Als in der vergangenen Woche der ebenso anrüchige wie umstrittene Ball der schlagenden Burschenschaften im imperialen Glanz der Wiener Hofburg stattfand, waren ausgewiesene Medienvertreter unerwünscht. Lediglich einem Reporter der Austria Presse Agentur gewährten die Veranstalter freien Eintritt, denn beim Rechtswalzer wollten die akademischen Narbengesichter verständlicherweise lieber ungestört bleiben. Keine blöden Fragen über frische Schmisse in den geschwollenen Wangen beantworten müssen (»Tut es noch weh?«). Keinem Außenstehenden über die Gesinnung Auskunft geben.

So viel Geheimniskrämerei nährt natürlich den Verdacht, Ungeheuerliches würde sich beim Fest der honorigen Herrschaften zutragen. Gewiss würde sich hinter dem dichten Polizeikordon ein wahres Nazi-Wunderland auftun, ein Abgrund an Demokratieverrat und Menschenverachtung. Mithin, dieser Schtonk auf Wienerisch war ein Pflichttermin für das kontrollierende Auge der Presse.

Es gibt im Journalismus letztlich nur eine einzige Methode, die Reportern ermöglicht, alles Wissenswerte über ein Ereignis in Erfahrung zu bringen. Sie stellen Fragen und beobachten. Anschließend versuchen sie die Informationssplitter, die sie gesammelt haben, zu einem Bild zusammenzupfriemeln. Das ist Reporteralltag, beim Käseblatt ebenso wie beim Magazin von Weltformat.

Unterschiedlich sind allerdings die Rollen, in denen Journalisten ihrem Handwerk nachgehen. Der Hofberichterstatter beispielsweise tut dies in unterwürfiger Pose und aus vergleichsweise eingeschränkter Perspektive. Verhältnismäßig jung ist eine spezielle Variante dieses Berufsverhaltens, die sich vor allem in den angloamerikanischen Medien eingebürgert hat: jene des »eingebetteten« Reporters. Im Irakkrieg zogen die kämpfenden Truppen der Amerikaner und Briten mit schreibenden Kameraden an ihrer Seite in die Schlacht. Das waren aufregende Dienstreisen, richtige Abenteuerrecherchen, die auch zeitweise ungemütlich sein konnten. Man war zwar nah dran am Geschehen, stellte aber besser nicht zu viele unbequeme Fragen. Denn embedded bedeutet auch: Wie man sich bettet, so liegt man.

Genau dem entgegengesetzte Rollenverständnis folgt hingegen der Undercover-Reporter. Er tarnt und täuscht, verheimlicht seine Identität, schleicht sich ein. Er liegt unter dem Bett, in dem der eingebettete Kollege seine Nachforschungen anstellt. Er ist ein Geheimagent im Dienst der Vierten Macht. Meistens entstehen so die Husarenstücke, die aus dem Medienalltag herausragen. Günter Wallraff hat es Generationen junger Journalisten vorgemacht. Das ist die Königsdisziplin.

Da die Ballveranstalter offensichtlich jede genaue Beobachtung verhindern wollten, fasste man in verschiedenen Zeitungsredaktionen den tollkühnen Plan, zur verdeckten Berichterstattung überzugehen. Und zwar in jeder einzelnen unter strenger Geheimhaltung; schließlich sollten nicht nur die Burschenschafter, sondern auch die Konkurrenten von dem Undercover-Scoop überrascht werden.

Die Reporter-Pärchen besorgten sich auf den Verbindungsbuden teils unter falscher Namensangabe Ballkarten. Manche veränderten ihr Äußeres, um nicht erkannt werden. Der eine rasierte seinen Vollbart ab, der andere ließ sich ein stummfilmreifes Oberlippenbärtchen stehen, ein Dritter verzichtete gar auf seine Brille, was ihn später daran hinderte, einen befreundeten Kollegen zu erkennen, der im Ballgeschehen an ihm vorbeispazierte.

Mit Schmetterlingen im Bauch eilten sie zu dem Ort des mysteriösen Geschehens. Allein in der Höhle der Raubtierbruderschaft, wo sogar mit Säbeln herumgefuchtelt wird. Groß jedoch die Enttäuschung, als sie schon im Eingangsfoyer auf die bekannten Gesichter der Undercover-Kollegen stießen. Schließlich hatte sich ein gutes Dutzend verdeckter Berichterstatter eingefunden, mehr als eine durchschnittliche Verbindung heute noch aktive Mitglieder hat.

Sie ließen sich jedoch nichts anmerken, keine freudige Begrüßung wie üblich bei solchen Anlässen, höchstens ein verstohlenes Zwinkern. Sie wollten ja unentdeckt undercover berichten können, dass es eigentlich nichts sonderlich Berichtenswertes gab, außer, dass merkwürdig kostümierte Menschen eine Menge Dinge von sich gaben, die für akademisch gebildete Leute erstaunlich banal sind. Niemand hat entweder »Heil« oder »Sieg« oder gar beides in Kombination gerufen, niemand ein Hakenkreuz auf die Klowand geschmiert. Welche Enttäuschung. Dennoch eilte eine verdeckte Berichterstatterin immer wieder emsig auf die Damentoilette, um ihrer Redaktion die neuesten Neuigkeiten per SMS für die vermutlich erste SMS-Undercover-Reportage der Tagespresse zu vermelden.

Lediglich einem lachte in dieser bierschäumenden Ballnacht das Undercover-Reporterglück. Getarnt als Autogrammjäger, näherte er sich zu vorgerückter Stunde dem freiheitlichen Parteichef HC Strache und entlockte dem reinen Tor das rätselhafte Geständnis: »Wir sind die neuen Juden.« Endlich, der Skandal war perfekt. Verständlich, dass Strache das bei der Gesellschaft, in der er sich befindet, später so nicht gesagt haben will. Bisher hatten lediglich Mitglieder des Habsburger-Clans, der sich mitunter als verfolgte Minderheit empfindet, diese Rolle für sich beansprucht. Ganz freimütig und ohne Mithilfe eines Agent Provocateur.