Postkarten sind seine Zigaretten, sagt Wilhelm Janssen. Früher hat er eine Schachtel am Tag verqualmt. Heute schreibt er, wenn seine Kollegen in die Raucherpausen entschwinden, und kauft Sondermarken statt Filter und Tabak. Postkarten-Weltmeister, das ist ein Vollzeithobby. www.postcrossing.com nennt sich ein Internetportal, das die digitale Welt mit einem Stück Pappe verknüpft: Menschen aller Kontinente schicken einander Postkarten zu. Für jede Karte, die jemand verschickt hat, erhält er selbst eine. Was als Spielerei eines portugiesischen Informatikers begann, hält nun Scharen von Briefträgern auf Trab: In diesen Tagen wird die zehnmillionste Postkarte der Portalnutzer verschickt.

Allein Janssen aus Riepe nahe Leer hat 6.820 Karten geschrieben, mehr als jeder andere Nutzer. An diesem Nachmittag sitzt er inmitten von Kartons auf seinem Sofa. In einer Silberkanne brüht Ostfriesentee, unterm Couchtisch schlummert Hündin Monty, die sich hier nach schwerer Jugend und Tierheim einen Wohlstandsbauch anfressen darf. Janssen sichtet die Kartenausbeute des Tages: viermal Europa , zweimal Asien . Ein malaysischer Student hat eine Münze auf das Dschungelgrün geklebt – »dass die nicht abgefallen ist!« An manchen Tagen steckten mehr als 20 Karten in seinem Kasten, erzählt Janssen. Der Briefträger schaue gar nicht mehr hin, wenn Postkarten für das Viertel kommen, er werfe sie alle bei Janssens ein. Ist dann doch mal ein Urlaubsgruß für die Nachbarn dabei, muss Willi – so heißt er auf der Website – als Bote einspringen.

Es ist eine fremde Welt, die da jeden Tag eintrudelt in seinem ostfriesischen Dorf, wo alle Häuser rote Klinker haben und die Fenster weiße Spitzengardinchen und niemand es wagen würde, Zuckerwürfel statt Kluntjes in den Tee zu geben. Hier sind es die News der Woche, dass die Bauern bald bargeldlos Dünger tanken können und die Heimatbühne eine Komödie über die Vermarktung von Eiern aufführt.

Und hier, in der Kartensammlung, die Janssen nun aus den Kartons holt, stürzen Wassermassen die Niagarafälle hinunter und schreiten rot gewandete Mönche zum Tempel hinauf. Peruanische Riesenkäfer zeigen ihr Fühler, estnische Ballerinas die schlanken Waden, und von einer Herzchenbriefmarke lächelt das thailändische Königspaar. »Postcrossing ist meine Art zu reisen«, schrieb ihm eine junge Polin, und Janssen sieht das ähnlich: »Wir haben einen Hund und zwei Katzen. Wir können nicht in den Flieger steigen. Wir kommen also höchstens bis nach Schweden oder Frankreich

Ersonnen hat das Postcrossing vor sechs Jahren der Portugiese Paulo Magalhães. Obwohl er selbst gern Karten schreibt, rechnete er für sein Portal mit älterem Publikum. Mit Nutzern, die schon Urlaubsgrüße schrieben, als SMS und Facebook noch nicht erfunden waren, und nun nostalgisch die Füllfederhalter zücken. De facto aber sind es vor allem junge Menschen, die auf dieser Internetseite eine Gegenbewegung zum Internet betreiben, eine Abgrenzung von einer Erinnerungswelt, die nur digital existiert: die Urlaubsfotos auf dem Laptop, den Geburtstagsgruß in der Mail. Statt der immer gleichen Smileys gibt es bei Postcrossing zum Beispiel einen zwinkernden Willi, mit dem Kuli gezeichnet. Statt einer E-Mail, die in Millisekunden in der Südsee ist, einen Flachkarton, der auch mal Wochen unterwegs ist, über Ozeane und in Postbotentaschen. Der lesbar bleibt, wenn mal der Strom ausfällt. Den man anfassen und an die Wand pinnen oder in Schachteln einsortieren kann.