Mahmud Abbas "Nie wieder bewaffneter Kampf!"

Der scheidende Palästinenserpräsident Mahmud Abbas über seine letzte politische Chance, den Konflikt mit Israel zu beenden.

DIE ZEIT: Herr Präsident, wir haben 2011 ein Umbruchjahr für die arabischen Länder erlebt. Verstehen Sie, dass Ihr israelischer Nachbar mit Angst auf die neue Lage blickt?

Mahmud Abbas: Ich verstehe die Angst der Israelis sehr gut, es ist eine sehr schwierige Situation für ihr Land. Aber was heute in den arabischen Ländern passiert, sollte Israel zur Eile drängen, mit uns Frieden zu schließen. Keiner weiß, was später kommt. Keiner weiß, was der Arabische Frühling bringen wird.

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ZEIT: Für die Palästinenser hat der Arabische Frühling zunächst nur Hoffnung gebracht. Was ist daraus geworden?

Abbas: Was die palästinensische Sache angeht, hat das revolutionäre Jahr keine Veränderung gebracht. Aber bitte verstehen Sie, dass ich mich nicht in die inneren Angelegenheiten unserer Nachbarländer einmischen kann, weil dort viele palästinensische Flüchtlinge leben. Ich will deren Wohl nicht gefährden.

ZEIT: Sind die Palästinenser am Ende die großen Verlierer des Arabischen Frühlings?

Abbas: Wenn die Menschen auch bei uns einen Regimewechsel wollen, können sie den jederzeit haben, denn wir glauben an Demokratie. Ich würde mich mit Vergnügen dem Volkswillen beugen. Bei den Demonstrationen im Westjordanland und in Gaza gab es aber nur drei Slogans: »Nieder mit der Besatzung«, »Nein zur nationalen Teilung« und »Ja zur Versöhnung zwischen den palästinensischen Fraktionen Fatah und Hamas«.

ZEIT: Im Mai soll es Wahlen geben. Sie stehen nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung?

Abbas: So habe ich es gesagt, und ich stehe dazu. Ich hoffe sehr, dass wir am 4. Mai unsere Wahlen abhalten können. Dann werde ich abtreten.

ZEIT: Voraussetzung dafür ist die Versöhnung zwischen Ihrer Fatah und Hamas in Gaza, und die kommt nicht voran.

Abbas: Die Versöhnung kommt sehr wohl voran. Es gibt zwischen dem Westjordanland und Gaza keine Auseinandersetzungen mehr. In Gaza sind noch militante Gruppen jenseits von Hamas aktiv, die manchmal Raketen auf Israel schießen. Hamas versucht, sie unter Kontrolle zu bringen. Wir alle wollen Wahlen als Abschluss der Versöhnung. Wer danach regiert, das ist allein Sache des palästinensischen Volkes.

ZEIT: In der arabischen Welt erleben wir Wahlsiege des politischen Islams. Droht das auch Palästina?

Abbas: Hamas ist wichtig, aber ich glaube nicht, dass die Palästinenser mehrheitlich für islamische Parteien stimmen werden. Wir sind sehr viel säkularer als unsere Nachbarn.

ZEIT: Das ist die Weltsicht Ihrer Generation, der säkularen Nationalisten, die jetzt bald abtreten wird.

Abbas: Die Gesprächsbereitschaft der Palästinenser hängt nicht an meiner Person. Der Friedensprozess ist nicht die private Politik von Mahmud Abbas. Er ist in der Fatah tief verwurzelt. Unsere gesamte Führung ist moderat und säkular.

ZEIT: In der Hamas sind die Moderaten auf dem Rückzug. Der eher pragmatische Chef Chaled Meschal, Ihr Partner bei den Versöhnungsgesprächen, will nicht wieder antreten. Sie befürchten nicht, dass auch in Palästina eine neue, radikalere Generation die Macht übernimmt?

Abbas: Ich hoffe, dass es nicht so kommt.

