Keine Schuldgefühl, keine Reue, stattdessen Selbstmitleid
Jäger, der zuletzt als Polizeipräsident von Reichenberg im Sudetenland amtiert hatte, war nach Westdeutschland geflüchtet, wo er sich unter seinem richtigen Namen in Wiesenbach bei Heidelberg niedergelassen hatte. 1959 war er entdeckt und verhaftet worden. Bis zuletzt konnte er sich nicht dazu durchringen, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen.
Stattdessen schob er sie auf seine Untergebenen ab, leugnete seine eigene Rolle als Kommandeur und ließ keinerlei Reue erkennen. Bei den Vernehmungen erklärte er, dass er sich »wegen der durchgeführten Erschießungen in Litauen nicht schuldig« fühle. Stattdessen erging er sich in Selbstmitleid über sein eigenes schweres Schicksal. Im Juni 1959 erhängte er sich in seiner Zelle auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg.
Jägers völlige Uneinsichtigkeit verbindet ihn mit anderen NS-Tätern seines Kalibers, die sich in den Jahrzehnten nach dem Krieg einem Verfahren stellen mussten. In ihnen allen war noch immer die Gewissheit lebendig, die ihnen Himmler in seiner Posener Rede am 4. Oktober 1943 vermittelt hatte, die Gewissheit nämlich, bei der Ermordung der Juden nur »die Pflicht gegenüber unserem Volk« getan zu haben und »anständig geblieben zu sein«. Diese Täter kannten auch in den Nachkriegsjahrzehnten keinerlei Mitleid mit den Opfern und keinerlei Schuldgefühl.
Nach den entsetzlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts beschwört man heute weltweit nicht nur zum internationalen Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar geradezu rituell, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Doch gleichzeitig sollten die Menschen eine Ahnung davon in ihrem Bewusstsein bewahren, dass es trotz der fundamentalen Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte keine Garantien für die Zukunft gibt: Alles bleibt möglich.
Aus diesem Grund hat die Mahnung des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Entkommenen Primo Levi nichts von ihrer Gültigkeit verloren: »Es fällt nicht leicht, in diesem Abgrund des Bösen zu graben. [...] Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«
- Datum 27.01.2012 - 16:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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Deutschland und Europa darf nie mehr ein Freilaufgehege für derartige Bestien in Menschengestalt werden!
Es ist beklemmend zu lesen, wie dieser Mensch zum brutalen Massenmörder an wehrlosen Menschen wurde und verwahrloste. Spätestens aus der Kenntnis dieser brutalen Verbrechen muss die Kraft und Entschlossenheit kommen, heute den rechten Umtrieben schon im Ansatz entschieden entgegenzutreten.
Das waren keine Bestien in Menschengestalt. Das waren Menschen.
...und das sollte nicht relativiert werden.
Ich meine, "verwahrlost" war der schon vorher, und nachher kamen die Untaten, die er auch nicht hätte alleine begehen können.
Eben dieser Art der "Verwahrlosung" rechtzeitig vozubeugen, ist unsere Aufgabe heute, weltweit.
Das waren keine Bestien in Menschengestalt. Das waren Menschen.
...und das sollte nicht relativiert werden.
Ich meine, "verwahrlost" war der schon vorher, und nachher kamen die Untaten, die er auch nicht hätte alleine begehen können.
Eben dieser Art der "Verwahrlosung" rechtzeitig vozubeugen, ist unsere Aufgabe heute, weltweit.
»Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«
Ich erlebe vor allem immer wieder eins (bei mir und anderen): Man will das rational erfassen können. Man sucht nach Details, die es einem erklären können, weil es so irreal erscheint: Man weiß, dass es passiert ist - und doch ist es jenseits der eigenen Vorstellungskraft. Daraus entsteht das Gefühl der Ohnmacht und die Versuchung des Wegschauens:
Wenn ich weiß, dass ein Verbrechen zur persönlichen Bereicherung geschieht, habe ich das Gefühl, es ein Stück weit selber im Griff zu haben, denn ich kann versuchen Neid zu vermeiden. Wenn ich weiß, dass Kindesmißhandlung Ergebnis dessen ist, dass die Täter es selber nicht anders erlebt haben, kann ich etwas zum Schutz davor tun.
Je mehr man sich aber in dieses Thema hineinbegibt, umso weniger versteht man. Ist es das Männerbild - wie ja prominent z.B. Theweleit in den 70ern meinte; ist es die Verführung durch Macht - wie es das Stanford Prison Experiment nahelegt...? (wie) kann man es (jemals) begreifen?
