Selbstkontrolle : Der Trick des Odysseus

Wie widersteht man Versuchungen? Psychologen raten: Indem man aufhört, sich selbst zu überschätzen.

Wenige Wochen ist das neue Jahr alt, Zeit für eine erste Bilanz: Wie steht es um die neuen Vorsätze, welche haben wir schon wieder über Bord geworfen? Eine peinsame Frage. Denn nichts fällt uns schwerer, als lieb gewordene Gewohnheiten aufzugeben. Wer sich etwa vorgenommen hat, den Fernsehkonsum zu reduzieren und seltener aufs Handy zu starren, geht ein besonders hohes Risiko des Scheiterns ein. Der medialen Verlockung stehen die meisten Menschen so hilflos gegenüber wie das Dschungelkind Mowgli den hypnotisierenden Augen der Schlange Kaa.

Manche schaffen es allerdings doch. Was zeichnet diese widerständigen Typen aus? Ist es die pure Willenskraft? Eher nein. Ein kurioses Experiment legt eine andere Antwort nahe: Erfolgreiche Selbstkontrolle heißt nicht, einer Verführung gegenüber mannhaften Widerstand zu leisten. Besser ist es, sich seiner begrenzten Abwehrkräfte bewusst zu sein – und Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.

Zu dieser Erkenntnis kommt ein Psychologenteam um Wilhelm Hofmann, der heute an der University of Chicago lehrt. Er und seine Mitstreiter haben untersucht, wie oft der moderne Zeitgenosse von Bedürfnissen geplagt wird und wie er ihnen am besten trotzt ( Journal of Personality and Social Psychology 12/201 1). Dazu statteten die Psychologen 205 Versuchspersonen in Würzburg mit BlackBerrys aus und schickten ihnen alle paar Stunden die Frage, mit welchen Wünschen sie gerade kämpften. Auf diese Weise sammelten sie 7827 »desire reports«.

Essen, Schlafen, Trinken, E-Mails checken

Wie zu erwarten, standen körperliche Bedürfnisse obenan. Am häufigsten verspürten die Probanden den Drang zu essen, gefolgt vom Wunsch, zu schlafen oder zu trinken. Doch schon auf Rang vier rangierte das Bedürfnis nach Mediennutzung – telefonieren, E-Mails checken, im Internet surfen oder Zeitung lesen. Die Mediengier war sogar deutlich ausgeprägter als der Drang zu »klassischen« Süchten wie Tabak oder Alkohol. Auch der Wunsch nach Sex, der sonst als omnipräsent gilt, landete unter »ferner liefen«.

Die Rangfolge ändert sich allerdings drastisch, wenn nach der Intensität des Begehrens gefragt wird – und danach, wie oft es zum Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit kommt. Am intensivsten wird die Sehnsucht nach mehr Schlaf und mehr Sex empfunden; offenbar ist der durchschnittliche Zeitgenosse ebenso unausgeschlafen wie unbefriedigt. Allerdings leidet er weniger darunter, dass er seine erotischen Fantasien nicht ausleben kann, sondern unter einem anderen Mangel: dem vergeblichen Verlangen nach Nichtstun. Ausgerechnet der schlichte Wunsch nach »Muße« gerät am häufigsten in Konflikt mit den Umständen und allen anderen Zielen, die der Mensch hat. Es scheint, als jage der moderne Homo sapiens so rastlos dem Glück hinterher, dass er am Ende keine Zeit mehr hat, es zu genießen.

Dazu passt der Befund, dass Menschen zwar gerne weniger arbeiten oder ihren Medienkonsum reduzieren wollen – gerade das aber häufig nicht schaffen. Seine Studie zeige, sagt Wilhelm Hofmann, »wie wenig wir es eigentlich fertigbringen, unsere Mediennutzung im Zaum zu halten, vermutlich weil wir auch nie wirklich gelernt haben, damit umzugehen, und weil Medien wie das Internet allgegenwärtig verfügbar sind«.

Seine Studie lehrt aber auch, wie man dieser Falle entkommt: indem man sich der Verführung nur so weit aussetzt, dass man nicht in Gefahr gerät, ihr zu verfallen. Denn tatsächlich gibt es Glückskinder, die weniger unter ihren Wünschen leiden und seltener damit in Konflikt geraten. Sie haben allerdings nicht weniger Bedürfnisse als die anderen; nur steuern sie ihr Leben so, dass sie im Kampf mit den Reizen die Oberhand behalten.

Das klassische Beispiel für diese Strategie ist der antike Held Odysseus, der dem verführerischen Gesang der Sirenen lauschen wollte. Hätte er sich einzig auf seine Willenskraft verlassen, wäre er kläglich gescheitert. Stattdessen ließ er sich vorab an den Mast seines Schiffes binden, um den Genuss der betörenden Klänge schadlos zu überstehen. Precommitment, Vor-Festlegung, hat der Ökonomie-Nobelpreisträger Thomas Schelling diese Art des Selbstmanagements genannt, die offenbar der Weg zum Glück ist. Um ihn zu beschreiten, müsse man kein asketisches Leben führen, meint Hofmann. Es gehe vielmehr um die Kunst, »nur Bedürfnisse zu nähren, die man auch befriedigen kann«, sagt er.