ZEIT: Im Herbst haben Sie bei den Vereinten Nationen die Aufnahme Palästinas als Vollmitglied beantragt. Warum dieser Schritt?

Abbas: Ein Jahr zuvor hatten wir versucht, die Verhandlungen wiederzubeleben. Das scheiterte trotz der Bemühungen des Quartetts, bestehend aus den USA, der EU, Russland und den Vereinten Nationen. Wir hatten angekündigt, uns in diesem Fall an die UN zu wenden. An wen auch sonst? Aber das bedeutet doch nicht, dass wir nicht mehr verhandeln wollen! Alle Kernprobleme eines Friedensschlusses – Grenzverlauf, Sicherheitsfragen, der Status Jerusalems und die Flüchtlingsfrage – müssen natürlich zwischen uns und den Israelis direkt besprochen werden. Nur so wird es Frieden geben. Aber wir mussten Bewegung in den Prozess bringen, denn der war seit dem Amtsantritt von Benjamin Netanjahu blockiert.

ZEIT: Die Israelis betrachten Ihren Gang zu den UN als einseitigen Schritt.

Abbas: Wieso? Israel verletzt durch seine Siedlungspolitik internationale Verpflichtungen, die es selbst unterschrieben hat. Israel stellt sich damit gegen die gesamte internationale Gemeinschaft. Wir aber suchen internationale Unterstützung für unsere Anerkennung.

ZEIT: Die israelischen Behörden haben Ihnen kürzlich ein Visum ausgestellt, mit dem Sie das Westjordanland verlassen können und das nur noch zwei Monate gültig ist. Ist das die Strafe für den Gang zu den UN?

Abbas: Ich sehe darin eine Demütigung. Ich hatte früher einen VIP-Pass. Jetzt bekomme ich einen vorläufigen Erlaubnisschein mit dem Vermerk, er sei »trotz Sicherheitsbedenken« ausgestellt worden. Man sagt, ich führe einen »terroristischen, diplomatischen und juristischen Krieg« gegen Israel. Was soll ich machen? Ich lebe unter der Besatzung. Ich hoffe, dass die Israelis ihre Einstellung ändern, denn ein Scheitern unserer Gespräche wäre ein Desaster für die ganze Region.

ZEIT: Ist ihr UN-Projekt gescheitert? Ihr Antrag hatte im Sicherheitsrat keinen Erfolg, und das Verhältnis zu Israel ist noch schwieriger geworden.

Abbas: Das ist noch nicht vom Tisch. Wir forcieren unser Anliegen derzeit nur deshalb nicht, weil wir neuen Gesprächen eine Chance geben wollen. Aber wir werden bei den UN weitermachen, wenn es keine ernsthafte Gespräche mit Israel gibt.

Leser-Kommentare
  1. "Was spricht gegen die Einstaatenlösung, also ein Israel, in dem die Palästinenser eines Tages die Mehrheit stellen würden?"

    Nichts spricht dagegen - es ist offensichtlich genau das, was die Isrealis bemüht sind zu erreichen, und man sollte es ihnen gewähren. Dann so schnell wie möglich demokratische Wahlen in dem palästinensischen Groß-Israel. Die Zeit für eine einvernehmliche Einstaatenlösung hat Israel selber längst verpasst.

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    • Pyr
    • 28.01.2012 um 18:17 Uhr

    Ein solcher Staat würde doch sofort implodieren. Die Bevölkerung beider Länder steht dem doch massiv entgegen. So einfach wie bei West- und Ostdeutschland klappt das nicht, und schon das war ein Kraftakt.

    • Pyr
    • 28.01.2012 um 18:17 Uhr

    Ein solcher Staat würde doch sofort implodieren. Die Bevölkerung beider Länder steht dem doch massiv entgegen. So einfach wie bei West- und Ostdeutschland klappt das nicht, und schon das war ein Kraftakt.