Ja, alle Genozid-Verbrechen der letzten Jahrzehnte sind schwer zu erfassen. Aber sie passieren. Europa ist dafür sogar Spezialist (die Ursachen für den Völkermord in Ruanda legten die "Kolonialherren"...).
Und dennoch sagen Genozid Forscher, es könnte wieder passieren. Und ich befürchte, sie haben Recht. Die Woche habe ich das aktuelle Amnesty Journal gelesen. Brutal, was in Ungarn aktuell bspw. los ist. Oder in Deutschland, wenn ich an den Verfassungsschutz und die rassistischen Morde der vergangenen Jahrzehnte denke. Oder daran, was die aktuelle Heitmayer Studie aus Bielefeld über die Gesinnung hierzulande so herausgefunden hat.
Warum? Tja, der Frage versuchten viele auf den Grund zu gehen.
Eindrucksvoll finde ich Arno Gruen, der dem "Verlust des Mitgefühls" die Ursache zuschreibt. Grob gesagt, dahinter verbergen sich die Erziehungs-und Sozialisationsprinzipien unserer sogenannten "Hochkultur", Autoritätsverhalten, Gehorsam.... Kann ich, wenn Sie sich intensiv fragen wollen "warum?" nur empfehlen.
Ja, alle Genozid-Verbrechen der letzten Jahrzehnte sind schwer zu erfassen. Aber sie passieren. Europa ist dafür sogar Spezialist (die Ursachen für den Völkermord in Ruanda legten die "Kolonialherren"...).
Und dennoch sagen Genozid Forscher, es könnte wieder passieren. Und ich befürchte, sie haben Recht. Die Woche habe ich das aktuelle Amnesty Journal gelesen. Brutal, was in Ungarn aktuell bspw. los ist. Oder in Deutschland, wenn ich an den Verfassungsschutz und die rassistischen Morde der vergangenen Jahrzehnte denke. Oder daran, was die aktuelle Heitmayer Studie aus Bielefeld über die Gesinnung hierzulande so herausgefunden hat.
Warum? Tja, der Frage versuchten viele auf den Grund zu gehen.
Eindrucksvoll finde ich Arno Gruen, der dem "Verlust des Mitgefühls" die Ursache zuschreibt. Grob gesagt, dahinter verbergen sich die Erziehungs-und Sozialisationsprinzipien unserer sogenannten "Hochkultur", Autoritätsverhalten, Gehorsam.... Kann ich, wenn Sie sich intensiv fragen wollen "warum?" nur empfehlen.
Nach der Kurzbeschreibung des Artikels, "Karl Jäger war ein feinsinniger Mann, musikalisch begabt, immer korrekt. 1941 ließ er in Litauen innerhalb weniger Monate 137.346 Menschen erschießen.", hätte ich mir mehr zur (feinsinnigen?) Persönlichkeit Jägers erwartet und zur generellen Frage, wie feinsinnige (?) Menschen, zu Grausamkeiten fähig sind. Letztlich ist die Bezeichnung feinsinnig aber doch wieder nur eine Beschreibung von Bekannten und was die im allgemeinen wert sind, weiß man ja spätestens seit den Kindestötungen und Missbrauchsfällen. Etwas enttäuschend.
Der Artikel selbst und die Beschreibung dagegen haben mich beeindruckt und mir das Geschehen so bildhaft wie selten vorgeführt. Man muss denke ich auch sehen, dass es irgendwo auch eine große Leistung ist, dass dieses Geschehen, dass so weit von uns entfernt ist, immer noch am Leben und in unserem Gedächtnis gehalten wird, auch für Menschen (wie mich), die drei Generationen davon entfernt sind.
"In 1963, Stanley Milgram recruited men between the ages of 20 and 50 for a study to determine whether or not something like the systemic evil of the Holocaust could happen in the United States. In this experiment, a “teacher”, an authority figure in a white lab coat, instructed the participant, who believed he was taking part in a study to improve memory, to apply electric shock to an imaginary “student” every time the student got an answer wrong to a question posed; 65% of the participants electrocuted the “student” to a level that would kill the person. This was the first study documenting the power of a situation to impel good people to do bad things.
