Momo für Erwachsene, zu bestaunen auf YouTube : Ein blasser Herr mit grauem Haar beugt sich über einen grauen Tisch und spricht in ein Mikrofon. Hunderte Zuhörer, vorwiegend ältere Männer, kauern auf den Bänken des Konferenzsaals und starren ins Leere. Sie wissen, worum es geht. Der graue Herr, ein Amerikaner, will ihnen Zeit stehlen. Anders als in der Urfassung von Michael Endes Märchen geht es aber nicht um Stunden oder Minuten, sondern lediglich um Sekunden. »Schaltsekunden führen zu Störungen in einem sonst kontinuierlichen Zeitfluss«, ruft er. Alle ein bis zwei Jahre machen sie unseren Tag einen Augenblick länger – untolerierbar!

Eine Schaltsekunde, was war das noch mal? Es wäre wohl der Job von Momos Freund Meister Hora, zu erklären: Schaltsekunden sind notwendig, weil die Menschen zwei Uhren haben. Die erste Uhr orientiert sich am Lauf der Planeten. Für sie entspricht eine Sekunde dem 86.400. Teil einer vollständigen Drehung der Erde. Die zweite Uhr zählt die unermüdlichen Oszillationen eines Cäsium-Atomkerns. Schwingt dieser 9.192.631.770 Mal hin und her, verstreicht auf der Atomuhr eine Sekunde.

Aber die beiden Chronometer laufen nicht synchron, denn die Zeiger der Erduhr ticken langsamer als die der verlässlicheren Atomuhr. Schuld sind die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne, starke Winde oder Ozeanströmungen. Sie bremsen den sich drehenden Erdball insgesamt ab. Heute vergehen zwischen zwei Sonnenaufgängen im Sommer grob zwei Millisekunden mehr als vor zweihundert Jahren. Jeden Tag geht die Erduhr also ein klein bisschen langsamer als die Atomuhr, über die Jahre wird aus dem winzigen Unterschied eine Differenz von Sekunden.

Da kommt die Schaltsekunde ins Spiel. Sie wird immer dann eingeschoben, wenn der Unterschied zwischen den zwei Uhren fast eine Sekunde beträgt. Seit ihrer Einführung im Jahr 1972 geschah das bisher 24 Mal. Statt von 23:59:59 auf Mitternacht zu schalten, springt die Anzeige von Atomuhren dann ausnahmsweise zunächst auf 23:59:60. Funkuhren bleiben einfach eine Sekunde lang stehen.

Diesem Schauspiel kann man wieder am 30. Juni dieses Jahres beiwohnen – zum letzten Mal, wenn es nach dem grauen Herrn geht. So sah es auch die Tagesordnung der internationalen Fernmeldeunion vor, die vergangenen Donnerstag in Genf tagte. Die Amerikaner hatten einen entsprechenden Antrag vorgelegt, und eine Umfrage unter den Mitgliedstaaten der UN ergab, dass der Plan genügend Unterstützer hätte. Doch dann kam alles anders. Unter anderen Nigeria , Armenien , die Niederlande , die Türkei und der Iran fühlten sich nicht ausreichend über das Für und Wider der Schaltsekunde informiert; die Abstimmung wurde um drei Jahre vertagt. Eine untergeordnete Studiengruppe soll nun die Diskussion wiederaufnehmen.

Den dort sitzenden Experten dürfte das wie blanker Hohn vorgekommen sein. Schließlich ringen sie schon zehn Jahre lang um die Schaltsekunde; immer wieder wurden alle Mitgliedstaaten zur Diskussion eingeladen. Wissenschaftlichen Klärungsbedarf gebe es längst nicht mehr, sagt ein Mitglied der Studiengruppe. Die Debatte sei altbekannt. Doch vielleicht fällt ja ein Entscheid deshalb so schwer, weil es längst nicht nur um Physik geht, sondern auch um wirtschaftliche, kulturelle und militärische Interessen.

Dabei hat die Schaltsekunde zunächst nur einen ganz praktischen Zweck: Sie bringt die offizielle Weltzeit – die seit 1968 von Atomuhren festgelegt wird – in Einklang mit dem Gang der Gestirne. Ohne Schaltsekunde würde die Sonne in Greenwich heute nicht mehr um Punkt zwölf an ihrem höchsten Punkt stehen, sondern um 24 Sekunden nach zwölf. Und irgendwann würde sie nicht mehr frühmorgens aufgehen, sondern zur Mittagszeit. Allerdings beinhaltet jede neue Schaltsekunde auch ein Risiko. Denn in der Satellitennavigation, im weltweiten Finanzsystem oder in Handynetzen macht eine Sekunde einen großen Unterschied. Wehe, da wird einmal etwas vergessen, wehe, ein System kommt mit der Schaltsekunde nicht zurecht – dann könnten Satelliten abstürzen oder Börsen crashen, fürchten Pessimisten. Erschwert wird die Sache dadurch, dass die zusätzliche Sekunde jedes Mal per Hand eingefügt werden muss, da sich die Drehgeschwindigkeit der Erde unregelmäßig ändert. In den neunziger Jahren brauchte man beispielsweise sieben Schaltsekunden, im vergangenen Jahrzehnt gerade einmal zwei.