David Hockney Zurück zu den Wurzeln
Seite 3/3:

In Salts Mills ist die größte Hockney-Dauerausstellung zu sehen

Das Dorf Sledmere – auch ein Hockney-Motiv – wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Sir Tatton Sykes, dem ersten Baronet, als Mustersiedlung für seine Pächter gebaut. Deren Hütten standen ursprünglich vor seinem Terrassenfenster. Der Anblick schmerzte ihn. Er wünschte sich an ihrer Stelle einen Teich und eine freie Blickachse hügelan zum Wildpark. Das Herumregieren ihrer Leute hielten die Junker bis ins 20. Jahrhundert für ihr gottgegebenes Recht. Es hatte aber auch begrüßenswerte Aspekte. In Sledmere stellte die Umsiedlung der Bewohner einen Zuwachs an Anmut und Komfort dar. Beides spricht aus einer Backsteinschule im Arts-and-Crafts-Stil, einem Brunnen in Gestalt eines Rundtempels und einem allgemeinen Gefallen an feuerwehrroten Dachkenneln und Fensterrahmen.

Ost Yorkshire
Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.

Sledmere House – klassisch, grau, georgianisch – ist im Winterhalbjahr fürs Publikum geschlossen. Zudem zeigt eine rot-weiß-blaue Flagge auf dem Dach, dass sich Gäste aus den Niederlanden im Schloss eingemietet haben. Aber die Neaves kennen den Hausherrn, Sir Tatton Sykes, den achten Baronet. Sie klingeln ohne Umstände an der Küchentür und werden von einer jungen Frau in weißer Schürze eingelassen. Es riecht nach Braten; Geschirr klappert. Die Niederländer sind auf Fasanenjagd und werden erst zu einem späten Imbiss zurückerwartet. Also kann man sich ungehemmt im Haus umsehen. David knipst das Licht in den Salons an, in denen die Läden vorgelegt sind, zeigt den Apollo von Belvedere unter der Rotunde im Treppenhaus, die endlose, herrliche Bibliothek mit den im Adams-Stil renovierten Stuckarbeiten und den Romney über dem Kamin. David Hockney hat in Sledmere House seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert.

Anzeige

Sir Tatton wird auf ewig ein rosa Hemd zu Cowboystiefeln tragen

Und da kommt auch Sir Tatton selbst, ein schmaler älterer Herr in rosa Hemd, Steppweste, Cowboystiefeln, mit sorgsam zerzaustem Haar. Er schießt nicht auf Fasane. Er ist Gärtner. Wäre eine Tasse Tee willkommen? Hat man schon den achteckigen ummauerten Garten besichtigt? Eine Rarität und auch im Januar eine Augenweide, so sorgfältig zur Ruhe gebettet: Apfelbäume geschnitten, Kies gerecht, Rasen abgestochen, Buchs geschoren, Laubkompost um die Apfelbäume verteilt, und alles auf acht Seiten eingehegt von der rosen- und lavendelfarbenen Ziegelmauer, an der das Spalierobst zu Fächern gezogen wurde. Die Niederländer kehren zurück, gekleidet in Tweed und Wachstuch. Auf den Feldern gockeln heiser die Überlebenden ihrer Jagdlust.

Anreise

Flug nach Manchester und weiter mit dem Zug nach York oder mit der Autofähre von Rotterdam nach Hull. Fahrradreisen durch die Wolds kann man bei Scoot in York buchen, www.scootcyclingholidays.co.uk

Unterkunft

The Grange in York in der Nähe der Altstadt war einmal das Stadthaus einer wohlhabenden Familie. Salon und Bibliothek sind behagliche Räume für den Nachmittagstee mit Sandwiches und Törtchen. 1 Clifton, York, Tel. 0044-1904/644744, www.grangehotel.co.uk. DZ ab 150 Euro.

Gästezimmer hat auch The Triton Inn in Sledmere, Driffield, Tel. 0044-1377/236078, www.thetritoninn.co.uk. DZ ab 90 Euro

Verpflegung

Das Ivy-Restaurant im Hotel The Grange ist empfehlenswert. In den Wolds bietet The Triton Inn solide Küche und ein freundliches Ambiente, Sledmere, www.thetritoninn.co.uk. In West Yorkshire ist das Brontë-Restaurant im Pub Ring o’Bells einen Abstecher wert, 212 Hill Top Road, Thornton, Bradford, www.theringobells.com

Anschauen

Die Royal Academy of Arts in London zeigt bis 9. April die Ausstellung »David Hockney – A Bigger Picture«, www.royalacademy.org.uk. Öffnungszeiten So–Do 10–18 Uhr, Fr 10–22 Uhr, Sa 9–22 Uhr.

Die Cartwright Hall Gallery zeigt noch bis 4. März David Hockneys größtes Bild, »Bigger Trees near Warter« und einige frühere Werke in der Dauerausstellung. Bradford, Lister Park, www.bradfordmuseums.org. Die größte Dauerausstellung seiner Werke liegt 6 Kilometer nördlich von Bradford: Salts Mill in Saltaire. Der Ort hat auch eine Bahnverbindung nach Leeds. www.saltsmill.org.uk. Unbedingt zu empfehlen ist Sledmere House und Garten, geöffnet von April bis September, Driffield, www.sledmerehouse.com

Information

www.yorkshire.com

www.visitbritain.com/de

Die urbane Entsprechung des Musterdörfchens Sledmere ist Saltaire, vier Meilen außerhalb von Bradford im Tal des Aire. Als der Schüler Hockney daran vorbeiradelte, wurden in der qualmenden Fabrik noch jeden Tag 17 Meilen Stoff gewebt. Der Textilmagnat Sir Titus Salt hatte die Siedlung 1853 für seine Arbeiter gebaut und herrschte dort mit der gleichen patriarchalischen Geste wie der Landjunker über Sledmere. In Saltaire gab es Schulen, eine Kapelle, Waschhaus und Park, aber keine Kneipe, keine Pfandleihe. Der Chef wünschte eine zufriedene Belegschaft; er wünschte sie fleißig, sauber und nüchtern.

Heute brummt Salts Mill vom Betrieb in den Restaurants und Geschäften. Die 1853 Gallery zeigt auf einer riesenlangen Etage die größte Hockney-Dauerausstellung: 25 Bäume am Stück, daneben kleine strahlende Interieurs, die der Maler mit dem Finger auf sein iPad gezeichnet hat, weiterhin Porträts von Familienangehörigen und Freunden. Auch Sir Tatton Sykes ist wieder dabei. Und so, wie die Baumschatten in Yorkshire nach David Hockney erdbeerrot sind, wird auch Sir Tatton von nun an und für immer ein rosa Hemd, Steppweste und Cowboystiefel tragen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • k2
    • 30.01.2012 um 16:59 Uhr

    Seine Polaroidaufnahme zum Schwimmbadpool
    ist unsterblich wie die Beulen der CocaCola-Dosen von Larry Rivers

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service