Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg. Ganze Häuserzeilen sind nach den Bombenangriffen zerstört. © lsn/dpa

DIE ZEIT: Herr Schmeitzner, was hat Zigarettenkonsum mit Nationalsozialismus zu tun?

Mike Schmeitzner: In Dresden einiges. Dort wurde Anfang der 1930er Jahre auch mit Geld der NSDAP eine Zigarettenfabrik errichtet, in der vor allem für den Bedarf der SA produziert wurde. Der Fabrikant, ein Mann namens Arthur Dressler, stellte massenhaft SA-Leute ein. Mit den Gewinnen half er, den Terror der Braunhemden zu finanzieren.

ZEIT: Sie haben mit zwei Kollegen ein Buch über 50 Dresdner Täter im Nationalsozialismus herausgebracht. Was sind für Sie "Täter"?

Schmeitzner: Darüber haben wir anfangs lange diskutiert, gerade weil unter deutschen Historikern die Fachdebatte zerbröselt: Eine Seite definiert "Täter" nach juristischen Kriterien, Straftaten. Eine andere dehnt den Begriff bis hin zu Trittbrettfahrern und Zuschauern aus, was uns zu weit ginge. Deshalb arbeiten wir auch mit dem Begriff "Akteur".

ZEIT: Und meinen damit...?

Schmeitzner: Spitzenleute aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur oder Kirche. Menschen, die nicht alle direkt an Mord oder Verfolgung beteiligt waren – ohne deren Unterstützung die Diktatur aber niemals so stabil geworden wäre. Unsere Studie hat elf thematische Kapitel, und natürlich widmet sie sich auch den führenden Leuten in Partei, Verwaltung und Repressionsapparat. Oder der Justiz: Denken Sie etwa an die Sondergerichte, die bis 1945 hier in Dresden rund 1.300 Todesurteile fällten.

ZEIT: Ist dies alles nicht ein Querschnitt, der auf viele deutsche Großstädte damals zutraf?

Schmeitzner: Mag sein, aber in diesem Fall sticht eine Ambivalenz hervor: Dresden war einerseits die Befehlsstelle des sächsischen Nationalsozialismus, in der 1935 mehr als 20.000 politische Funktionäre walteten. Andererseits war es eine Kunst- und Kulturstadt. Deren Repräsentanten allerdings haben oft dem Regime und seiner Ideologie zugearbeitet. So fand 1934 an der Elbe die erste Reichstheaterfestwoche statt. Und Hans Posse, Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, war Sonderbeauftragter für Hitlers geplantes Kunstmuseum in Linz, für das in ganz Europa Bilder zusammengeraubt wurden.

ZEIT: Dabei war Dresden vor 1933 gar nicht mal die braune Hochburg in Sachsen gewesen.

Schmeitzner: Nein, die NS-Bewegung war Mitte der zwanziger Jahre zuerst im Südwesten Sachsens stark geworden, in mittleren Städten wie Zwickau – und in Plauen, wo bis 1933 die Gauzentrale lag.

ZEIT: Warum gerade in dieser Region?

Schmeitzner: Deren wichtigster Wirtschaftszweig, die Textilindustrie, hatte keine goldenen zwanziger Jahre, als die Nationalsozialisten diese Krise zur Mobilisierung nutzten. Und anders als in Leipzig , Dresden oder Freital fehlte dort ein schlagkräftiges Milieu der sozialistisch organisierten Arbeiterschaft, das sich den Nazis hätte entgegenstellen können. Überdies kamen Gauleiter Martin Mutschmann und ein Teil seiner Führungsclique aus der Gegend.