Auf den freilich beruft sich Vahrenholt. Schon in seinem Artikel in der Welt machte er den Zyklus der Sonne für Klimaveränderungen verantwortlich, ähnlich argumentierte während der Eike-Tagung unter anderem der dänische Wissenschaftler Hendrik Svendsmark. Dessen Thesen sind allerdings alles andere als neu. Schon Ende der neunziger Jahre war der Physiker mit seiner Kosmoklimatologie-Theorie bekannt geworden. Ihr zufolge hat die zyklisch schwankende Sonnenaktivität einen Einfluss darauf, wie viel kosmische Teilchenstrahlung in die Erdatmosphäre gelangt und dort Kondensationskeime erzeugt, an denen sich Wolken bilden. Diese wiederum, so die Theorie, beeinflussen dann die Bodentemperatur – und zwar erheblich.

Rund 56 Prozent seines Stroms erzeugt RWE mit dreckiger Kohle

Das gefiel den Leugnern eines menschengemachten Klimawandels. Ob Svendsmark aber richtig liegt, ist völlig unklar. Seit 2006 läuft am Kernforschungszentrum Cern deshalb ein aufwendiges Experiment namens Cloud ("Wolke"), bei dem Protonen in einen Behälter voller Gase geschossen werden. Erste Ergebnisse erschienen im August in Nature: Cloud erzeugt zwar Kondensationskeime, aber viel zu kleine. "Im Moment sagt das nichts über eine mögliche Wirkung von kosmischen Strahlen auf die Wolken und das Klima aus", räumte Projektleiter Jasper Kirby in einem Interview ein.

Richtig ist hingegen, dass die zyklisch schwankende Sonnenstrahlung grundsätzlich auf die Erdtemperaturen wirkt. Die Frage ist nur, wie stark.

Einerseits lagen neun der zehn wärmsten Jahre seit 1880 im 21. Jahrhundert, darunter auch das Jahr 2011. Andererseits stagniert das Mittel der globalen Durchschnittstemperatur seit der Jahrtausendwende, nachdem es zuvor stark angestiegen war. Zugleich zeigt die Sonne ungewöhnlich wenige Flecken. Klimaskeptiker nutzen diese Parallele, um Zweifel an einer weiteren Erwärmung zu säen.

Ein Abwärtstrend bei den Temperaturen sei aber nur erkennbar, wenn man auf die sehr kurze Frist schaue, antwortet darauf der britische Klimaforscher Mike Lockwood. Der Durchschnitt weniger Jahre zählt freilich nicht viel; um überhaupt langfristige Trends ausmachen zu können, betrachten Klimatologen Zeiträume von mindestens 30 Jahren. Da wiederum ist der Befund eindeutig: Spätestens seit den achtziger Jahren wärmt die Erde sich, anders als in der vorindustriellen Zeit, nicht mehr synchron zur Sonnenaktivität auf. Ergo muss ein anderer Beitrag zur Erderwärmung exisitieren – und das ist der des Menschen.

Fritz Vahrenholt hat alle Gesprächsanfragen der Zeit abgelehnt. Inhalte aus einem Gespräch, das mit ihm am Rande der Eike-Tagung in München geführt wurde, hat er nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Die Zeit hätte den RWE-Manager gerne gefragt, welche Konsequenzen seine Thesen für den Ausbau der erneuerbaren Energien und die anstehende Energiewende in Deutschland haben könnten. In der Verlagswerbung zu Vahrenholts Buch heißt es dazu nur, dass die angeblich kommende Erdabkühlung "Zeit" biete, um "erneuerbare Energieträger zielgerichtet auszubauen und diese Umstellung in ökonomisch vernünftiger Weise und nachhaltig zu gestalten".

Dieser Satz bietet Anlass zur Interpretation – nämlich die, dass es Vahrenholt um mehr gehen könnte als nur darum, Zweifel an den gängigen Klimatheorien zu wecken. So meint Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands Windenergie, dass der RWE-Manager "versucht, den Prozess der Energiewende deutlich abzubremsen, um so Marktanteile für den Monopolisten RWE zu erhalten" – produziert der doch rund 56 Prozent seines Stroms mit dreckiger Kohle. Dazu kommen Gas und Atomkraft , nur vier Prozent werden mit Wind, Wasser und Biomasse erzeugt. Zwar hat RWE laut Einschätzung des Analysten Peter Wirtz von der WestLB beim Ausbau der Erneuerbaren zuletzt "einen guten Job" gemacht, und auch in den nächsten Jahren sollen Milliarden investiert werden.

Aber nach den letzten verfügbaren Zahlen emittierten alle RWE-Kraftwerke 2010 rund 165 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Das waren knapp ein Fünftel aller deutschen CO₂-Emissionen.

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