In the 1970s, Philip Zimbardo recruited two dozen healthy, normal college students and randomly assigned half of them to be prison guards and half to be prisoners. By putting them in a realistic prison setting – Stanford Prison – the guards acted like guards and the prisoners like prisoners. Zimbardo had to stop the experiment after only six days because the prison guards psychologically abused the prisoners. One 18-year-old student, assigned to the role of prison guard, explained afterwards that “we were like puppeteers and they were like our puppets.”" Zimbardo's WEF Präsentation "Good versus Evil"
Viel schlimmer ist doch, dass es gerade keine Bestien waren, sondern "ganz normale Menschen", die "nur ihre Pflicht getan" haben. Psychopathen hat es natürlich ebenfalls gegeben; die kommen bei solchen Gelegenheiten immer zum Vorschein. Aber die meisten gingen nach ihrem "Arbeitstag" brav zu ihren Familien nach Hause. Es waren Familienväter, Bürohengste, Karrieretypen. Die wenigsten zeigten nachher irgendwelche Schuldgefühle, und die Gesellschaft gestattete ihnen die reibungslose Eingliederung. Stigmatisiert wurden die Opfer. Tendenzen dazu bestehen bis heute. Das Einzige, was man dagegen tun kann, ist wohl eine möglichst sachliche, also ideologiefreie, Aufklärung auf allen Ebenen der Gesellschaft - vom Kindergarten bis zum Seniorenheim.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/vn
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/vn
was die Gesellschaft in der sie leben und die dort akzeptierten
Autoritäten ihnen als "gut und richtig" vorgeben.
Nur so kann man es sich doch erklären, dass religiöse Menschen
dennoch das Gebot des Tötens verletzen, wenn ihr gesellschaftliches
Umfeld incl. religiöser Autoritäten sagen "tu das, das ist richtig".
Eigentlich sollte jeder Mensch ein verinnerlichtes Wertesystem
besitzen, das der universellen Menschenrechte.
Dies wäre dann stärker als die Vorgaben von aussen.
Leider ist dies nicht der Fall, die Hörigkeit/Abhängigkeit
von Vorgaben durch jeweilige gesellschaftliche Mehrheitsmeinungen
und Bestätigung durch vermeintliche Autoritäten scheint stärker zu sein.
Das Stanford Experiment lehrt eigentlich, dass man die Lehren aus dem Holocaust nicht auf die Konfrontation Juden/Deutsche beschränken sollte.
aufbringen, dieses Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte durchzuarbeiten und für alle lesbar zu machen. Um Hitler herum haben sich Menschen gefunden, die sich entschieden hatten, ohne jede menschliche Hemmung nach dem Motto zu handeln: Für mich und meine Familie alles - logischerweise dafür für die anderen NICHTS! - Dieser Grundgedanke existiert immer noch, auch wenn nicht unbedingt und offensichtlich Völkermord getrieben wird. Es geht eben - leider - auch anders, im großen in der Kapitalismuskrise (mit der Folge, daß Völker verhungern), im kleinen mit Käuflichkeit und Korruption. - Möge jeder einzelne seine Verantwortung wahrnehmen, auch in der Demokratie durch Wahlbeteiligung und Achtsamkeit. -
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Spekulationen und pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
Serienmorden weniger Menschen, mit denen sich wohl niemand einverstanden erklärt und in einem ca. doppelt so langen Zeitraum stattfindenden, organisierten Massenmord an Millionen Menschen, an dem nahezu ein ganzes Volk beteiligt war, läßt sich nicht herstellen.
Ich finde es sehr schade, dass jede Ablenkung genutzt wird, um sich nicht mit dem eigentlichen Thema zu befassen und viele es sich wie mir scheint leicht zu machen versucht.
Das Thema ist meines Erachtens zu vielschichtig und auch zu sensibel mit einem solchen Schlenker in die Gegenwart abgehandelt zu werden.
Serienmorden weniger Menschen, mit denen sich wohl niemand einverstanden erklärt und in einem ca. doppelt so langen Zeitraum stattfindenden, organisierten Massenmord an Millionen Menschen, an dem nahezu ein ganzes Volk beteiligt war, läßt sich nicht herstellen.
Ich finde es sehr schade, dass jede Ablenkung genutzt wird, um sich nicht mit dem eigentlichen Thema zu befassen und viele es sich wie mir scheint leicht zu machen versucht.
Das Thema ist meines Erachtens zu vielschichtig und auch zu sensibel mit einem solchen Schlenker in die Gegenwart abgehandelt zu werden.
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