Nahezu alle Figuren sind Täter
Hoederer ist ein freier Mann. Elegant, viril, der Nachwelt zugewandt, auf seinen Nachruhm vertrauend. Ein Lebenskünstler in dem Sinn, dass er die Menschenliebe zur gestaltenden Kunst erhoben hat.
Sein Gegenspieler Hugo ist in der Obhut des aufs schwitzend Nervöse und Neurotische beschränkten Darstellers Ole Lagerpusch. Sein Gesichtsausdruck erinnert an einen harten Jungen, der sich das Heulen verkneifen muss, und seine Körperspannung ist die eines Mannes, dem die Weltgeschichte keine Zeit zum Austreten lässt: Er muss ja erst einen Mord begehen. Die Regisseurin Jette Steckel zwingt ihn zudem dazu, sich zu Bernard Herrmanns Filmmusik zu bewegen wie der psychotische Mörder Travis Bickle aus Martin Scorseses Taxi Driver . Der Mann ist zerrüttet: Ein schweres Zwinkern sitzt in seinem Auge, der Tic geht wie ein dauernder Metronomschlag durch seinen Körper.
In Sartres Stück sind nahezu alle Figuren Täter, sie haben Schlimmes getan und leben in der Sorge, ihre Motive nicht genügend »erklärt« zu haben. Deshalb wird in den Schmutzigen Händen sehr viel geredet. Jeder Dialog hat Züge eines Verhörs oder einer Konfession. Von diesem Rechtfertigungsdialog streicht die Regie viel. Steckels Figuren erklären ihr Handeln nicht, vielmehr wird ihr Handeln immerzu illustriert – durch die Bühne. Florian Lösche hat eine die Vergangenheit durchwühlende, die Gegenwart fortschaufelnde Drehbühne mit drei beweglich ineinandergreifenden Räumen geschaffen, die in Wahrheit Riesenmühlen, Riesenzahnräder des Schicksals sind.
Eine ähnliche, den Moment zermalmende Bühne hatte Florian Lösche für Jette Steckels große Don Carlos -Inszenierung am Hamburger Thalia Theater gebaut (ZEIT Nr. 5/11). Jedoch, in Hamburg waren die Bühne und die Spieler gleichwertige Partner, hier in Berlin werden die Spieler von der Bühne gehetzt und entwertet zugleich. Alles riecht nach Kolportage. Allein Ulrich Matthes bewahrt sein Format.
Sein Hoederer hat tatsächlich eine gewisse Wesensnähe zu dem Marquis von Posa, den Jens Harzer in Steckels Carlos spielte. Man spürt die fahrlässige Eleganz eines Gedankenspielers und Taktikers, der nicht davor zurückschreckt, die eigene Haut aufs Spiel zu setzen.
Wie auch der Don Carlos ist dieses Stück ein Wirrsal aus Liebes- und Machtintrigen. Jedoch: Hier gelingt weder die Behauptung des Liebes- noch des Machtkampfes so recht. Es fehlen die Gegenspieler für Hoederer. Hugo und seine Frau Jessica, die immer bei ihm ist, sind von Hoederer gleichermaßen erotisch angezogen: In Hoederers Erscheinung kreuzen und begegnen sich die Begierden des jungen Ehepaares.
So geht es zu Ende: Jessica (Katharina Marie Schubert) will mit Hoederer, dem Mann, der Geschichte macht, noch ihre eigene Geschichte erleben, ehe er dann sterben soll. Hugo erwischt die beiden in einer Umarmung, und nun ist er endlich in der Lage, Hoederer zu erschießen. Ein blöder bürgerlicher Affekt, die Eifersucht, bringt den Jungrevolutionär so weit, den politischen Mord zu begehen, den er immer begehen wollte. Hoederer bricht zusammen, und seine letzten Worte sind: »Das ist ja zu blöööd!«
Jahre nach der Tat wird Hugo aus dem Gefängnis entlassen und findet heraus, dass sein Mord überflüssig war. Die Partei hat längst den realpolitischen Kurs Hoederers übernommen. Einst wollte sie den Mann loswerden, der ihre Ideale verriet, nun, da ein bisschen Zeit vergangen ist, verrät sie sich entschlossen selbst. Hoederer hatte Vorschläge gemacht – aber er musste erst sterben, ehe sie angenommen wurden.
Hugo wird im Stück am Ende von Schergen der Partei getötet, die ihn wegen seiner Tat nicht mehr dulden wollen – als könnten sie mit dem Mörder auch den Mord an Hoederer ausradieren. Bei Sartre liefert Hugo sich seinen Parteigenossen aus. In Jette Steckels Berliner Inszenierung verbittet er sich das. Im letzten Atemzug endlich wird er zum »Autor« seines Lebens – indem er selbst entscheidet, wann es zu Ende ist. Er nimmt einen Bissen Brot und schießt sich in den vollen, kauenden Mund.
- Datum 27.01.2012 - 15:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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.. irgendwie erinnert der artikel an einen klappentext oder
den versuch einer ausführlichen inhaltsangabe.
interessant wäre jedoch gewesen wie die umsetzung gelungen ist .. ob die besetzung stimmig war .. wie das echo der besucher war ...... inhaltsangaben und analysen gibt es im net
genug zu finden ..
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