Berliner Politikszene "Das gibt’s alles"

Ist der Berliner Politikbetrieb so verkommen wie in Helmut Dietls Film "Zettl"? Fragen wir doch mal den CDU-Politiker Philipp Mißfelder nach seinem Kinobesuch.

Es ist gegen halb eins nachts an einem nicht weiter aufregenden Montagabend im Restaurant Borchardt. Philipp Mißfelder, 32 Jahre alt, Vorsitzender der Jungen Union Deutschlands, Mitglied des Bundestages und wegen seiner hohen Statur und seines verbindlichen, merkwürdig altmodischen Wesens ein gern gesehenes Mitglied des Berliner Politikbetriebs, legt seine Serviette auf den Tisch und gibt acht, dass er von seinen drei Handys auch keins auf dem Tisch liegen gelassen hat, als im Innenraum des Lokals noch einmal Unruhe aufkommt: Norbert Körzdorfer, Gesellschaftskolumnist der Hauptstadt, der für die Bild-Zeitung die großen Stars interviewt, die Tom Cruise, George Clooney und Til Schweiger heißen, und diese stets so porträtiert, als träfe er nach langer Zeit einen guten, alten Freund wieder (Norbert: »Du bist älter geworden, Tom«, Tom: »Du hast dich nicht verändert, Norbert«), dieser Norbert Körzdorfer (schulterlanges, weißes Haar, Kaschmirmantel) hat gleich vier weibliche Begleitungen dabei und stellt sie der sehr jungen Dame vor, die an einem Ecktisch vor einem aufgeklappten Computer sitzt und in Berlin als It-Girl bekannt ist oder einfach als gut gekleidetes, sehr süß aussehendes Mädchen, das mehr als dreitausend Facebook-Freunde hat.

Die Runde kommt gerade von einer Pressevorführung des neuen Helmut-Dietl-Films Zettl, mittlerweile in vielen Zeitungen als mindestens hochinteressant misslungene Satire auf den Berliner Politikbetrieb besprochen: Auch Mißfelder saß in der Vorführung. Er bleibt nun noch ein bisschen, begrüßt jeden mit Handschlag. Es gibt Roséchampagner. Es geht, natürlich, um den neuen Dietl-Film. Unter Körzdorfers Frauen ist eine sehr heiße Nummer dabei, das ist, so erfährt man, die Bild- Praktikantin, die Obama bei seinem Berlin-Besuch in der Sauna aufgelauert und ein verwackeltes Foto geschossen hat. Wie ist er denn nun, der neue Dietl-Film? Norbert Körzdorfer erklärt: »Das ist ein Superfilm.« Und der Bild-Kolumnist zitiert aus seiner Gesellschaftskolumne, die demnächst erscheint: »Dieser Film wird die Nation spalten.«

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Wir sind an diesem Montagabend mit dem CDU-Politiker Mißfelder verabredet, um über den neuen Dietl-Film zu plaudern und von ihm, einem Insider des politischen Betriebs, zu hören, inwieweit es das, was der Meister der politischen und gesellschaftlichen Satire (Kir Royal, Schtonk) in seinem neuen Kinofilm zeigt, tatsächlich gibt. Den Politiker Mißfelder kennen viele, weil er seit einer gefühlten Ewigkeit der Jungen Union vorsteht (seit 2002) und einmal etwas Halblustiges, Halbverbotenes über Hartz-IV-Empfänger gesagt hat; unter Kollegen wird ihm respektvoll angerechnet, dass er ein vernichtendes Spiegel-Porträt politisch überlebt hat. Dem Typus des modernen Strippenziehers, eines Players des Politikbetriebs, entspricht Mißfelder nahezu hundertprozentig, auch er hätte eine wunderbare Dietl-Figur abgegeben. Noch im Kino hatte er nach zwanzig Minuten die Beine neu übereinandergeschlagen und mit einem halb erschrockenen, halb amüsierten Gesichtsausdruck erklärt: »Gut eingefangen. Also, bisher gibt’s das alles.« Das klang nach mehr.


