Holocaust : Nur seine Pflicht getan

Karl Jäger war ein feinsinniger Mann, musikalisch begabt, immer korrekt. 1941 ließ er in Litauen innerhalb weniger Monate 137.346 Menschen erschießen.
Juli 1941: Deutsche Truppen kommen in Kaunas in Litauen an. © Keystone/Getty Images

Er ist ein Schlüsseldokument des Holocaust: der Jäger-Bericht. Er ermöglicht einen unmittelbaren Einblick in die erste Phase des Völkermords, die gleich nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann. In dieser Zeit wurden die Juden noch nicht in Gaskammern umgebracht, sondern zumeist mit Maschinengewehren erschossen, also Auge in Auge.

Die deutschen Akteure betrachteten das kleine baltische Land Litauen – das sich nach dem Ersten Weltkrieg vom Zarenreich emanzipiert hatte, infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1940 von der Sowjetunion annektiert und im Jahr darauf während des Russlandfeldzugs von der Wehrmacht besetzt worden war – gleichsam als ein Testgelände, auf dem sich Wichtiges erproben ließ. Wie rasch konnte man vorgehen, wollte die NS-Führung wissen, und: Würde die Wehrmacht mitspielen? Würde sich unter den nichtjüdischen Litauern Widerstand gegen die Vernichtung ihrer Landsleute formieren? Oder durften die Deutschen mit der Kollaborationsbereitschaft litauischer Nationalisten rechnen?

Alle diese Fragen konnten im Sinne der SS beantwortet werden, der Bericht ist der Beweis. Das als Geheime Reichssache klassifizierte Dokument vom 1. Dezember 1941, von SS-Standartenführer Karl Jäger unterzeichnet, trägt die Überschrift: Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez[ember] 1941 durchgeführten Exekutionen. Die Akte ist neun Seiten lang und enthält eine detaillierte Auflistung des Mordgeschehens in Litauen in den fünf Monaten von Ende Juni bis Ende November. Der Bericht nennt 71 litauische Städte und Dörfer, in denen das Einsatzkommando (EK)3 zuschlug, zum Teil mehrfach. In Kaunas gab es 13 Mordaktionen, in Wilna sogar 15. Von Protesten der Bevölkerung, von Widerstand der Wehrmacht gegen die »Maßnahmen« indes findet sich darin kein Wort.

Die Massenerschießungen begannen unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen Ende Juni 1941 und setzten sich in den nächsten fünf Monaten in gewissen Abständen fort. Die Intervalle folgten keiner erkennbaren Regel, sondern dem Gesetz der Willkür. Der Höhepunkt der Massaker lag zwischen Mitte August und Ende Oktober 1941. Litauen war bereits Ende 1941, wie Jäger seinen Vorgesetzten an jenem 1. Dezember triumphierend melden konnte, weitgehend »judenfrei«. Das bedeutete, dass bis zu diesem Zeitpunkt nach seiner Rechnung 137.346 jüdische Männer, Frauen und Kinder umgebracht worden waren – von insgesamt etwa 200.000 Juden, die damals in Litauen lebten, nicht gerechnet die jüdischen Flüchtlinge aus Polen, deren genaue Zahl unbekannt ist.

Wolfram Wette
Der Autor ist emeritierter Professor am Lehrstuhl für

Der Autor ist emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Mehr zum Thema in seinem neuen Buch Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Fischer Taschenbuch Verlag; 284 Seiten, 9,99 €

Nach eigenem Eingeständnis wollte Jäger mit seinen Erfolgszahlen »nach oben hin glänzen«. Dennoch zeigte er sich mit seiner Schreckensbilanz immer noch unzufrieden. Wenn er allein zu entscheiden gehabt hätte, wäre er noch radikaler vorgegangen und hätte bereits vor dem Jahreswechsel 1941/42 sämtliche litauischen Juden ausgerottet. Dem Führer der Einsatzgruppe A, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Dr. Walther Stahlecker, dem das Einsatzkommando 3 unterstand, erklärte er, er hätte am liebsten auch die noch am Leben gebliebenen litauischen Zwangsarbeiter einschließlich ihrer Familien »umgelegt«. Aber, so klagte Jäger seinem Vorgesetzten, Wehrmacht- und Zivilverwaltungsstellen seien ihm in den Arm gefallen und hätten weitere Massenexekutionen verhindert, weil sie nach wie vor dringend Arbeitskräfte benötigten. So wurden vorläufig noch je 15.000 Juden in den litauischen Großstädten Wilna (Vilnius) und Kaunas und knapp 5.000 in Schaulen (Šiauliai) vor dem Zugriff des EK 3 bewahrt.

