Schulgründung : Hurra, hurra, die Schule steht!

Wer eine private gründet, braucht Ausdauer und Idealismus. Ein Lehrstück aus Mecklenburg-Vorpommern

Im verwunschenen Dorf Bröbberow an der Beke, zwischen reetgedecktem Fachwerk und weiten Feldern, liegt die Zwergenschule, ein verwittertes Backsteinhäuschen mit grünen Fensterläden. Nur dreizehn Kinder besuchen sie, und über viele Monate hinweg war ungewiss, ob es überhaupt eine Schule geben würde in dem kleinen Dorf. Denn in der großen Stadt gibt es Leute (jedenfalls glauben sie das in Bröbberow), die nicht möchten, dass es in verwunschenen Dörfern Zwergschulen gibt.

Katharina Drewes kann davon ein langes Lied singen, sie hat die Freie Grundschule Bröbberow, etwa 20 Kilometer südlich von Rostock , zum Schulbeginn 2011 gegründet – zwei Lehrerinnen, zwei Jahrgänge, gemeinsam unterrichtet in einem Klassenzimmer. "Die Klassen an vielen staatlichen Schulen sind zu groß und die Lehrer überaltert", sagt die 30-Jährige, die zuletzt an einer Grundschule in Rostock gearbeitet hat. Dort habe sie sich oft allein gelassen und überfordert gefühlt mit einer Handvoll verhaltensauffälliger Schüler. "Das hat mir den Rest gegeben", sagt Drewes, eine schmale Frau mit kinnlangem, blondem Haar. Sie wollte etwas Überschaubares, eine Schule, an der Lehrer noch Zeit haben, sich ihren Schülern zu widmen – ihre eigene Schule.

Damit ist sie nicht allein, der Anteil privater Schulen in Deutschland steigt ständig. 2010 waren es knapp neun Prozent, das ist zwar wenig im internationalen Vergleich, aber doppelt so viel wie Anfang der 1980er Jahre. Im Schuljahr 2010/11 kamen etwa 170 neue allgemeinbildende Privatschulen hinzu. Das Spektrum reicht von kleinen Waldorf- und Montessorischulen über bundesweit aktive Träger wie die Phorms Management AG bis zu den evangelischen und katholischen Schulen, die rund die Hälfte aller Privaten ausmachen.

Hinter Katharina Drewes steht keine Kirche, kein Bildungskonzern, nicht einmal eine Elterninitiative. Sie gründete die Schule gemeinsam mit ihrem Mann, der als Versicherungsmakler arbeitet, und ihrem Bruder, einem Sonderpädagogen.

Das Grundgesetz gewährt jedem Bürger das Recht, Privatschulen zu eröffnen. Unter drei Bedingungen: Die Ausbildung darf nicht schlechter sein als an staatlichen Schulen. Die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrer muss gesichert und das Schulgeld muss sozialverträglich bemessen sein.

In der Praxis bedeutet das, dass das jeweilige Kultusministerium das Konzept des Trägers gemäß den Landesgesetzen prüft, bevor es die Gründung genehmigt – oftmals ein Hindernislauf. In Drewes’ Fall dauerte er anderthalb Jahre, und sie sagt, sie sei dabei ziemlich viel im Kreis gerannt. Wenn sie auf ihre Erfahrungen mit der Schweriner Ministerialbürokratie zu sprechen kommt, zieht sie den linken Mundwinkel hoch und schaut drein, als berichte sie von einem störrischen Schüler, der keine Ruhe gibt. Dann sagt sie Sätze wie: "Ich glaube, dass Privatschulen in Mecklenburg-Vorpommern politisch nicht erwünscht sind."

Nie, sagt Drewes, sei das Ministerium zufrieden gewesen mit den eingereichten Unterlagen. Um das Vorhaben infrage zu stellen, habe es noch die kleinste Lücke im Antrag genutzt. Der war tatsächlich in mancher Hinsicht unvollständig, wie sie selbst einräumt. Anfangs war das pädagogische Konzept theoretisch nicht genügend ausgearbeitet, zudem fehlte eine gesicherte Finanzierung. Man kann es auch so sagen: Katharina Drewes hatte einen Traum; das Ministerium wollte Rahmenpläne.

Die Schule könnte junge Eltern davon abhalten, in die Stadt zu flüchten

Barb Neumann, Vizepräsidentin des Verbands Deutscher Privatschulen (VDP), sagt, eine gründliche Prüfung neuer Privatschulen sei grundsätzlich nötig – nicht immer seien Geschäftsmodell oder pädagogischer Ansatz durchdacht genug, um in der Praxis zu bestehen. Eine Grundschule in freier Trägerschaft zu gründen ist allerdings besonders schwierig. Das Grundgesetz erlaubt sie – mit Ausnahmen – nur, wenn ein "besonderes pädagogisches Interesse" besteht. In der Praxis bedeutet das: Die Schulen brauchen einen neuartigen Lehransatz, den zumindest regional keine andere Schule verfolgt. "Diese Auflage ist so weich wie ein Wattebausch", klagt Neumann. Solle eine Schule aus politischen Gründen verhindert werden, lasse sich immer irgendein Makel im pädagogischen Konzept finden.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Schön, dass es heute noch solche Schulen gibt!

