Was ist falsch daran, ein Vorbild zu haben? Nichts, denn Vorbilder helfen Ihnen, Visionen zu entwickeln und Talente zu wecken. Entscheidend ist, wie Sie Ihr Vorbild nutzen. Allzu oft erlebe ich, dass Berufstätige ihre Vorbilder anbeten; dass sie alles tun, um ihnen ähnlicher zu werden; dass sie in Kostüme schlüpfen, die sie nicht kleiden, sondern verkleiden.

Wer einem Vorbild blind nacheifert, wird zur blassen Kopie eines Originals. Statt seinen eigenen Stil zu entwickeln, passt er sich dem Vorbild an. Statt seinen eigenen Weg zu gehen, watschelt er dem Vorbild hinterher. Statt seine eigenen Werte zu entdecken, betet er die Werte seines Vorbilds nach. Unreif ist ein solcher Umgang mit dem Vorbild, frustrierend noch dazu: Was immer die Kopie auch unternimmt, sie wird blass und unvollkommen bleiben. Wenn jemand beispielsweise als Unternehmer seinem großen Vorbild am Markt folgt, wird er – wie François Truffaut sagt – immer nur in dessen Fußstapfen treten, es aber nie überholen können. Ein Leben aus zweiter Hand – und in der zweiten Reihe!

Wer ein Vorbild sucht , sucht in Wirklichkeit kein Vorbild. Er sucht sich selbst, seine Wünsche, seine Träume, seine verborgenen Talente. Dabei kann das Vorbild ihm die Himmelsrichtung weisen. Die Entscheidung, was er tut oder lässt, liegt aber nach wie vor bei ihm. Wer sein Vorbild als Vorgabe missversteht, formt dabei nur ein Zerrbild seiner selbst. Zum Beispiel kenne ich einen Abteilungsleiter, der seinen Geschäftsführer zum Vorbild erkoren hat. Bei jedem Zweiergespräch, bei jedem Meeting studiert er dessen Auftreten. Der Geschäftsführer neigt zu Machtworten, zu autoritärem Führungsstil. Genau diese Eigenart will der Abteilungsleiter, der sich als zu weich empfindet, von seinem Chef übernehmen. Er imitiert sogar dessen Redewendungen. Das Problem ist nur: Der Stil passt nicht zu ihm. Seine Mitarbeiter nehmen ihn nicht ernst. Er ist dem Vorbild in die falsche Richtung gefolgt; zu ihm würde besser ein demokratischer Führungsstil passen.

Nicht dem Trampelpfad des Vorbilds zu folgen, sondern sich auch von ihm abzugrenzen, sich eigene Pfade zu bahnen, um eigene Stärken auszuspielen – darin besteht die Kunst. Wer einiges gezielt anders als sein Vorbild macht, macht es in vielen Fällen sogar besser!