Hochschulen Her mit den Besten!
Die sächsischen Unis setzen zunehmend auf Forscher mit internationalem Renommee. Für die machen sie vieles möglich
Vielleicht spendieren sie ihm demnächst ja sogar noch eine Tasse. Fünf Euro kostet der Kaffeebecher mit Uni-Logo der TU Dresden. Eine Million Stück davon könnte Jochen Guck sich jetzt kaufen. Theoretisch.
Wer sich in Gucks Büro umschaut, der ahnt, dass es allenfalls die banalen Dinge sind, die dem Professor in Dresden noch fehlen zum Glück. Ein Schreibtisch, zwei Stühle – mehr ist da nicht. Karg ist der Arbeitsplatz des Physikers. Dabei hat Guck seiner Uni zum Arbeitsantritt fünf Millionen Euro mitgebracht. Einfach so.
Jochen Guck plant Großes in Dresden. Spitzenforschung ist sein Auftrag – er hat die erste Dresdner Humboldt-Professur inne, vergeben von der Alexander von Humboldt-Stiftung. Gemeinsam mit der Technischen Universität bewarb sich Guck um diesen höchstdotierten deutschen Forschungspreis – und bekam im vergangenen Jahr den Zuschlag. Nun ist er aus dem britischen Cambridge an die Elbe gewechselt. Als Professor für Zelluläre Maschinen soll er hier Physik und Biomedizin miteinander verknüpfen.
Ein riesiges Forschungsfeld. Guck hat sich auf die physikalischen Eigenschaften von Zellen spezialisiert. Man wisse inzwischen, erklärt er, dass Krebs die Zellen weicher mache. Wenn ein Tumor bösartige Zellen durch den Körper schicke, kämen vor allem die sehr elastischen weiter, während die starren an den verschiedenen Gewebebarrieren im Körper scheiterten. »Einen Tennisball bekommt man ja auch nicht durch ein Schlüsselloch«, sagt Guck. Einen knetbaren Ball aber vielleicht schon.
Das Wissen um die physikalischen Eigenschaften der Zellen, sagt Guck, mache es denkbar, dass Forscher künftig die Aggressivität einer Krebsart etwa schon in Blutuntersuchungen feststellen könnten. Würden aus Gucks Versuchen irgendwann praktische Behandlungsmöglichkeiten entstehen, könnte dies das Leben vieler Millionen Krebspatienten erleichtern. Und ein Professor der TU Dresden hätte ein klein wenig die Welt verändert.
Wie kaum ein anderer Forscher weiß Guck, wie viel Hoffnung seine und seiner Kollegen Projekte nähren. Nicht zufällig interessiert sich der 38-Jährige auch brennend für die Frage: Was muss man tun, um Nervenzellen dazu zu bringen, dass sie auch durch Narbengewebe wachsen? Dies, sagt Guck, betreffe seine eigenen Hoffnungen. Er ist seit einem Unfall vor 20 Jahren querschnittsgelähmt.
Mit unermüdlichem Ehrgeiz versucht Guck, die Rätsel seines Faches zu lösen. Ihn aus Cambridge nach Sachsen geholt zu haben ist für die Technische Universität ein echter Coup. Der gebürtige Franke genieße den Ruf, einer »der international besten und innovativsten Forscher auf dem Gebiet der Biophysik« zu sein, lobte das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das die Humboldt-Professur finanziert. Für seine Arbeit in Austin, Leipzig und Cambridge hat Guck mehrere Preise erhalten. Seinen Instituten brachte das nicht nur Publicity, sondern auch Forschungsgelder. Die sollen jetzt möglichst üppig nach Dresden fließen.
Sachsen will Koryphäen – um jeden Preis. Dafür findet sich immer Geld
Große Hoffnungen verbinden Sachsens Hochschulen mit aus der Ferne abgeworbenem Forscherpersonal. Immer heißer begehrt sind jene Experten, die sich an Spitzeneinrichtungen außerhalb Deutschlands einen exzellenten Ruf erworben haben. In deren Glanz will der Freistaat sich sonnen – und immer öfter gelingt es auch, sie anzuwerben: So richtet sich der Physiker Malte Gather, vor Kurzem noch in Harvard, gerade in Dresden ein. Nils Kröger, Professor für Biomimetische Materialien, packt in diesen Tagen in Atlanta seine Koffer, weil er vom Georgia Institute of Technology an die TU gelotst wurde. Auch in Leipzig setzt die Uni auf internationales Renommee: Hier baut der Veterinärmediziner Christoph Mülling einen Lehrstuhl für makroskopische Anatomie auf – er arbeitete zuvor in Kanada. Und das Leipziger Forschungszentrum für Adipositas-Erkrankungen hat die Psychologin Anja Hilbert berufen, die zuletzt im schweizerischen Fribourg beschäftigt war. Insgesamt sieben Mitarbeiter dürfe sie an ihrem Lehrstuhl beschäftigen, sagt Hilbert, »das wäre in Fribourg nicht drin gewesen«.
