Stilkolumne: Die Mode sprüht vor Ideen
Tillmann Prüfer über Graffiti-Motive

Kleid von Stefanel, circa 459 Euro
Die Spraydose war einmal die Waffe des jungen Wutbürgers. Also des Teenagers, der sich mithilfe von Sprühdosen gegen seine Bedeutungslosigkeit stemmte. Indem er an den Wänden der Großstadt Spuren hinterließ, hoffte der Sprayer, von denen wahrgenommen zu werden, die in der Gesellschaft ganz oben standen. Inzwischen hat sich das Subversive der Sprayerkultur ein bisschen verloren – spätestens seit sich Luxusmarken des Themas annehmen. Gerade hat das Pariser Luxushaus Hermès ein »Carré Graff«-Halstuch mit einem Motiv des Graffiti-Künstlers Kongo herausgegeben. Wer es kauft, unterstützt junge Sprayer. Nun also investiert die Oberschicht selbst in die Färbung ihrer Fassaden.
Auch anderswo wird in der Mode neuerdings gesprüht. In der Sommerkollektion von Bottega Veneta beispielsweise sind Jeans zu sehen, die dick mit psychedelischen Farben durchsetzt sind. Stefanel hat eine neue Kollektion von Öko-Kaschmir im Airbrush-Look vorgestellt.
Stoff mit Farbe zu besprühen oder zu färben war in der damaligen Jugendkultur eine Methode, sich ein Kleidungsstück anzueignen. Durch die Färbung wurde es seinem Kontext entrissen und wurde Ausdruck der Individualität seines Trägers. Einer, der dieses Prinzip wiederum in die Mode einführte, war Stephen Sprouse. Er war es auch, der als Erster Luxuswaren mit Farbe besprühte. In Zusammenarbeit mit dem Louis-Vuitton-Designer Marc Jacobs schuf er eine Taschenkollektion, die mit pinkfarbenen Graffiti geschmückt war.
Damit wurden Graffiti-Elemente in umgekehrter Richtung genutzt: Nicht die Jugend lehnte sich gegen das Establishment auf, sondern das Establishment wollte sich verjüngen. Wenn heute wieder mehr Graffiti-Motive auf Kleidungsstücken zu sehen sind, ist das ein Zeichen dafür, dass das Sprühen jeden rebellischen Charme eingebüßt hat. Es ist ein Ausdrucksmittel wie jedes andere auch geworden. Kongo ist ein bürgerlicher Künstler – und wer heute in der Großstadt ein Zeichen gegen das Bonzentum setzen will, greift nicht mehr zur Sprühdose, sondern zum Grillanzünder und setzt Karossen in Brand.
Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis daraus eine anerkannte Kunstform geworden ist – oder gar ein Halstuch.











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