Deutsches Theater Berlin Er machte Vorschläge. Wir brachten ihn um
Man liebt am meisten die Menschen, die man belügt: Jette Steckel inszeniert Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" am Deutschen Theater Berlin.
© Arno Declair/Deutsches Theater Berlin

Verwickelt in Liebes- und Machtintrigen: Olga (Maren Eggert), Hugo (Ole Lagerpusch) und Jessica (Katharina Marie Schubert)
»Ich benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.«
Bert Brecht hat diese Worte im Jahr 1933 geschrieben. Die Nachwelt aber hat an Brecht versagt. Sie hat ihm den stillen, größenwahnsinnigen Wunsch nicht erfüllt. Weder hat sie seine Vorschläge angenommen, noch hat sie ihm seine Inschrift auf den Grabstein gesetzt.
Wenn man in diesen Tagen ins Deutsche Theater Berlin geht, fällt einem Brechts Spruch wieder ein. In Sartres Drama Die schmutzigen Hände (1948) gibt es eine Figur, auf welche er zutrifft. Es ist der kommunistische Funktionär Hoederer, ein pragmatischer, taktisch denkender, genussfroher Machtmensch, der aus diesem Stück nicht lebend herauskommt. Auf seinem Grabstein müsste stehen: Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen – nachdem wir ihn umgebracht haben.
Schmutzige Hände spielt in einem nicht existenten Staat auf dem Balkan namens Illyrien. Es ist das Jahr 1943, die Deutschen haben das Land besetzt, aber die Rote Armee ist schon im Anmarsch. Die Kommunisten im Land leisten Widerstand gegen die Regierung, welche sich den Deutschen unterworfen hat und demnächst zu den Sowjets überwechseln wird. Hoederer, der charismatische kommunistische Führer, will einen Pakt mit der Regierung Illyriens schließen. Das, so glaubt er, werde Hunderttausenden seiner Landsleute das Leben retten und langfristig die Kommunisten umso sicherer an die Macht bringen. Hoederer will die Revolution vertagen – oder ganz absagen zugunsten einer pragmatischen Machtpolitik. Das empört jene Kreise seiner Partei, die losschlagen und Blut sehen wollen. Der revolutionäre Flügel fordert Hoederers Tod und schickt einen jungen Bürgerlichen namens Hugo als Mörder los. Hugo wird Hoederers Sekretär, und je besser er ihn kennenlernt, desto schwerer fällt es ihm, die Tat auszuführen: Hugo liebt Hoederer.
Das muss wohl so sein, denn Hugo und Hoederer sind zwei komplementäre Fragmente eines größeren Ganzen. Das beste an Sartres Stück sind die Dialoge zwischen diesen beiden, in ihnen verrät sich eine wütende Energie, wie sie nur die allerbesten Selbstgespräche haben.
Hoederer: Die Toten sind mir egal. Ich lebe und mache eine Politik für die Lebenden.
Hugo: Und Sie glauben, die Lebenden werden Ihren Kuhhandel hinnehmen?
Hoederer: Man wird es ihnen vorsichtig beibringen.
Hugo: Indem man sie belügt?
Hoederer: Indem man sie gelegentlich belügt.
Hoederer gegen Hugo – es ist der Kampf des lebensfrohen Realisten gegen den verbissenen Utopisten, des Pragmatikers gegen den Prinzipienreiter.
Das Problem an Sartres Stück ist, dass Hugo sich bald als psychisch deformierter junger Mann zu erkennen gibt, der unter dem Deckmantel der revolutionären Tat seinen privaten Rachefeldzug führt: ein Bürgersohn, der sich ungeliebt fühlt und der Welt den Hass zurückgibt, den er empfing. Keiner braucht ihn, also straft er alle. Er gibt vor, die Zukunft zu gestalten, tatsächlich will er nur die unerträgliche Gegenwart vernichten.
Hugo ist im Stück für Hoederer kein gleichwertiger Gegner. Auf der Berliner Bühne verstärkt sich dieses Ungleichgewicht noch durch die Besetzung der Rollen. Ulrich Matthes spielt den Hoederer als eleganten, sich seiner Wirkung gewissen Mann, der sich, wenn er auftritt, weniger unter Gefolgsleute begibt als unter Fans und Stalker. Er weiß, dass er bedroht ist, und er bewegt sich in der Gefahr wie ein Prominenter in der Öffentlichkeit. Er spielt nicht nur mit dem Gedanken, er könnte ermordet werden, sondern er ist sich seiner Ermordung sogar sicher. Er hat sein Leben auf narrativ-theoretischer Ebene schon hinter sich gebracht. Er hat »schmutzige Hände« (»Ich habe sie in Blut und Scheiße getaucht«), und er weiß, dass der Kreis sich schließen wird: Er hat andere ermordet, also wird auch er ermordet werden.
Hoederer ist ein freier Mann. Elegant, viril, der Nachwelt zugewandt, auf seinen Nachruhm vertrauend. Ein Lebenskünstler in dem Sinn, dass er die Menschenliebe zur gestaltenden Kunst erhoben hat.
