entschieden haben, sondern den Herstellerfirmen - bzw. den Ärzten liegt. Warum kommt das hier nicht vor - das ist auch ein großer Unterschied. Wo kämen wir hin, wenn die Kasse bei mißlungenen OPs nicht mehr für die Genesung aufkommt?? Sorum gefragt, wird ein Schuh draus! Und dann müssen die Kassen sich das Geld von den Firmen holen, wenns geht...

    4 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Solidarität | AOK | Allianz | Carola Reimann | Daniel Bahr | Feminismus
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