ZEITmagazin: Herr Hildebrandt , wie konnte es geschehen, dass der Alkohol für einige Jahre Macht über Sie bekommen hat?

Dieter Hildebrandt: Es hat mir einfach geschmeckt. Ich bin dem Genuss verfallen. Alkohol hat seine eigene Überzeugungskraft. Jetzt bin ich der Spielverderber, damals war ich ein Epikureer, ich dachte, das steht mir zu. Ich habe die ganze Nacht gearbeitet, ich belohnte mich, und eine Flasche Wein genügte nicht. Meine Frau Renate hat das gemerkt, und sie hat Angst bekommen um mich, und das habe ich gespürt.

ZEITmagazin: Ihre Frau hat Sie also gerettet?

Hildebrandt: Das kann man so sagen. Ihre Fröhlichkeit war weg, wir waren nicht mehr albern miteinander. Wir hatten das Lachen verloren, das hatte ich nur noch auf der Bühne. Ihretwegen habe ich aufgehört. Ich hätte auch weitertrinken können.

ZEITmagazin: Wie ist Ihr Umfeld damit umgegangen?

Hildebrandt: Es gab viel Toleranz und später Erleichterung. Daran merkt man, dass man nicht ganz ungeliebt ist. Ich glaube, das ist die hauptsächliche Ingredienz meines Lebens: geliebt zu werden, auch auf der Bühne. Nach dem Entzug gab es viel Erstaunen und auch Heuchelei: Das wäre doch nicht nötig gewesen! Na ja, natürlich, aber das ist die Ironie an der Geschichte!

ZEITmagazin: Ist das Ironie oder Scheinheiligkeit?

Hildebrandt: Bei denen, die ich sehr mag, ist es gesetzte Ironie. Und bei den anderen ist das einfach nicht ganz die Wahrheit. Lüge führt die Regie der Wahrheit. Das habe ich als Student bei dem Religionsphilosophen Romano Guardini gelernt. In der Ehe kann die Wahrheit zum falschen Zeitpunkt eine Grausamkeit sein.

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ZEITmagazin: Haben Sie das auch in Ihrer Ehe erlebt?

Hildebrandt: Ja, natürlich. Hier und da hat man sich falsch verliebt. Also, was heißt falsch? Man hat sich richtig verliebt, hatte aber ein schlechtes Gewissen, und dann spielt auch die Entfernung von zu Hause eine Rolle, daher kommt der Entschluss, die Wahrheit zu verschweigen. Verlieben ist ein Fehler, wenn ich es nicht mit Konsequenz mache. Alle fragen, wie viele Ehen durch Betrug scheitern, aber niemand, wie viele Liebschaften durch die Ehe zerstört werden, sagt der Kabarettist Werner Schneyder . Es ist wie Alkohol. Liebe ist Genuss.