Die Riesenschildkröten von Galapagos sind doppelt legendär: Erstens weil sich ihre Unterarten verschiedenen Verhältnissen auf den einzelnen Inseln angepasst haben und Paradebeispiele liefern für Darwins Evolutionstheorie. Zweitens weil ihre Vielfalt alsbald von Menschen zerstört wurde, die in ihnen nur proteinreiche Lebendkonserven für lange Seereisen sahen. Vier der 15 Unterarten galten als ausgestorben. Doch nun stellt sich heraus, dass zumindest eine verschollene Spezies quicklebendig ist: Ihre letzten Vertreter zeugen fleißig Mischlinge.

Das flog auf, als Forscher eine gründliche Genanalyse von mehr als 1.600 Riesenschildkröten auf Isabela starteten, der größten Insel des Galapagos-Archipels. Dort, im Umkreis des Vulkans Wolf, zapften die Wissenschaftler der Charles Darwin Foundation und der Yale-Universität den Reptilien Blut ab. Sie analysierten es und verglichen die Befunde mit bekannten Gendaten von Riesenschildkröten – auch von den Überresten ihrer ausgestorbenen Vettern. Es zeigte sich, dass die Schildkröten am Wolf-Vulkan nicht alle reinrassig, sondern manche Hybriden sind.

Solche Mischlinge sind vielen Naturschützern ein Graus, weil sie meist durch eingeschleppte fremde Arten entstehen und zu einer »Faunenverfälschung« führen. Diesmal entpuppten sich die Hybriden jedoch als wertvolle Träger von unwiderruflich verloren geglaubtem Erbgut. Denn wie Gisella Caccone und ihre Kollegen im Fachblatt Current Biology (Bd. 22, Nr. 1) berichten, stammen 84 der untersuchten Schildkröten von einem reinrassigen Elternteil der Art Chelonoidis elephantopus ab. Diese galt seit 150 Jahren als verschwunden. Die »elefantöse« Spezies besiedelte einst die 200 Meilen von Isabela entfernte Insel Floreana. Dort entwickelten Walfänger Appetit auf Schildkröten – und hatten bald alle aufgegessen.

Die Biologen glauben nicht, dass Chelonoidis elephantopus selbstständig von Floreana nach Isabela kam. Sie vermuten, dass Seefahrer ausgemergelte Exemplare über Bord geworfen hatten, um auf Isabela ihren Fleischproviant zu erneuern. Das könnte ungewollt den Grundstein zur Rettung der Art gelegt haben. Denn die Chancen für eine gezielte Nachzüchtung stehen gut. Laut Genanalyse waren mindestens 38 reinrassige Elephantopus-Eltern an den Hybridenzeugungen beteiligt, und zwar sowohl Männchen als auch Weibchen. Ihre Fruchtbarkeit scheint ungebrochen: 30 Hybriden sind jünger als 15 Jahre – wahre Frischlinge, schließlich sind sogar Hundertjährige noch voll vital. Gisella Caccone betont den »segensreichen Aspekt der Hybridisierung«, der darin bestehe, gelegentlich »gefährdete Arten durch gezielte Zucht wiederzubeleben«.

Dass Genanalysen aber auch gegenteilige Überraschungen bieten können, etwa dass eine seit Jahrhunderten milliardenfach gezüchtete Art gar keine ist, diese Entdeckung machte kürzlich ein Team des Senckenberg Forschungsinstituts in Dresden unter der Leitung von Uwe Fritz. Es untersuchte die chinesische Weichschildkröte. Diese wird massenhaft gehandelt, allein die Chinesen verspeisen schätzungsweise 300 Millionen Exemplare jährlich. Aber auch Wissenschaftler schätzen die leicht beschaffbaren Tiere als Modellorganismen, ähnlich wie Zebrafische oder Xenopusfrösche. Allerdings wunderten sich einige über widersprüchliche Ergebnisse.

Die chinesische Weichschildkröte ist ebenfalls ein Hybrid

Uwe Fritz kennt inzwischen den Grund: Pelodiscus sinensis ist eine Hybride. Und je nachdem welche Mixtur ein Forscher gerade erwischt, wird beispielsweise das Geschlecht der Schildkröten durch Chromosomen bestimmt oder durch die Bruttemperatur der Eier. »Den Chinesen dürfte es egal sein, welch spezielle Art sie verspeisen. Aber Biologen sollten beim Interpretieren ihrer Ergebnisse vorsichtig sein«, sagt Fritz.

Sein Team hatte sich aus dem Berliner Museum für Naturkunde winzige Gewebestücke jener beiden »Urmeter« beschafft, die anno 1834 einem deutschen Zoologen zur erstmaligen Beschreibung der Art Pelodiscus sinensis dienten. Die Analyse ergab: Schon die Urmeter waren Hybriden, ihr Erbgut aus mindestens vier verschiedenen Arten gemixt. Immerhin konnten die Senckenberg-Forscher klären, welche der vier Ursprungsarten die »echte« chinesische Weichschildkröte ist. Das dürfte auch dem Schutz der »neu« entdeckten Arten zugute kommen, die man jetzt besser kennt. Bislang gelten alle unter Pelodiscus sinensis zusammengefassten Spezies auf der Roten Liste der IUCN als gefährdet. Sie könnten künftig jeweils einen eigenen, höheren Schutz genießen. 

Doch halt! Dürften Arten nicht eigentlich gar keine fortpflanzungsfähigen Hybriden hervorbringen? Uwe Fritz lacht da nur: »In der Biologie gibt es mehr als 25 Artkonzepte. Diese beruhen mehr auf Meinungen und Glaubensrichtungen als auf harter Evidenz.« Daran hätten auch genetische Daten nichts geändert.

Der Kuddelmuddel um die Schildkröten zeigt: Es wird höchste Zeit, dass sich die Biologen auf einen gemeinsamen Artbegriff einigen.