"Costa Concordia" Das Traumaschiff
Das verunglückte Riesenkreuzschiff "Costa Concordia" hatte einst einen großen Filmauftritt bei Godard.
2010 kaperte Jean-Luc Godard ein Kreuzfahrtschiff. Mit Schauspielern, Kameras, Stativen und Statisten ging er an Bord und drehte den ersten Akt eines Filmes, den er Film Socialisme nannte. Das Kreuzfahrtschiff als unwirklicher Ort kapitalistischer Dekadenz, als Metapher für eine amüsementabhängige Luxusgesellschaft: Das wollte Godard in seinen Bildern und Montagen zeigen, die einen Assoziationskosmos eröffnen, so groß wie die westliche Zivilisationsgeschichte. Ägypten, Palästina, Odessa, Griechenland, Neapel und Barcelona waren die Stationen, die das Traumaschiff ansteuerte. Godard filmte das Erhabene auf dieser Reise: die röhrenden Wassermassen in gleißendem Abendlicht, den aufragenden gelb-schwarzen Schornstein des Schiffes, das schimmernd blaue Deck. Und er filmte das Banale: die Schlangen am Buffet, Eltern mit planschenden Kleinkindern im Pool, Männer und Frauen in Sporthosen, die ihren Popo nach links und rechts schieben. »Es ist weniger die Endzeit als der Triumph des Kapitalismus«, sagte Godard in einem Interview mit der ZEIT. Überall auf dem Schiff wird konsumiert und optimiert, unaufhörlich.
Als Jean-Luc Godard von Bord ging, gab er das Kreuzfahrtschiff zurück in die Hände seiner Crew, zurück in sein Leben als echter Vergnügungsdampfer. Die Arbeit der Kunst war getan. Der Alltag sollte beginnen, aber er dauerte nicht lange. Denn das Schiff, das Godard zum Gesellschaftsschiff überhöhte, lief auf Grund und liegt seitdem gruselig majestätisch vor der toskanischen Küste – Godard drehte auf der Costa Concordia. Seine Metapher für unser abgewirtschaftetes System ist real untergegangen und wird dadurch wieder zur Metapher: Die westliche Zivilisation, mit der Godard das Schiff belädt, ist havariert und liegt schräg im Meer. Während der Untergang der Titanic verfilmt wurde, nachdem das Schiff gesunken war, sinkt Godards Schiff, nachdem er es in einem Film hat metaphorisch untergehen lassen. Godard fiktionalisierte den allerneuesten Kapitalismus auf dem Riesenkreuzer, weil er sich gruselte vor dieser Miniaturwelt, die die Essenz unserer Systemprobleme widerspiegelt. »Zum Glück haben wir auf diesem Schiff einen Film gedreht, sonst hätten wir es nicht ausgehalten«, sagte er, als der Film fertig war.
- Datum 27.01.2012 - 11:09 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
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