FussballinternatDer besondere Kick

Wer auf das Fußballinternat des SC Freiburg will, braucht Ehrgeiz für Tor und Tafel.

Noch ist es leise in der Fußballschule. In der Kantine klappert jemand mit Besteck, irgendwo fällt eine Tür zu. Markus Kiefer, pädagogischer Leiter im Internat des SC Freiburg, weiß diese Momente durchaus zu schätzen. »So ist es hier nur vormittags. Wenn die Jungs aus der Schule kommen, ist hier richtig was los.«

Hier: Das ist die Rückseite des Möslestadions in Freiburg. Früher war das die Heimstätte des einstmals ruhmreichen FC, immerhin Deutscher Meister 1907. Inzwischen ist der SC, der Sportclub, die Nummer eins in der Stadt und hat auch das Stadion des alten Rivalen übernommen. Für die Amateure. Und die Jugendmannschaften, vor allem für die. Denn vor elf Jahren, als erster Verein im deutschen Fußball, hat sich der Sportclub Freiburg zum »Ausbildungsverein« erklärt: Der Club wollte sein Profiteam nicht mehr teuer auf dem gesamten Erdball zusammenkaufen, sondern, zumindest teilweise, selbst ausbilden. Dafür hat man 2001 das Möslestadion übernommen. Und an die Haupttribüne angebaut: ein Leistungszentrum mit Turnhalle, Kraftraum, Diagnostikplätzen. Und ein Internat: 16 Einzelzimmer für Spieler der A- und B-Jugend, für die es zu weit ist, täglich zum Training zu pendeln.

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Angehende Profifußballer sollten einen Plan B haben

Wer hier wohnt, guckt aus seinem Zimmer auf den Kunstrasenplatz, aus der Kantine schaut man direkt ins Stadion. Wer hier wohnt, will Profi werden. »Ist doch klar«, sagt Christopher Ludy, 18 Jahre alt, Stürmer bei der U 19, »wer das nicht will, braucht hier nicht einzuziehen.« Er ist vor zweieinhalb Jahren hier eingezogen, kam aus dem beschaulichen Pirmasens ins auch recht gemütliche Freiburg. Hätte auch München, Mainz oder Kaiserslautern werden können, viele große Clubs waren hinter dem bulligen Angreifer her. Warum es Freiburg geworden ist? »Weil die hier so viel Wert darauf legen, dass man eine vernünftige Schulausbildung bekommt«, sagt Ludy. »Meine Eltern fanden das klasse, und ehrlich gesagt: Recht haben sie ja.« Um ihn muss man sich keine Sorgen machen, Christopher Ludy macht gerade sein Abi, wahrscheinlich wird am Ende eine Eins vor dem Komma stehen.

»Duale Ausbildung« nennen sie das in Freiburg. Das soll heißen: Hier lernen die Jungs nicht nur das gepflegte Freiburger Kurzpassspiel, sondern auch für einen vernünftigen Schulabschluss. »Wir wissen schließlich, dass wir hier nicht bloß Kicker geliefert bekommen, sondern Menschen«, sagt Markus Kiefer, einer von zwei hauptamtlichen Pädagogen im Internat. Und die wenigsten von denen werden mal in der Bundesliga spielen. »Wenn es zwei pro Jahrgang in den Profikader schaffen, dann ist das schon gigantisch«, sagt Kiefer. Wie der SC Freiburg seine Spieler ausbildet, gilt als Blaupause für perfekte Jugendarbeit. Denn da ist nicht nur das moderne Leistungszentrum, da ist auch ein enger Kontakt mit den Eltern der Jungs, die permanent auf dem Laufenden gehalten werden über deren Entwicklung. Und eine engmaschige Zusammenarbeit mit den Freiburger Partnerschulen.

Dafür gibt es zum Beispiel Dominik Wohlfahrt. Der war Torwart bei den Freiburger Amateuren und trainiert nachmittags die Keeper des Clubs. Morgens aber ist der 33-Jährige Lehrer für Sport und Englisch am Rotteck-Gymnasium. Und somit das Bindeglied zwischen Verein und Schule. Er steht in permanentem Austausch mit den Lehrern an der Schule und den Trainern der Jungs. Deshalb hat er einen ziemlich guten Überblick über den Stand der Leistungen, schulisch wie sportlich. »Klar steht Fußball bei den Jungs ganz weit oben in der Prioritätenliste«, sagt Wohlfahrt, »aber die meisten haben längst kapiert, wie wichtig Schule für sie ist.« Das schulen sie in Freiburg aber auch, den Blick über den nicht sehr hohen Tellerrand. Langfristig ein Leben für und vom Profifußball planen, kann im Ernst niemand, der gerade mal 16 oder 17 ist. Dafür gibt es zu viele Unwägbarkeiten. Was ist, wenn dreimal das Kreuzband reißt? Wenn man in ein permanentes Formtief rutscht? Wenn man von einem Trainer plötzlich nicht mehr gewollt ist? Dann sollte man als junger Kicker besser einen Plan B in der Tasche haben. Oder zumindest das Abschlusszeugnis einer Schule.

Aber weil der SC Freiburg gute Fußballer haben will, greift er auch in den Lehrplan ein. »Wir haben vor ein paar Jahren gegen Cottbus gespielt, im Jugendpokal«, sagt Markus Kiefer, »der Kapitän der Cottbusser hat erzählt, dass er bis zu zwölf Mal in der Woche trainiert. Unser Kapitän kam damals auf vier bis fünf Einheiten.« Also hat der SC erwirkt, dass die Jugendspieler dienstags und donnerstags vormittags für zwei Stunden vom Unterricht befreit werden, um trainieren zu können. Den Stoff müssen sie natürlich nacharbeiten.

Ein Teil der Arbeit von Dominik Wohlfahrt besteht darin, bei den Mitschülern um Verständnis dafür zu werben. »Manche haben schon im Kopf, dass den SClern eine Extrawurst gebraten wird«, sagt Wohlfahrt, »stimmt ja auch. Aber die liegen nicht faul im Bett rum, sondern betreiben auch einen Riesenaufwand für den Fußball.« Letztlich ist die Akzeptanz für die Spieler in der Klasse recht groß, sagt Wohlfahrt: »Das schmückt ja auch, wenn man einen Jugendnationalspieler neben sich sitzen hat.« Und die müssen sich gut benehmen. »Ich sage den Jungs am Anfang des Jahres: Ihr müsst besser sein als die anderen«, sagt Wohlfahrt, »ihr müsst Vorbild sein, ihr steht für den Verein, für das Konzept – mir darf nichts Negatives zu Ohren kommen.«

Leserkommentare
  1. mit denen, die es nicht schaffen? Würde gerne mal eine Aufstellung sehen, was mit dem Jahrgang -sagen wir mal- 2005 passiert ist. Wer spielt wo, in welcher Liga? Wer spielt gar nicht mehr? Wer studiert, arbeitet?

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