Die Männer drohen zu verjammerlappen! »Schmerzensmänner«, nennt Nina Pauer die jungen Kerle der Gegenwart. »Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich, melancholisch und ratlos« sei der Mann von heute. Der junge Mann, so Pauer, befinde sich in einer Identitätskrise, verheddere sich in Selbstreflexionen, und das sei, so das ungnädige Urteil, »auf die Dauer furchtbar unsexy«. Da ist man doch sehr froh, kein Mann zu sein, denn solche Diagnosen kommen einer Kastration gefährlich nahe; es sei denn, man ist von stabiler psychischer Natur, etwa vom Formate eines Voltaire, der über die ewige Klage des Weibes über den Mann das Bonmot schuf: »Vermutlich hat Gott die Frau erschaffen, um den Mann kleinzukriegen«. Wechselseitige Übertreibungen scheinen von jeher der Soundtrack zu allen Geschlechterdiskussionen zu sein.

Folgt man Pauers Auffassung des irrlichternden Mannes, müsste sich alles um einen Riesenunfall handeln, bei dem Frauen ihre Bestellung »Mehr Softheit und Schmusiness, weniger Machismo und Aggression« abschickten und einen Haufen Heulsusen zurückbekamen. Muss man sich das wirklich so vorstellen wie in einem Restaurant, in dem man darum bittet, das Gericht mit weniger Schärfe, Salz, Fett und Gewürzen zu kochen, und sich anschließend wundert, dass man beim Essen so gar nichts schmeckt?

Wer glaubt, dass Männer sich geändert haben, weil man es von ihnen verlangte, unterschätzt die Psychologie von Menschen. Grundsätzlich ist zu bezweifeln, dass »die« Männer geworden sind, wie sie sind, weil sie sich den Wünschen und Forderungen der Frauen gebeugt hätten. Solche Trottel sind Männer nicht, dass sie ihre Entwicklung nach weiblichen Wunschlisten ausrichten, sich bedauerlicherweise jedoch als übereifrige Streber herausstellen, die zu blöd waren, den Bestellzettel richtig zu lesen.

Es könnte sein, dass es für Männer in bestimmten Milieus üblicher geworden ist, ihre Gefühle zu offenbaren, als es noch zu Zeiten von Burgfräuleins und Rittern üblich war. Doch spielen sicher viele Faktoren eine Rolle. Jahrhundertelang galten für die Geschlechter bestimmte Regeln, etwa im Erziehungswesen. Die Koedukation, das gemeinsame Unterrichten von Mädchen und Jungen, begann in Deutschland erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wurden Kinder in jedem Unterrichtsfach von Lehrkräften beiden Geschlechts unterrichtet. Die Idee war, Chancengleichheit und Gleichberechtigung zu schaffen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass es einen Unterschied macht, ob man seine geschlechtsspezifische Rolle mit oder ohne das andere Geschlecht herausbildet. Wer viel Umgang mit zartbesaiteten Mädchen hat, wird möglicherweise bei seinem Balzverhalten auf eine Gitarre und ein Stück in Moll zurückgreifen. Wer in einer Klasse mit Kindern aus dem migrantischen Arbeitermilieu aufwächst, wird seiner Süßen vielleicht etwas rappen und sie niemals, wirklich niemals, zu einem Indierock-Konzert einladen. Unterschiedliche Milieus bringen unterschiedliche Männertypen hervor, und der, den Nina Pauer beschreibt, ist nur einer davon.

Selbstverwirklichung ist ein Spezialthema der Frauen

Ein weiterer Faktor ist Gewalt. Kaum etwas wirkt sich auf das Paarverhalten so sehr aus wie die eigene Gewalterfahrung. Junge Männer stehen heute nur noch in Ausnahmefällen auf Schlachtfeldern, um ihr Land zu verteidigen. Sie kämpfen vielmehr auf Schulhöfen, wo es um die Verteidigung der Tischtennisplatte geht. Prügel und Erniedrigung finden untereinander statt, aber sehr viel seltener in Schulen und Familien. Das wirkt sich nicht nur auf Jungs aus, sondern auch auf Mädchen. Wir leben insgesamt in einer friedlicheren Ordnung, als es vor 30, 40 Jahren noch der Fall war. Sie ermöglicht es jedem, sich mit sich selbst und seinen Gefühlen zu beschäftigen. Aber sind Selbstverwirklichung und Gefühligkeit in Wirklichkeit nicht eigentlich das Spezialthema von Frauen? Wer geht denn zum Yoga und fastet und beklagt sich über Männer? Wie soll man als Mann mit so etwas souverän umgehen?

Auch die Politik nimmt eine wichtige Stellung bei den Rollenmustern ein. Was wie eine innere Wandlung aussieht, ist in Wirklichkeit eine Steuerung von außen, die deshalb funktioniert, weil der Mensch käuflich ist. Ein Beispiel: Es war nicht das Wort der feministischen Bewegung, die aus Männern Kinderwagen schiebende Väter gemacht hat, es war das Geld. Erst als die Regierung bereit war, ein System zu organisieren, in dem Väter für das Zuhausebleiben bezahlt werden, blieben sie zu Hause bei ihren Kindern. Nicht die Männer hatten sich geändert, sondern die finanziellen Anreize. Oder ist irgendwem eine Bürgerrechtsbewegung bekannt, wo Männer auf die Straße gingen und nach Elternzeit verlangten?

Wäre es nicht sowieso viel interessanter, zu untersuchen, warum sich immer nur Frauen über Männer beklagen und nie umgekehrt? Bis auf einige wenige Komödianten, die sich sehr harmlos über Frauen und ihren angeblichen Hang zu übermäßigen Handtaschen- und Schuhkäufen amüsieren, gibt es das Genre »Kritik an Frauen« nicht. Und das, obwohl sich durch die beschriebenen Veränderungen auch das Leben der Frauen verändert hat. Wie finden das Männer?