Um solchen Koryphäen die Entscheidung für das Land der weichen Konsonanten leichter zu machen, ködern die Fakultäten sie in den Berufungsverhandlungen mit Angeboten, von denen das Uni-Fußvolk nur träumen kann. Und zwar in enger Absprache mit der sächsischen Staatsregierung: Spitzenforscher brauchten Spitzenforschungsbedingungen, das betonte vor wenigen Tagen erst Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Und Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer fordert, dass Hochschulen ihre Professoren künftig flexibler besolden müssten – um das »Anwerben von Spitzenkräften« weiter zu erleichtern.
Ausgerechnet Sachsen buhlt also um die Besten der Welt – das denkt mancher, der den Wissenschaftsbetrieb von innen kennt. Jenes Land, das zuletzt vor allem dadurch auffiel, dass es heftig strich in seinen Hochschul-Budgets? Ausgerechnet jene Unis, die in diesen Wochen Kürzungspläne für Hunderte Mitarbeiterstellen ausarbeiten, erfüllen Spitzenleuten auch noch den ausgefallensten Wunsch? Denn dort, wo der Mittelbau ohnehin schon überlastet ist, wo es weniger um spektakuläre Experimente geht denn um die Lehre in überlaufenen Studiengängen – dort kommt der Geldsegen nicht an. Erkleckliche Summen sind für jene reserviert, die die angestrebte Exzellenz bringen sollen: die Topdisziplinen.
Er habe gestaunt, sagt der Neudresdner Jochen Guck, wie weit die Uni-Verwaltung ihm bei der Ausstattung seines Lehrstuhls entgegengekommen sei. Und er braucht sich um seine Zukunft auch dann keine Sorgen zu machen, wenn die fünf Millionen Euro, die er mitgebracht hat, einmal aufgebraucht sind: Die Hochschulen müssen garantieren, dass sie die Inhaber ihrer Humboldt-Professuren anschließend dauerhaft beschäftigen. »Das ist in Deutschland längst nicht selbstverständlich«, sagt Guck, »aber immens wichtig: Wenn ich gute, innovative Forschung machen will, muss klar sein, dass mein Job auch dann noch da ist, wenn ich mich auf ein Projekt konzentrieren will. Wenn ich also nicht gleich spektakuläre Ergebnisse vorweisen kann.«
Die TU Dresden, sagt Guck, sei für sein Fach vielleicht die beste weltweit
Dresden und Leipzig sind zu wichtigen Standorten in Sachen Bioengineering und Biomedizin geworden. In Dresden heißen die Forschungszentren Biotec oder Zik B Cube, Leipzig schmückt sich mit dem Translationszentrum für regenerative Medizin und der Bio City. In beiden Städten arbeiten Uni-Wissenschaftler in bestens ausgestatteten Labors gemeinsam mit Forschern der Max-Planck-, Leibniz- und Fraunhofer-Institute der Stadt, sie halten Kontakt zu den Firmen der Region und den Uni-Kliniken. Für solche Forschungsverbände gibt es Fördergelder von Bund und Land – und Einnahmen aus Patenten.
Für die Wissenschaftler wiederum ist eine Art Spielwiese entstanden. »In meinem Fachgebiet gilt die TU Dresden als beste Uni Europas, wenn nicht der Welt«, sagt Jochen Guck, »hier können Wissenschaftler so interdisziplinär arbeiten wie sonst nirgends.« Ob jemand Biologe oder Physiker sei, spiele in Dresden keine Rolle – entscheidend sei, was man gemeinsam zustande bringen könne. Diese Erfahrung hat auch Christoph Mülling gemacht. »Ich habe alle wichtigen Partner in Steinwurfnähe«, sagt der Veterinärmediziner. Auf engstem Raum gebe es hier jene kritische Masse an wissenschaftlicher Expertise, die es brauche, um etwa in einem einzigartigen Großtiermodell Experimente für die Schlaganfallforschung durchzuführen. Dabei werden Schafen nach einem künstlich ausgelösten Schlaganfall Stammzellen injiziert, die dafür sorgen sollen, dass geschädigte Nervenzellen im Gehirn sich erholen und die Spätfolgen des Anfalls gemindert werden. Bislang sind die Ergebnisse so gut, dass die Forscher hoffen, daraus könne in nicht allzu ferner Zukunft eine neue Therapie für Menschen werden.
