Snowboarden : "Gäht scho!"

Flachau im Salzburger Land: Wenn Vater und Sohn zusammen Snowboarden lernen
Der Kursteilnehmer: Unser Autor auf dem Brett, sein Sohn (links) schaut zu.

Was haben wir uns da angetan? Wie zum Teufel kommen wir hier wieder raus? Leo ist der Erste, der es offen ausspricht. »Dieses blöde Snowboarden war eine totale Fehlentscheidung«, grummelt der Elfjährige und schaut sehnsüchtig hinüber zu den Skifahrern, die auf ihren leichten Brettern lässig den Hang hinunterfegen. Und wir? Wir quälen uns auf einem Idiotenhügel. Tragen Fesseln an den Füßen und auf dem Rücken einen Plastikpanzer. Sind nass bis auf die Haut. Spüren jedes Gelenk, jeden Muskel, jede Sehne.

Es ist die dritte Stunde am ersten Tag unseres Grundkurses im Snowboarden im österreichischen Flachau . Es ist die Stunde der Krise, in der sich die Wahrnehmung wie bei einem Nashorn zu einem Tunnel verengt, an dessen Ende kein Licht ist. Sollen wir uns diese Schinderei wirklich noch drei Tage antun? Leo scheint die Frage für sich schon beantwortet zu haben – er funktioniert das lästige Schneebrett kurzerhand zum Schlitten um, setzt sich zwischen die beiden Bindungen und flitzt juchzend zu Tal. »Das schüttet Glückssirup aus!«, ruft er. Erwin, der Übungsleiter, tut so, als hätte er die Eskapade nicht gesehen. »Noch amoi probier’n, gäht scho«, ermuntert er den abtrünnigen Schüler, und der stellt sich missmutig wieder in die Reihe, besser gesagt, er hockt sich in die Reihe, denn Anfänger wie unsereins verbringen die ersten Übungsstunden zumeist auf dem Hintern. Vor Leo hocken Norina, 12, Lorena, 14, und Laura, 13. Und sein Vater, der mit seinen 57 Lenzen älter ist als alle anderen Kursteilnehmer zusammen. Auch ihn beschleichen nach einem Dutzend Stürzen Zweifel, ob er in der richtigen Veranstaltung ist.

»Gäht scho!«, ruft Erwin.

Nach dem Höhepunkt einer Krise kommt das böse Ende. Oder die Wende. Wir schaffen das, Zähne zusammenbeißen! Schließlich wollten wir den Kurs hier unbedingt absolvieren. Leo, weil er Snowboarden für die zweitcoolste Sache der Welt hält, seit er ein Video von Travis Rice , einem der amerikanischen Superstars, gesehen hat. Ganz oben steht Wellenreiten an den Stränden seines Wohnorts Kapstadt ; das Schneesurfen ist quasi eine Schwesterdisziplin. Die Klamotten, der Hip-Hop, das Image der Rebellen, überhaupt der Lebensstil der Snowboarder – dagegen wirkt Skifahren piefig, eine Leibesübung für Erwachsene, für Leute wie seinen Vater. Der wiederum wollte nach 52 Jahren auf Alpinskiern einmal ausprobieren, was dran ist am Snowboarden . Die Einbrettfahrer sind ja immer zahlreicher geworden, seit der Sport in den 1970er Jahren in den USA erfunden wurde. Kurzum: Den Sohn treibt eine Jugendobsession an, den Vater die Alterstorheit.

Also weiter rutschen. Hinfallen. Aufstehen. Straucheln. Purzeln. Hochrappeln. Querfahrt zum Hang, backside, frontside, und noch eine schöne Girlande. »Lasst’s eich Zeit, gäht scho!« Der Ansporn des Lehrers wird zum Kommando, das den inneren Schweinehund besiegt. Norina und Lorena machen gute Fortschritte, Laura, die Kroatin, hadert viel mit sich und dem Gerät, sie ist als Nachwuchs-Spitzenschwimmerin ihres Landes verdammt ehrgeizig. Auch Leo schimpft und kämpft, der schwere Schnee verhält sich ganz anders als das Meerwasser: »Ich wäre jetzt lieber am Indischen Ozean beim Surfen.«