Sein Gegenspieler Hugo ist in der Obhut des aufs schwitzend Nervöse und Neurotische beschränkten Darstellers Ole Lagerpusch. Sein Gesichtsausdruck erinnert an einen harten Jungen, der sich das Heulen verkneifen muss, und seine Körperspannung ist die eines Mannes, dem die Weltgeschichte keine Zeit zum Austreten lässt: Er muss ja erst einen Mord begehen. Die Regisseurin Jette Steckel zwingt ihn zudem dazu, sich zu Bernard Herrmanns Filmmusik zu bewegen wie der psychotische Mörder Travis Bickle aus Martin Scorseses Taxi Driver . Der Mann ist zerrüttet: Ein schweres Zwinkern sitzt in seinem Auge, der Tic geht wie ein dauernder Metronomschlag durch seinen Körper.
In Sartres Stück sind nahezu alle Figuren Täter, sie haben Schlimmes getan und leben in der Sorge, ihre Motive nicht genügend »erklärt« zu haben. Deshalb wird in den Schmutzigen Händen sehr viel geredet. Jeder Dialog hat Züge eines Verhörs oder einer Konfession. Von diesem Rechtfertigungsdialog streicht die Regie viel. Steckels Figuren erklären ihr Handeln nicht, vielmehr wird ihr Handeln immerzu illustriert – durch die Bühne. Florian Lösche hat eine die Vergangenheit durchwühlende, die Gegenwart fortschaufelnde Drehbühne mit drei beweglich ineinandergreifenden Räumen geschaffen, die in Wahrheit Riesenmühlen, Riesenzahnräder des Schicksals sind.
Eine ähnliche, den Moment zermalmende Bühne hatte Florian Lösche für Jette Steckels große Don Carlos -Inszenierung am Hamburger Thalia Theater gebaut (ZEIT Nr. 5/11). Jedoch, in Hamburg waren die Bühne und die Spieler gleichwertige Partner, hier in Berlin werden die Spieler von der Bühne gehetzt und entwertet zugleich. Alles riecht nach Kolportage. Allein Ulrich Matthes bewahrt sein Format.
Sein Hoederer hat tatsächlich eine gewisse Wesensnähe zu dem Marquis von Posa, den Jens Harzer in Steckels Carlos spielte. Man spürt die fahrlässige Eleganz eines Gedankenspielers und Taktikers, der nicht davor zurückschreckt, die eigene Haut aufs Spiel zu setzen.
Wie auch der Don Carlos ist dieses Stück ein Wirrsal aus Liebes- und Machtintrigen. Jedoch: Hier gelingt weder die Behauptung des Liebes- noch des Machtkampfes so recht. Es fehlen die Gegenspieler für Hoederer. Hugo und seine Frau Jessica, die immer bei ihm ist, sind von Hoederer gleichermaßen erotisch angezogen: In Hoederers Erscheinung kreuzen und begegnen sich die Begierden des jungen Ehepaares.
So geht es zu Ende: Jessica (Katharina Marie Schubert) will mit Hoederer, dem Mann, der Geschichte macht, noch ihre eigene Geschichte erleben, ehe er dann sterben soll. Hugo erwischt die beiden in einer Umarmung, und nun ist er endlich in der Lage, Hoederer zu erschießen. Ein blöder bürgerlicher Affekt, die Eifersucht, bringt den Jungrevolutionär so weit, den politischen Mord zu begehen, den er immer begehen wollte. Hoederer bricht zusammen, und seine letzten Worte sind: »Das ist ja zu blöööd!«
Jahre nach der Tat wird Hugo aus dem Gefängnis entlassen und findet heraus, dass sein Mord überflüssig war. Die Partei hat längst den realpolitischen Kurs Hoederers übernommen. Einst wollte sie den Mann loswerden, der ihre Ideale verriet, nun, da ein bisschen Zeit vergangen ist, verrät sie sich entschlossen selbst. Hoederer hatte Vorschläge gemacht – aber er musste erst sterben, ehe sie angenommen wurden.
Hugo wird im Stück am Ende von Schergen der Partei getötet, die ihn wegen seiner Tat nicht mehr dulden wollen – als könnten sie mit dem Mörder auch den Mord an Hoederer ausradieren. Bei Sartre liefert Hugo sich seinen Parteigenossen aus. In Jette Steckels Berliner Inszenierung verbittet er sich das. Im letzten Atemzug endlich wird er zum »Autor« seines Lebens – indem er selbst entscheidet, wann es zu Ende ist. Er nimmt einen Bissen Brot und schießt sich in den vollen, kauenden Mund.
- Datum 27.01.2012 - 15:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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den versuch einer ausführlichen inhaltsangabe.
interessant wäre jedoch gewesen wie die umsetzung gelungen ist .. ob die besetzung stimmig war .. wie das echo der besucher war ...... inhaltsangaben und analysen gibt es im net
genug zu finden ..
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