Auch Anja Hilbert, die in Leipzig Adipositas-Erkrankungen erforscht, erhofft sich Durchbrüche von der interdisziplinären Arbeit. An ihrem Institut ist die Psychologin nicht darauf beschränkt, nur über Gespräche und Fragebögen das Essverhalten übergewichtiger Jugendlicher zu erkunden. Weil sie hier eng mit einer Arbeitsgruppe zusammenarbeitet, die Neurotransmitter, also Botenstoffe im Gehirn, und deren Bedeutung für die Entstehung von Essstörungen untersucht, kann sie ihre Patienten quasi von innen und außen in den Blick nehmen. »Auf diese Art kommen alle Ebenen der Forschung zu einem großen Ganzen zusammen«, sagt Hilbert. Je besser man wisse, was Essstörungen auslöse, desto erfolgreicher könne man diese behandeln.
Hilbert, Guck und Mülling sind davon überzeugt, dass der Schritt nach Sachsen richtig war. Es komme ein Aspekt hinzu, den man, wie alle Heimkehrer betonen, nicht hoch genug schätzen könne, wenn man einmal im Ausland gelebt habe: die Lebensqualität in Deutschland. Das Leben in Leipzig sei einfach so unkompliziert, schwärmt Anja Hilbert, in der Schweiz habe sie sich dauernd mit irgendwelchen bürokratischen Hürden herumschlagen müssen und sei als Deutsche auch nicht immer freundlich behandelt worden.
Für Jochen Guck, den Biophysiker, sind es die kleinen Dinge, die das Leben hier angenehm machen: »Als bei einem meiner Kollegen in Cambridge eingebrochen wurde, hat die Reparatur der Scheibe drei Wochen gedauert – das wäre in Deutschland undenkbar.« Nur in einer Sache sei er als Rollstuhlfahrer in Großbritannien noch besser dran gewesen, sagt Guck: »Dort kommt man in jeden Pub bequem rein, jede Kneipe hat eine behindertengerechte Toilette. Davon ist man hier noch weit entfernt.«
- Datum 26.01.2012 - 10:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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Für die genannten Einrichtungen ist diese Entwicklung sicherlich positiv, aber sonst wird an sächsischen Hochschulen vor allem in den Geisteswissenschaften drastisch gekürzt. Die Landesregierung rühmt sich dann mit ihrem "Bildungspaket" und ihrer Elite im naturwissenschaftlichen Bereich, während alles Andere kaputt gespart oder ganz weg-rationalisiert wird. Spitzenleistung!
Auch in Naturwissenschaften sieht es mau aus. An der TU Dresdne wurden die Biochemie stark zusammen gestrichen, bei den Biologen sind einige Lehrstühle seit Jahren unbesetzt. Gleichzeitig zum Abbau der Ausbildungsinfrastruktur forciert man einen Ausbau der außer- oder nebenuniversitären Forschungsinstitute.
Grundlegende Qualifikationen werden Studenten nicht vermittelt, die sie aber bei der Arbeit in diesen Instituten später benötigen. Die Folge: man holt nicht nur Professoren aus dem Ausland, sondern rekrutiert auch das Personal von dort. Die sächsichen Studenten werden schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.
"Klasse statt Masse" wird zu extrem betrieben in Sachsen, die Universitäten sollten ihrem Ausbildungsauftrag wieder mehr gerecht werden.
Auch in Naturwissenschaften sieht es mau aus. An der TU Dresdne wurden die Biochemie stark zusammen gestrichen, bei den Biologen sind einige Lehrstühle seit Jahren unbesetzt. Gleichzeitig zum Abbau der Ausbildungsinfrastruktur forciert man einen Ausbau der außer- oder nebenuniversitären Forschungsinstitute.
Grundlegende Qualifikationen werden Studenten nicht vermittelt, die sie aber bei der Arbeit in diesen Instituten später benötigen. Die Folge: man holt nicht nur Professoren aus dem Ausland, sondern rekrutiert auch das Personal von dort. Die sächsichen Studenten werden schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.
"Klasse statt Masse" wird zu extrem betrieben in Sachsen, die Universitäten sollten ihrem Ausbildungsauftrag wieder mehr gerecht werden.