Dem Vater erleichtert das in fünf Jahrzehnten Skilaufen erworbene Gespür für den Schnee den Unterricht; Hanglagen, Hebelgesetze, Bewegungsabläufe – so groß sind die Unterschiede nicht. Snowboarden ist, was die Technik anbelangt, eher unterkomplex. Doch die ersten Stunden sind tückisch. Es irritiert einen die vollkommen widernatürliche X-Haxen-Stellung – als sollte man vergessen, dass der Mensch zwei Beine hat. So werden beim Gleiten oder Fallen fast alle Reflexe, die man vom Skifahren gewohnt ist, außer Kraft gesetzt. Die Stürze sind schmerzhaft, oft liegt man wie ein Käfer auf dem Buckel, das Aufstehen ist mühselig, tausendmal muss die Bindung geöffnet werden, tausendmal fummelt man beim Schließen an den Ratschenbändern herum. Zunächst steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ergebnis, man kommt sich vor wie Sisyphos im Schnee.

Irgendwann an diesem grauen Nachmittag aber geht eine Wandlung in Leo vor. Allmählich hat auch er ein Gefühl für das klobige Softboard entwickelt, er hält die Balance und stürzt nicht mehr so oft. »Es fängt an, Spaß zu machen«, bilanziert er, als endlich der Abend bläut. Wir sind vollkommen erschöpft, zwei Schneekrieger, die ihre blauen Flecken zählen. So ganz überzeugt uns das Unternehmen immer noch nicht.

Der nächste Morgen, die nächste Herausforderung: Liftfahren. Wie riskant die Beförderungshilfe für Snowboarder sein kann, erfahre ich gleich beim ersten Versuch. Als das Brett beim Einstieg wegflutscht, zerrt und zieht es fürchterlich an den Kreuzbändern, denn im Schlepplift ist nur das vordere Bein auf dem Brett festgezurrt, und beim Hinfallen spürt man sämtliche Torsionskräfte im Knie. Zweimal fliege ich aus der Trasse, das ist mir seit zehn Wintern nicht mehr passiert. Statistisch ist die Verletzungsquote beim Snowboarden doppelt so hoch wie beim Skifahren, vor allem Handwurzeln, Schultern, Knie, Kopf und Steißbein sind gefährdet. Blutige Anfänger seien gewarnt, ihr Verletzungsrisiko ist am höchsten.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Ich wollte früher auch rebellieren...

und bin mit 13/14 Jahren aufs Snowboard gewechselt, als sich der Hype noch im Höhenflug befunden hat. Die Verkaufszahlen sind seitdem sehr stark zurückgegangen, die Mehrheit hat nach ihrem ''rebellieren'' wieder Ski angeschnallt, weil das rebellieren halt doch nicht ganz so cool war, wie die Werbung das gerne gehabt hätte.
Leider hat das alpine Snowboarden den Kampf gegen die Softboots verloren. Ich habe, nachdem mein Freundeskreis aus der Pubertät raus war und wieder Ski fuhr, den Sprung gewagt und mir ein Carvingboard mit zeitgemäßen Hardboots angeschafft und bin von diesem Trip nie wieder runtergekommen.
Ich kann es jedem Boarder ans Herz legen, mit diesem scheinbar coolen Rumgerutsche in Gummistiefeln und Duckstance aufzuhören und die Essenz des Alpinsports, die mühelose Bewegung, mit einem vernünftigen Konzept unter den Füßen zu zelebrieren.

Der Artikel

...kommt zehn Jahre zu spät. Snowboarden ist weder rebellisch, noch eine Trendsportart, sondern ein etablierter Massensport, der nicht einfach wieder verfliegt wie ein Trend. Die Tendenz ist allerdings rückläufig. Der Rausch ist schon vor Jahren verschwunden.
Ein bisschen mehr Recherche hätte geholfen - längst hat sich in den vergangenen 5 Jahren das Skifahren selbst revolutioniert. Es gibt einen regelrechten Boom der sog. "Twintips", mit denen Skifahrer inzwischen genau so gut Park fahren können, wie Snowboarder. In meiner Heimat (Kalifornien) gibt es erste Snow-Parks, in denen sich wieder mehr Skifahrer als Snowboarder tummeln. Und in den Alpen wird das in ein paar Jahren auch so sein.

Der neue Trendsport nennt sich Freeski. Snowboarden tun inzwischen die jungen Väter. ;)