Der Mann, der die nächste Kernschmelze am Finanzmarkt verhindern soll, ist nicht vom Fach. Vor mehr als 20 Jahren half er, die Olympischen Winterspiele nach Albertville zu holen, danach war er viermal Minister in Frankreich, aber Finanzmärkte? "Damit habe ich früher nie zu tun gehabt", sagt Michel Barnier .

Das ist jetzt anders. Seit zwei Jahren ist der 61-Jährige EU-Kommissar für den Binnenmarkt und entscheidet auch über die künftigen Regeln für Banken und Versicherungen. Nun spricht er darüber, wie er die Branche zähmen will. Es ist später Nachmittag, Barniers Jackett hängt längst am Haken. Fast täglich säßen auf diesem kalten Ledersofa in seinem Brüsseler Kommissionsbüro 10/034 Lobbyisten mit eigennützigen Bedürfnissen, erzählt er. "Ich gehe ohne Ideologie an die Gespräche, ohne Vorurteile." Einen Augenblick später fügt der Kommissar hinzu: "Ich habe viele Leute getroffen, die sehr spezielle Interessen vertreten, die sich wenig für Wandel interessieren."

Barnier aber will den Wandel, er will schärfere Gesetze, um weiteren Schaden von den europäischen Steuerzahlern abzuwenden. Seine Mitarbeiter haben ein Gesetzespaket erarbeitet, das unter dem Kürzel CRD IV die Branche dauerhaft verändern könnte. Es könnte sie weniger gefährlich machen.

Würde das Regelwerk eins zu eins umgesetzt, müssten Banken für Risikogeschäfte bis zu 13 Prozent Eigenkapital vorhalten und nicht wie heute acht Prozent, sie dürften keine exorbitanten Gehälter zahlen, wenn damit das Eigenkapital aufgezehrt würde, und die Gefahren, die mit ihren Geschäften einhergehen, müssten sie anders und strenger als früher bewerten. Die Paragrafen würden also die Händler zu mehr Vorsicht zwingen. Weniger Spekulation, weniger Handel mit Finanzkonstrukten, die keiner versteht: Das klingt nach einem Geschenk für Steuerzahler und viel Ärger für Finanzinstitute.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Barnier seinen Kurs durchhält. Noch rechnet er kühl: "Wenn die Regulierung wie von uns vorgeschlagen in Kraft tritt, kostet das höchstens 0,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – die Kosten der Finanzkrise waren bedeutend höher."

Aber noch ist all das eben nur ein Vorschlag. Der Entwurf stammt zwar aus dem vergangenen Sommer, aber dieses Jahr beginnen die Beratungen im EU-Parlament. Im Frühjahr werden Parlamentarier, Kommissionsbeamte und Diplomaten aus 27 Mitgliedsstaaten um Worte feilschen und um Zahlen ringen. Im Hintergrund läuft derweil das Endspiel zwischen Politik und Finanzlobby. Eines, für das die Industrie Hunderte Experten und Millionen Euro mobilisiert, damit die Banken am Ende gewinnen. Lobbyisten sind längst in der Kommission und im Parlament unterwegs, damit sich die Bankinteressen am Ende wieder durchsetzen. Business as usual – aber finden die Lobbyisten auch jetzt Gehör?

Das Kräfteverhältnis zumindest ist so ungleich wie eh und je. Beobachter veranschlagen die Zahl der Finanzlobbyisten in Brüssel auf 700. Die Kosten für das Lobbying betragen grob geschätzt 350 Millionen Euro im Jahr. Und oft zielt es nur darauf ab, Termine zu vereinbaren für weitere Experten, die dann nur für einige Stunden aus London oder Frankfurt nach Brüssel reisen. Welchem Druck die Kommission ausgesetzt ist, zeigt allein die aktuelle Landkarte deutscher Einflussnehmer auf die Finanzgesetzgebung im Brüsseler Europaviertel. Und die EU hat noch weitere 26 Mitgliedsstaaten.

Den Lobby-Spezialisten stehen 754 Europaparlamentarier gegenüber. Die aber kümmern sich meist um anderes. Kürzlich haben sie an einem Tag über die Biozidrichtlinie und Elektroschrott abgestimmt, einen Tag später stand das Thema Fußgängerschutz und LED-Lichtquellen auf der Tagesordnung. Die Vielfalt der Themen ist derart groß, dass nur die wenigsten von ihnen etwas mit Begriffen wie risikogewichtetem Eigenkapital anfangen können. In erster Linie beschäftigen sich mit Barniers Entwurf die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses. 48 Abgeordnete und ihre Stellvertreter.