Schön das es gelingt paar junge deutsche Forscher wieder ins Heimatland zu locken! Aber wie schon auch im diesen Artikel angedeutet wurde geschieht dies leider auf dem Rücken des einfachen Fußvolkes.
Und was ist mit dem eigentlichen Sinn einer Universität? Mit der Lehre? Aha, mit der kann man nur schlecht in den internationalen Ranglisten punkten...
Fazit? Ziel wurde leider verfehlt!!!
... man, ich lerne die deutsche Grammatik wahrscheinlich nie :o) Natürlich ist es... in diesem Artikel...
... man, ich lerne die deutsche Grammatik wahrscheinlich nie :o) Natürlich ist es... in diesem Artikel...
... man, ich lerne die deutsche Grammatik wahrscheinlich nie :o) Natürlich ist es... in diesem Artikel...
Auch in Naturwissenschaften sieht es mau aus. An der TU Dresdne wurden die Biochemie stark zusammen gestrichen, bei den Biologen sind einige Lehrstühle seit Jahren unbesetzt. Gleichzeitig zum Abbau der Ausbildungsinfrastruktur forciert man einen Ausbau der außer- oder nebenuniversitären Forschungsinstitute.
Grundlegende Qualifikationen werden Studenten nicht vermittelt, die sie aber bei der Arbeit in diesen Instituten später benötigen. Die Folge: man holt nicht nur Professoren aus dem Ausland, sondern rekrutiert auch das Personal von dort. Die sächsichen Studenten werden schlecht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.
"Klasse statt Masse" wird zu extrem betrieben in Sachsen, die Universitäten sollten ihrem Ausbildungsauftrag wieder mehr gerecht werden.
Beteiligen Sie sich bitte nur, wenn Sie Argumente und konstruktive Beiträge in die Diskussion einbringen wollen. Danke, die Redaktion/fk.
... über den Artikel. Und die drei genannten sind ja nicht die einzigen Koripäen in Dresden.
Sicher wird an der einen oder anderen Stelle gekürzt und die Betroffenen melden sich laut zu Wort und sagen den Untergang der Universität voraus. Aber es gibt dort reichlich viele Spizenforschung und Industrieprojekte - die oft das T in Technische Universität betonen.
Das löst das Dauerleiden der Geisteswissenschaftler aus, welche immer wieder im Diskussionsprozess Volluniversität vs. Technische Universtät zum Thema werden. Wie ist da eigentlich der Stand? Soweit ich weiß, vergleicht sich die Uni hauptsächlich mit den T8, aber entgültig entschieden ist nicht - das wird wohl der Reibungspunkt der Uni bleiben. Aber einen Reibungspunkt hat man immer...
Wie ist der Stand?
Gruß, matths
... das ist auch eine Antwort auf die Frage, wie man bei PISA zum Testsieger wird. Und nicht nur in der Schule, sondern den ganzen Bildungsweg inbegriffen.
Wer da neidisch ist, hat wohl in der Schule nicht aufgepasst!
Hallo, als ich gestern den Artikeln las im Café war ich begeistert: da zieht es wirklich die Besten zu uns nach Sachsen.
Zweiter Impuls: wie lässt sich das nutzbar machen für die breite Bevölkerung und auch die Studentenschaft (nicht nur in den Hightech-Fächern)?
Möglicherweise ist das Lernen mit den Büchern noch zu sehr verhaftet in den Vorstellungen von uns, was Universität (oder auch Schule bedeutet). In den vergangenen Wochen war ich häufiger in der SLUB (Staats- und Universitätsbibliothek) und was mir auffiel ist, dass trotz aller technischen Möglichkeiten noch 90% Papier verwendet wird. Prinzipiell nicht verkehrt, doch wie kann ich meine Fragen mit anderen Studenten besprechen, beantworten, reflektieren und Papers schreiben, wenn die Informationen nur auf einem Blatt Papier sind?
Wie kann es sein, dass in Vorlesungen kaum Laptops auf den Tischen zu finden sind?
1981 habe ich meinen ersten Rechner (BBC Acorn) in London bei einem Haustausch gesehen und seitdem erfahren, wie Technologie immer besser wurde, im Lernumfeld eingesetzt zu werden.
Warum also nicht hier in Dresden die Chance nutzen, und die Universität öffnen und neue Wege des Lernens und Lehrens (!) transparent und öffentlich zu machen? OPAL, das eLearning Umfeld zwar gut für die organisatorischen Angelegenheiten, doch für einen offenen globalen Wissenstransfer und -aufbau wenig geeignet.
Beste Grüße
Ralf Lippold
http://about.me/RalfLippold
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