Das Borchardt, das viel besungene »Wohnzimmer der Republik«: Wir sitzen hinten links im Lokal, neben der großen Nische. Das ist der Stammplatz von Gerhard Schröder. Wenn es einen Tisch im Borchardt gibt, an dem man nicht nur deshalb sitzt, um gesehen zu werden, dann an diesem. Mißfelder bestellt Mineralwasser, das Tatar ohne Pommes (»abends keine Kohlenhydrate«) und rührt das Weißbrot nicht an. Typ des modernen Politikers: Er unterscheidet sich, zumindest in seinen Essgewohnheiten, kaum von Fotomodels.

Mißfelder kennt Dietl, zumindest oberflächlich: Der Filmfinanzier David Groenewold, einer der Figuren, die im Skandal um den Bundespräsidenten eine undurchsichtige Rolle spielen, hat den Regisseur dem Politiker eines Abends im Borchardt vorgestellt; auch hatte Mißfelder in seiner Funktion als filmpolitischer Sprecher mit Dietl immer wieder zu tun. Auf Anfrage sagt Dietl über Mißfelder, dieser sei ein umgänglicher Typ, man sei gleich per Du miteinander gewesen, aber natürlich, Dietl lacht am Telefon, sei aus dem Mißfelder wenig herauszukriegen, dafür sei der zu klug.

Frage an den Politiker: Kann er überhaupt einen kritischen Satz über den Dietl-Film sagen, oder ist man dazu zu gut miteinander befreundet? »Mir hat der Film gut gefallen«, erklärt Mißfelder. Und fügt hinzu: »Reden lässt sich immer.«

In Interviews hatte der Regisseur Dietl zwischen Wahrheit und Wirklichkeit unterschieden: Ihn, den Filmemacher, interessiere ausschließlich die Wahrheit, die Wirklichkeit sei in einem Film praktisch undarstellbar, da zu undramatisch. Zeigt der Dietl-Film denn nun die Wahrheit oder die Wirklichkeit? Mißfelder: »Wohl eher die Wahrheit. Eine Satire muss den Abgrund auftun, der unter der glatten Oberfläche liegt, und das tut dieser Film.« Das Zusammenspiel von Politik und Medien sei in Zettl gut getroffen, der Effekt des gegenseitigen Hochschaukelns: ganz gleich, ob es sich dabei um die Fehlgeburt einer Bürgermeisterin handele oder um Gerüchte eines angeblich todkranken Kanzlers. Ist die Wirklichkeit so verkommen, wie Dietl sie in Zettl darstellt, oder spricht aus der Fantasie des Regisseurs nicht auch eine Sehnsucht nach den guten alten Münchner Verhältnissen der achtziger Jahre? Mißfelder: »Zu den Lastern der Politik äußere ich mich gar nicht. Ich möchte keine Nestbeschmutzung betreiben.« Und er nimmt den großen Bogen: »Der Politiker ist heute einer ständigen medialen Beobachtung ausgesetzt. Es beginnt mit dem schlechten Kommentar in der Abendzeitung, läuft nachts über Facebook und wird im Morgenfernsehen weitergesponnen.« Politiker seien daher zu einem strategischen Umgang mit den Medien gezwungen, was zu einem neuen Typus des slicken oder smarten Politikers führe, der, einem Missverständnis zufolge, oft als glatt oder unsympathisch empfunden werde: »Alle sagen immer, wir wünschen uns einen Typen wie Herbert Wehner zurück. Aber Wehner würde sich in dieser Medienwelt nicht zurechtfinden.« Der moderne Politiker habe gelernt, ständig öffentlich zu sein, ohne dabei viel von sich preiszugeben. Nachdenklicher Mißfelder: »Die vermeintlich ständige Öffentlichkeit schafft also in Wirklichkeit eine geringere Öffentlichkeit.« Ein interessantes Paradoxon – und eine denkbare komplizierte Vorlage für den Satiriker Helmut Dietl, der aus der Wirklichkeit einen grandios versauten und unterhaltsamen Film spinnen muss.