    • Pyr
    • 28.01.2012 um 18:13 Uhr

    Im Gegensatz zu Abbas handelt es sich bei Netanjahu um eine wirklich ekelhaft lügnerische Persönlichkeit. Nicht nur unsere Kanzlerin hat das längst kapiert (http://www.tagesschau.de/...), auch Sarkozy sieht in ihm einfach nur einen habituellen Lügner (http://www.focus.de/polit...).

    Aber wen wundert das? Nach außen tut er so als würde es an Palästina liegen, dass die Friedensverhandlungen scheitern. In Wahrheit hasst er offenbar die Palästinenser, und sabotiert die Verhandlungen immer wieder auf perfide Weise.

    In einem leider medial wenig beachteten Video von 2001 (http://www.tabletmag.com/...) hört man Netanjahu sagen, dass Amerika leicht zu manipulieren sei, dass er absichtlich die Osloer Friedensverhandlungen sabotiert habe und offenbar stolz darauf ist, und dass man die Palästinenser niederschlagen müsse, nicht nur einmal sondern mehrfach, bis sie es nicht mehr aushalten.

    Dass wir bei so einem Staatsoberhaupt auch noch offiziell auf der Seite Israels sind, finde ich unerträglich!

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    Zitat: "Im Gegensatz zu Abbas handelt es sich bei Netanjahu um eine wirklich ekelhaft lügnerische Persönlichkeit."
    Hm, also mit der Ehrlichkeit von Herrn Abbas ist es nicht gerade sehr weit her. Beispielsweise erklärt er ja mit schönen Worten, er wolle Frieden und garantiere für die Sicherheit Israels. Seine Taten dagegen signalisieren ganz anderes: Spricht es denn für friedliche Absichten, wenn er mit einer verurteilten palästinensische Verbrecherin Tee trinkt und sie für ihre Heldentat belobigt?

    Zitat: "Yet by paying lavish homage to child-slayers, Abbas endorses terror and escalates Palestinian psychological warfare, which – in order to manipulatively tug at the heartstrings of progressive do-gooders – camouflages mass-murderers as prisoners of conscience, persecuted altruists and vindictively incarcerated political philosophers. [...]However, the inescapable subtext of glorifying Muna is that her crime is Abbas’s true ideal – his prescription for all Israelis."

    http://www.jpost.com/Opin...

    Sieht eher so aus, dass Abbas der Gute Israelis hasst.

    Zitat: "Im Gegensatz zu Abbas handelt es sich bei Netanjahu um eine wirklich ekelhaft lügnerische Persönlichkeit."
    Hm, also mit der Ehrlichkeit von Herrn Abbas ist es nicht gerade sehr weit her. Beispielsweise erklärt er ja mit schönen Worten, er wolle Frieden und garantiere für die Sicherheit Israels. Seine Taten dagegen signalisieren ganz anderes: Spricht es denn für friedliche Absichten, wenn er mit einer verurteilten palästinensische Verbrecherin Tee trinkt und sie für ihre Heldentat belobigt?

    Zitat: "Yet by paying lavish homage to child-slayers, Abbas endorses terror and escalates Palestinian psychological warfare, which – in order to manipulatively tug at the heartstrings of progressive do-gooders – camouflages mass-murderers as prisoners of conscience, persecuted altruists and vindictively incarcerated political philosophers. [...]However, the inescapable subtext of glorifying Muna is that her crime is Abbas’s true ideal – his prescription for all Israelis."

    http://www.jpost.com/Opin...

    Sieht eher so aus, dass Abbas der Gute Israelis hasst.

    • Pyr
    • 28.01.2012 um 18:17 Uhr

    Ein solcher Staat würde doch sofort implodieren. Die Bevölkerung beider Länder steht dem doch massiv entgegen. So einfach wie bei West- und Ostdeutschland klappt das nicht, und schon das war ein Kraftakt.

    Antwort auf "Einstaatenlösung"
  2. Die Kommentarfunktion ist zur Diskussion des Artikelthemas vorgesehen, nicht zur Verbreitung von identischen Inhalten in mehreren Threads. Danke, die Redaktion/fk.