In meiner Heimat gab es früher bis in die 70er viele solcher Schulen auf den Dörfern, die Zwergenschulen konnten zu Fuß erreicht werden und die Klassen wurden teilweise gemeinsam unterrichtet. Ältere haben mit Jüngeren Gedichte aufgesagt, es wurde exzellent gerechnet und täglich stand ein Diktat auf dem Stundenplan. Ich kenne keine Person, welche deshalb irgendwie ungebildet sein würde. Da wurde noch ordentliche Schularbeit geleistet und das Gelernte immmer wieder eifrig wiederholt, sodass diese Menschen im Rechnen, Schreiben und Lesen sehr geübt sind, zudem kennen Sie sich dank Heimat - und Sozialkunde bestens in ihrer Umgebung und Region aus und können noch im praktischen Alltag immer wieder Teile ihres Wissens abrufen und nützlich einsetzen. Ich kenne noch viele Personen, welche auf solche Zwergenschulen in ihren Kinderjahren gegangen sind und denen dadurch ein unglaublich stabiles Fundament an Bildung, Tugend wie Lerneifer und Umgang mit Mensch und Umwelt in frühen Jahren ihres Lebens verantwortungsbewusst beigebracht wurde. Hoffentlich orientieren sich die Schulmeister dieser mecklenburgischen Schule an diesen vergangen Idealen, denn diese Art von Schulung und Lehre ist erfahrungsgemäß eindeutig besser und hilfreicher.

Schule für Zwerge mit Zwergenlehrern u. Zwergengehältern?

Niemand kannte damals zu Ihrer Zeit "Zwergenschulen". Jedoch wusste noch jeder Bundesbürger, was eine ZWERGSCHULE ist.

Der Frage in Kommentar 1 schließe ich mich an und bitte die ZEITRed. zu klären, ob diese beschriebene Mini-Schule so heißt oder ob damit der Status einer ZWERGSCHULE (einzügige Kleinschule, Dorfschule) gemeint ist.
Vielleicht hat man in MVP eine andere Nomenklatur?

Erschreckend

Also, so interessant und unterstützenswert die Idee und das Konzept sind: Die Zahlen sind erschreckend!
Wie sollen denn mit 4630 EUR/Monat zwei Lehrer und das Gebäude mit Nebenkosten bezahlt werden?
Und das ist der Zustand nach 3-6 Jahren.
Da braucht es viel Idealismus.
Ich wünsche Durchhaltevermögen und drücke die Daumen.

Ein Grund zur Freude!

"Das Grundgesetz gewährt jedem Bürger das Recht, Privatschulen zu eröffnen. Unter drei Bedingungen: Die Ausbildung darf nicht schlechter sein als an staatlichen Schulen. Die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrer muss gesichert und das Schulgeld muss sozialverträglich bemessen sein."

Ein Grund zur Freude?

Hier mal ein link:

http://www.endstation-rec...

und daraus:

"Seit einigen Jahren sind Strukturen einer rechtsextremen Siedlungsbewegung in Mecklenburg-Vorpommern unübersehbar geworden. Vor allem im westlichen Teil und in der Mitte des Bundeslandes haben sich Familien niedergelassen, um eine naturorientierte, ökologische Lebensweise auszuleben."

Nochmal das Eingangszitat:

"Das Grundgesetz gewährt jedem Bürger das Recht, Privatschulen zu eröffnen. Unter drei Bedingungen: Die Ausbildung darf nicht schlechter sein als an staatlichen Schulen. Die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrer muss gesichert und das Schulgeld muss sozialverträglich bemessen sein.

Was aber nun, wenn "braune Ökologen" eine Dorfschule in MV gründen wollen?

Da muß man aufpassen

"Was aber nun, wenn "braune Ökologen" eine Dorfschule in MV gründen wollen?"

Dann haben wir ein Problem. Aber die Lösung kann nicht heißen, deswegen überhaupt keine Privatschulen mehr zu genehmigen.

Immhin müssen die privaten Schulträger ein päd. Konzept vorlegen - und das muß Verfassungskonform sein. Und wenn dieses Konzept später nicht so umgesetzt wird, kann die Genehmigung auch wieder entzogen werden. Das was in dem Link beschrieben wird ist allerdings sehr bedenklich und für mich neu.

Konkurrenz

Hallo Keibe,
.
es ist in der Tat bedenklich, worauf Sie da hinweisen. Aber es gibt eben auch einen ganz anderen Grund, Privatschulen zu verhindern: viele der öffentlichen Schulen sind miserabel - und wenn deshalb bestimmte Schüler zu Privatschulen streben, werden die öffentlichen eben noch miserabler.
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Ja, und weil man die öffentlichen nicht verbessern will, verbietet man eben die Konkurrenz.