Wie bewegt Mißfelder sich durch das politische Berlin? Wo liegen seine Treffpunkte, seine Geheimadressen? Der Politiker, im Wahlkreis Recklinghausen beheimatet (»Berlin ist für mich Arbeitsstadt«), nennt die üblichen Orte, Borchardt, Café Einstein Unter den Linden, die Parlamentarische Gesellschaft am Reichstag, die Bar im Hotel de Rome: »Ich würde auch gerne öfter an anderen Orten essen. Aber vor allem ausländische Gäste bestehen auf dem Borchardt, weil sie gehört haben, dass sich dort die Filmstars treffen.« Intimität? »Die gibt’s nicht in Berlin.« Sein Büro liege Unter den Linden, zwischen russischer Botschaft und Adlon, für vertrauliche Gespräche nehme er die übliche Spaziergängerroute entlang der Spree. Feiert er gerne? »Ja.« Welches war die letzte richtige gute Party? »Der FAZ-Empfang im Hotel de Rome. Der 60. Geburtstag des stern-Kolumnisten Uli Jörges in Clärchens Ballhaus. Da hat es richtig gekracht.« Philipp Mißfelder kann immerhin zugeben, dass er sich zur Berlinale an der Bar im Borchardt einfinden wird: »Ich freue mich auf die Angelina Jolie.«

Mythos Berliner Gesellschaft. Gibt es ein Geheimnis, nach dem Helmut Dietl in Zettl vielleicht vergeblich sucht? Der Politiker ist beim Espresso angekommen, den er, weil er ein moderner Politiker ist, jetzt extra nicht bestellt. »Es gibt nicht viele Leute in Berlin, die außerhalb des politischen Betriebs wirklich arbeiten, im Vergleich zu München, Frankfurt oder Hamburg. Das ist schon ein Phänomen.« Bekannte Klage: Man müsse sich bei dieser Stadt schon fragen, wo hier eigentlich die Wertschöpfung herkomme. Aus der Kultur? Es sei eine junge Gesellschaft, vor zwanzig Jahren mit dem Umzug der Politik von Bonn nach Berlin entstanden, aber eine richtige Gesellschaft, wie man sie aus New York oder Paris kenne, wo Kunst, Politik und Medien miteinander verschmelzen, gebe es hier noch immer nicht: »Das Kulturleben, für das Berlin weltberühmt ist, hat mit der Politik wenig zu tun. Das sind zwei vollkommen getrennte Bereiche.« Es sei schwer, in dieser Stadt einen gesellschaftlichen Ehrgeiz zu entwickeln, da man bei Abendveranstaltungen auch ohne Einladung Zutritt habe: »Mir haben schon Praktikanten erzählt, auf was für ach so exklusiven Partys sie waren, auf denen sie bis zum Morgengrauen herumstanden.« Jetzt wirkt der junge Politiker – interessantes Phänomen – fast beleidigt, weil die berühmt hohe Partydichte in der Hauptstadt oft mehr provinzielle Aufgekratztheit als großstädtischen Flair produziert: »Neulich bekam ich eine Einladung von einem Industrieverband. Die sagten: Wir machen einen ganz, ganz wilden Abend im Soho House. Und ich dachte: Ah, toll. Abgesagt!« Armer Helmut Dietl.