In der multimedialen Welt würde Odysseus wohl, bevor er losdaddelte, seinen Computer so programmieren, dass dieser sich nach einer festgelegten Zeit selbst runterfährt.

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17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Es gibt keinen Ökonomie-Nobelpreis

Die Auszeichnung heisst "Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel".
Eine Auszeichnung die von Bankern erfunden wurde und an Banker verliehen wird.

Alfred Nobel wollte das seine Stiftung denen zugute kommt die Herausragendes in einer der genau fünf Fachgebieten: Physik, Chemie, Medizin, Literatur oder Verdienste im Sinne der Völkerverständigung(Friedensnobelpreis).

Die Ökonomie zählte NICHT dazu!
Also fallen sie nicht auf die Scharade der Banker herrein und nennen sie den Preis nicht Nobelpreis!

Aber was ist das Motiv für Vorsorge?

Es ist auch wichtig zu betrachten, wann jemand tatsächlich Vorsorge betreibt. Ich zum Beispiel habe in meiner Jugendzeit sehr viel fern gesehen. Aber den Fernseher habe ich mit meinem 18. Lebensjahr erst aus meinem Leben eliminiert, als diese Verschwendung von Lebenszeit für mich unerträglich geworden war. Denn diese Medien sind doch derzeit so präsent, dass es eine wirkliche Überwindung ist, sich davon zu befreien. Ist es jedoch vollbracht, so ist es meiner Erfahrung nach ein wirklicher Gewinn an Lebensqualität. Denn durch den Gewinn an Zeit und vor allem Ruhe lassen sich eine Vielzahl anderer Bedürfnisse befriedigen, zum Beispiel reale menschliche Kontakte oder Zeit zur Muße. Für mich ist also das Motiv guter Vorsatz nicht ausreichend, da doch die Gruppe heute einen enormen Zwang ausübt.

Zwang vs. Bedürfnis

Die Versuchungen, die offensichtlich am stärksten sind, verhindern zum Einen, dass man sich mit sich selbst auseinader setzen muß. Das ist ein allzumenschliches Bedürfnis, denn der Zivilisationsprozess (Elias) verlangt von Menschen immer mehr Selbstreflexion und Selbstkontrolle als es menschenmöglich ist.
Zum Zweiten ist das Bedürfnis, nicht von der (sozialen) Welt abgeschlossen zu sein, ebenfalls sehr menschlich, selbst wenn es aus einer rein rezeptiven Warte aus erfolgt (z.B. fernsehen oder Zeitung lesen). Das Gefühl, zu wissen, was 'los ist', wirkt sehr beruhigend: Menschen sind schließlich in unserem Leben der größte Unsicherheitsfaktor. Wissen zu wollen, 'was sie tun', ist nicht unsinniger, als in einem stark überschwemmungsgefährdeten Gebiet regelmäßig den Wasserpegel zu kontrollieren. Der große Erfolg der 'social media' liegt gerade darin, dass wir a) das alles aus 'Sicherheitsabstand' mitbekommen können und b) (an obiges anknüpfend) anderen das Bild von uns vermitteln können, dass wir selber gerne glauben wollen - ohne die Gefahr, wie sie in face-to-face-Interaktionen besteht, dass das Gegenüber mehr über uns weiß, als man selbst (will). Bspw. weiß man, wenn man ein Foto hochlädt, wie der eigene Gesichtsausdruck aussieht - in einer direkten Begegnung weiß das nur das Gegenüber.
Die menschlichen Bedürfnisse bahnen sich mit den Medien nur umso mehr Weg, sie sind nicht erst daraus entstanden.
Übrigens: ich habe auch keinen Fernseher :-)

Ohne Glotze ist einfach aber was ist mit meinem Internet?

Ohne Fernseher ist einfach (habe ich schon ewig nicht mehr und auch kaum jemand den ich kenne) aber was ist mit Internet?

Im Internet kann man Zeit noch viel toller verdaddeln als mit dem Fernseher (mehr Auswahl, Interaktivität,...).

Der Fernseher fehlte mir sehr selten, aber ein Leben ohne Internet? Wie soll man an viele Informationen kommen? Druckerfarbe oder Flüge kaufen? Einen neuen Job finden?

Die Möglichkeiten der Dinge die ohne Internet sehr aufwändig sind ist unendlich aber leider auch die Liste der Dinge die man online tun kann die man lieber bleiben lassen sollte (exzessiv Artikel kommentieren, stundenlange Edit Wars auf Wikipedia, Katzenbilder,...).

Wenn man Internet auch so einfach und konsequenzlos wie Fernsehen abschaffen könnte würde ich das gerne tun.