Die Schrecken, die sich hinter den Zahlen des Jäger-Berichts verbergen, haben Augenzeugen festgehalten . Zu ihnen gehört Solly Ganor. Damals ein Junge, beobachtete er von seiner Wohnung im Kaunaser Ghetto aus am frühen Morgen des 29. Oktober 1941 den Todesmarsch von 9.000 Menschen. »Fannys [Sollys Schwester] entsetzlicher Schrei weckte mich«, schreibt Ganor 1997 in seinem Buch Das andere Leben. Kindheit im Holocaust. »Wir stürzten zum Fenster. Im grauen Licht der Morgendämmerung sahen wir eine endlose Kolonne Menschen den Berg hinaufgehen in Richtung Fort Neun. Eine kilometerlange Menschenschlange. Das hatte nichts von der Grausamkeit der vielen blutigen Szenen, die ich bisher gesehen hatte, und war dennoch tausendmal schlimmer.

Eine unerklärliche Kraft trieb uns zum Ghettozaun, wo schon andere sich versammelt hatten. Bewaffnete Litauer säumten beide Seiten der Straße, so weit das Auge sehen konnte, bereit, jeden zu erschießen, der zu fliehen versuchte. Es ist unmöglich, die Klagen jener zu beschreiben, die ihre Verwandten erkannten. Die Kolonne war so lang, dass der Todesmarsch vom Tagesanbruch bis mittags dauerte. Doch wir ertrugen es nicht lange und stolperten vorher davon. [...] Obwohl das Fort Neun mehrere Kilometer entfernt lag, hörten wir das unmissverständliche Geknatter von Maschinengewehren.«

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Eine Bestie in Menschengestalt

Deutschland und Europa darf nie mehr ein Freilaufgehege für derartige Bestien in Menschengestalt werden!

Es ist beklemmend zu lesen, wie dieser Mensch zum brutalen Massenmörder an wehrlosen Menschen wurde und verwahrloste. Spätestens aus der Kenntnis dieser brutalen Verbrechen muss die Kraft und Entschlossenheit kommen, heute den rechten Umtrieben schon im Ansatz entschieden entgegenzutreten.

Richtig!

Gerade diese demonstrative Entrüstung und Dämonisierung der Nazis verdrängt doch,
dass sie ein Ausdruck eines ganz "banalen Bösen" (Hannah Arendt) waren, was sich lediglich auf vielfätige Weise bündelte.

Anläßlich der gerade stattfindenen re-glorifzierung des Preussenkönigs Fritz, sollte darauf hingewiesen werden,
dass die preussische Militärmaschine und die damit verbundene Auffassung des Inividuums als Funktion des Staates, die unmittelbare kulturelle Wegbereiterin des Nazi-Staates war.

Dort, im vor-revolutionären Frankreich findet sich ja auch

erstmalig die völkische Definition des Nationalbegriffes.

Rousseau veranschlagte die Identifizierung mit dem Volk als emanzipatorische Idee, um das Individuum von der Bevormundung durch aristokratische und religiöse Strukturen zu lösen.
Dass dies späterhin zwangsläufig auf eine ethnische Geschlossenheit und Verdrängung von Gruppen, welche ethnisch nicht zuzuordnen waren, hinauslaufen mußte, entging ihm.
Ebenso, dass, einige Jahre nach seinem Tod, sich die jakobinische Schreckensherrschaft seiner Phraseologie bediente.

Der Schriftsteller Joseph Roth machte in der Republik eine generelle Anfälligkeit gegenüber dem Faschismus aus. Monarchien hätten, so Roth, gegenüber faschistischen Bestrebungen eine gewachsene Immunität und Liberalität.

Aus diesem Grunde, um Österreich gegen die Okkupation der Nazis zu immunisieren, betrieb er mit anderen Interessenten die Rekonstituierung Österreichs als Monarchie unter Otto von Habsburg, die freilich scheiterte.

Bemerkenswert ist, dass, nach dieser Darstellung, Otto von Habsburg mit seinem "Befehl" an Roth, sofort mit dem Trinken aufzuhören, dessen endgültigen physischen Zusammenbruch verursachte:
http://www.spiegel.de/spi...

wie kann man das erfassen?

»Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«
Ich erlebe vor allem immer wieder eins (bei mir und anderen): Man will das rational erfassen können. Man sucht nach Details, die es einem erklären können, weil es so irreal erscheint: Man weiß, dass es passiert ist - und doch ist es jenseits der eigenen Vorstellungskraft. Daraus entsteht das Gefühl der Ohnmacht und die Versuchung des Wegschauens:
Wenn ich weiß, dass ein Verbrechen zur persönlichen Bereicherung geschieht, habe ich das Gefühl, es ein Stück weit selber im Griff zu haben, denn ich kann versuchen Neid zu vermeiden. Wenn ich weiß, dass Kindesmißhandlung Ergebnis dessen ist, dass die Täter es selber nicht anders erlebt haben, kann ich etwas zum Schutz davor tun.
Je mehr man sich aber in dieses Thema hineinbegibt, umso weniger versteht man. Ist es das Männerbild - wie ja prominent z.B. Theweleit in den 70ern meinte; ist es die Verführung durch Macht - wie es das Stanford Prison Experiment nahelegt...? (wie) kann man es (jemals) begreifen?

Der Verlust des Mitgefühls...

Ja, alle Genozid-Verbrechen der letzten Jahrzehnte sind schwer zu erfassen. Aber sie passieren. Europa ist dafür sogar Spezialist (die Ursachen für den Völkermord in Ruanda legten die "Kolonialherren"...).

Und dennoch sagen Genozid Forscher, es könnte wieder passieren. Und ich befürchte, sie haben Recht. Die Woche habe ich das aktuelle Amnesty Journal gelesen. Brutal, was in Ungarn aktuell bspw. los ist. Oder in Deutschland, wenn ich an den Verfassungsschutz und die rassistischen Morde der vergangenen Jahrzehnte denke. Oder daran, was die aktuelle Heitmayer Studie aus Bielefeld über die Gesinnung hierzulande so herausgefunden hat.

Warum? Tja, der Frage versuchten viele auf den Grund zu gehen.
Eindrucksvoll finde ich Arno Gruen, der dem "Verlust des Mitgefühls" die Ursache zuschreibt. Grob gesagt, dahinter verbergen sich die Erziehungs-und Sozialisationsprinzipien unserer sogenannten "Hochkultur", Autoritätsverhalten, Gehorsam.... Kann ich, wenn Sie sich intensiv fragen wollen "warum?" nur empfehlen.

Fehlleitende Artikelunterschrift

Nach der Kurzbeschreibung des Artikels, "Karl Jäger war ein feinsinniger Mann, musikalisch begabt, immer korrekt. 1941 ließ er in Litauen innerhalb weniger Monate 137.346 Menschen erschießen.", hätte ich mir mehr zur (feinsinnigen?) Persönlichkeit Jägers erwartet und zur generellen Frage, wie feinsinnige (?) Menschen, zu Grausamkeiten fähig sind. Letztlich ist die Bezeichnung feinsinnig aber doch wieder nur eine Beschreibung von Bekannten und was die im allgemeinen wert sind, weiß man ja spätestens seit den Kindestötungen und Missbrauchsfällen. Etwas enttäuschend.
Der Artikel selbst und die Beschreibung dagegen haben mich beeindruckt und mir das Geschehen so bildhaft wie selten vorgeführt. Man muss denke ich auch sehen, dass es irgendwo auch eine große Leistung ist, dass dieses Geschehen, dass so weit von uns entfernt ist, immer noch am Leben und in unserem Gedächtnis gehalten wird, auch für Menschen (wie mich), die drei Generationen davon entfernt sind.

Etwas zum Nachdenken.....

"In 1963, Stanley Milgram recruited men between the ages of 20 and 50 for a study to determine whether or not something like the systemic evil of the Holocaust could happen in the United States. In this experiment, a “teacher”, an authority figure in a white lab coat, instructed the participant, who believed he was taking part in a study to improve memory, to apply electric shock to an imaginary “student” every time the student got an answer wrong to a question posed; 65% of the participants electrocuted the “student” to a level that would kill the person. This was the first study documenting the power of a situation to impel good people to do bad things.

In the 1970s, Philip Zimbardo recruited two dozen healthy, normal college students and randomly assigned half of them to be prison guards and half to be prisoners. By putting them in a realistic prison setting – Stanford Prison – the guards acted like guards and the prisoners like prisoners. Zimbardo had to stop the experiment after only six days because the prison guards psychologically abused the prisoners. One 18-year-old student, assigned to the role of prison guard, explained afterwards that “we were like puppeteers and they were like our puppets.”" Zimbardo's WEF Präsentation "Good versus Evil"