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Halb acht im Café Einstein, Treffpunkt von Politikern und Journalisten, dem viel beschworenen »Hinterzimmer der Macht«. Mißfelder frühstückt – alles, bloß kein Weißbrot. Am Nebentisch sitzen die Kollegen Björn Sänger und Otto Fricke von der FDP, schmale Krawatten, randlose Brillen, vertieft in ein Gespräch, es sieht aus, als drehe das ZDF ein Feature über moderne Hauptstadt-Netzwerker. Erika Steinbach wird zum Tisch begleitet, draußen kreuzt die Kolonne der Feldjäger, in der Parlamentarischen Gesellschaft empfängt nun Guido Westerwelle die außenpolitischen Sprecher der Fraktionen zum Hintergrundbericht. Mißfelder: »Jetzt gehe ich arbeiten.« In etwa zehn Jahren könne man ja noch mal über Berlin sprechen. Jaja.

 
Leser-Kommentare
  1. Juhu: Deutschlands bedeutendster Intellektueller Bejamin Stuckrad vom Goldbarren hat mal wieder was gedichtet... dieses Mal ein entlarvendes Filmdrehbuch. Oh Mann, ist der vielseitig! Was der Möchtegern-Saviano für die Blubberblasenmafia altdeutscher Medieneliten auch anfasst wird stante pede ein Klassiker. Und wie dichtet der Volksmund? Fett schwimmt immer oben, Realitätsgehalt hin oder her. Erfolg in der hysterischen Medienrepublik Deutschland: Um Reichsein zu lernen, genügt eine halbe Stunde. Mundus vult decipi, oder?
    ;-)

  2. eine heiße Polit- und Presseszene herbei- und einen schwachen Film hochzujubeln.
    Am Ende zitiert der Bild-Kolumnist sich selbst und Herr Mißfelder ist mit Herrn Dietl per Du oder sind die doch nur perdu?
    Der Meister der politischen und gesellschaftlichen Satire (KirRoyal, Schtonk)? Das war vor 20 Jahren und so wirft diese Aussage noch das klarste Licht auf die Zustände hierzulande.

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  3. »Es gibt nicht viele Leute in Berlin, die außerhalb des politischen Betriebs wirklich arbeiten, im Vergleich zu München, Frankfurt oder Hamburg. Das ist schon ein Phänomen.«

    und wer bitteschön hatt ihnen gerade den espresso nicht serviert?
    richtig arbeiten...

    im rest von berlin kursieren die geschichten von dem/der politiker/gatin die wg warten(wie alle anderen) dinge wie "wissen sie denn nicht wer ich binn?" o.ä. von sich gaben
    wies weiter geht kann sich wohl jeder ausmahlen

  4. Wer Sätze absondert wie 'Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen' (keine 'Nestbeschmutzung'?) fürchtet die 'ständige mediale Beobachtung' zu Recht.

    Ansonsten - das Borchardt war vor ziemlich vielen Jahren mal einen Besuch wert, dito das Einstein (die Dependance Unter den Linden allerdings noch nie). Was u.a. an den in Berlin gastarbeitenden Politikern nebst Entourage liegt. Aber wie gut, daß die so übersichtlich ausgehen - so bleiben mehr interessante und 'intime' 'Wohnzimmer' für die tatsächlich an Berlin Interessierten.

  5. Selten liest man solch wirren Aufsatz wie hier oben.
    Achso, der Uslar. Na dann.

    • eeee
    • 05.02.2012 um 7:27 Uhr

    Typen wie Mißfelder mit welcher Kultur auch immer "verschmelzen", desto besser für ebendiese Kultur!

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    • Meryll
    • 05.02.2012 um 11:43 Uhr

    in der Tat sehr verworren, muss man sich ja richtig durchkämpfen. Aussage ist mir auch unklar bzw hab keinen Bock,zu Ende zu lesen...

  6. ... von selber das Wort 'Adabei' eingefallen, bis eben der Charakter des Autors Uslar hervortrat.

    Der es "halb lustig" findet, wenn Mißfelder, einer der viel zu vielen ach-so-gelungenen glatten Karrieristen, Arbeitslose als rauchende Säufer denunziert, an die jeder Euro mehr verschwendet sei.

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