    4 Leser-Empfehlungen
  3. Dieses Fenster des Friedens könnte sich schließen. Israel kann zwar jede Armee besiegen aber nicht im verlustreichen Kampf der primitiven Waffen bestehen, es existiert nicht aus eigener Kraft sondern nur durch Amerika. Diese Politik hat aber einen hohen Preis und auch in Amerika könnte dies einmal schnell zu ende gehen, gerade wenn israelische Wunschkriege nach hinten losgehen!

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  4. 6. Lügen

    Zitat: "Im Gegensatz zu Abbas handelt es sich bei Netanjahu um eine wirklich ekelhaft lügnerische Persönlichkeit."
    Hm, also mit der Ehrlichkeit von Herrn Abbas ist es nicht gerade sehr weit her. Beispielsweise erklärt er ja mit schönen Worten, er wolle Frieden und garantiere für die Sicherheit Israels. Seine Taten dagegen signalisieren ganz anderes: Spricht es denn für friedliche Absichten, wenn er mit einer verurteilten palästinensische Verbrecherin Tee trinkt und sie für ihre Heldentat belobigt?

    Zitat: "Yet by paying lavish homage to child-slayers, Abbas endorses terror and escalates Palestinian psychological warfare, which – in order to manipulatively tug at the heartstrings of progressive do-gooders – camouflages mass-murderers as prisoners of conscience, persecuted altruists and vindictively incarcerated political philosophers. [...]However, the inescapable subtext of glorifying Muna is that her crime is Abbas’s true ideal – his prescription for all Israelis."

    http://www.jpost.com/Opin...

    Sieht eher so aus, dass Abbas der Gute Israelis hasst.

    2 Leser-Empfehlungen
    • zd
    • 28.01.2012 um 19:23 Uhr

    man kann ja aufzaehlen, wie oft er waehrend des zeit interviews gelogen hat.

    1.) nicht er hat fuer die terrorabnahme gesorgt, sondern der israelische sicherheitszaun, sowie israelischer geheimdienst, der in zehn jahre jeden bewaffnete zelle zerschlagen hat. (leider wurden zu viele dieser moerder bei der letztem austausch freigelassen)

    2.) abas ist derjenige, welcher nicht bereit ist mit israel zu vehandeln, solange israel die vorbedinungen nicht erfuellt. auch waehrend der baupause hat es 8 monate gedauert, bis abas bereit gewesen ist zu verhandlen.

    3.) olmert hat immer wieder gesagt, dass abas nicht auf seinen letzten vorschlag, eine art letzte loesung reagiert hat. also ist es auch eine luege, das er mit olmert etwas erreicht hat.

    4.) israel hat sich nie gegenueber irgendjemanden verpflichtet siedlungsbau zu stoppen. deswegen ist es eine wetere luege, zu behaupten, dass israle irgendwelche vereinbarungen nicht erfuellt.

    5.) abas weiss, dass er dem israel keine sicherheit garantieren kann. sollten die israelis wegsein, wird hamas genau so wie in gaza auf die macht putschen und raketen auf israel schiessen. die verpflichtungen von abas waerend dann nichts wert.

    5 Leser-Empfehlungen
  5. Der leider verstorbene Tony Judt begann mit einem Aufsatz 2003 die Diskussion:

    Er glaubte in einem binationalen Staat leigt dei lösung
    http://www.nybooks.com/ar...

    Uri Avnery erwiderte:
    "Die Utopie des binationalen Staates"

    http://www.blaetter.de/ar...

    Hochinteressant. Doch ich befürchte, beide liegen falsch. Wenn überhaupt gibt es einen Staat Israel und ein Gebilde Namens Palästina. Denn alles was einen Staat ausmachen würde, verweigert Israel schon heute und wird es auch in der Zukunft verweigern.
    Es sei denn, wir zwingen Israel, doch wer will das?

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