Man backe jetzt kleinere Brötchen, sagt Hartmut Ferenschild, Leiter der Internatsberatung der Vereinigung Deutscher Landerziehungheime (LEH). Kein Internat könne mehr sagen: Schau mal her, wie toll wir sind. »Wir müssen uns unseren Ruf erst wieder erarbeiten.«

Zwei schwierige Jahre liegen hinter den deutschen Internaten. Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule wirft noch immer seinen Schatten auf die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime, die einst so stolz war, die reformpädagogische Vorzeige-Institution zu ihren Mitgliedern zu zählen. Die Zeiten sind vorbei. Deutschlands größter und traditionsreichster Internateverbund steckt in einer Dauerkrise. Das Internat Schloss Salem erklärte Anfang Oktober seinen Austritt . Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sei innerhalb des LEH-Verbundes nicht konsequent genug geschehen, hieß es als Begründung. Es fehle der Wille, den Zusammenhang zwischen Missbrauch und Reformpädagogik endlich selbstkritisch zu hinterfragen. Eine schallende Ohrfeige war das für alle, die glaubten, geschätzte 400 bis 500 Missbrauchsopfer könnten einer über Jahrzehnte nicht hinterfragten Ideologie nichts anhaben. Auch vier bayerische Internate verließen den LEH-Verbund. Die Odenwaldschule kam mit ihrem Austritt gerade noch einem Ausschluss zuvor.

15 von einst 21 Internaten sind nun noch geblieben. Nichts ist mehr wie früher, alles steht zur Disposition. Die weitere Existenz des Verbundes, der Name »Landerziehungsheime«, der Umgang mit der eigenen Geschichte, mit alten Ikonen wie Hermann Lietz, dem Begründer der Landerziehungsbewegung, einem »antisemitischen Chauvinisten«, wie ihn der Bildungsforscher Jürgen Oelkers nannte – und Gerold Becker , dem Haupttäter im Missbrauchsskandal der Odenwaldschule. Bis 1999 hatte er den Vorsitz der LEH-Vereinigung inne. Er starb 2010, ohne jemals für seine Taten zur Verantwortung gezogen worden zu sein. Ein Moratorium soll nun aus der Sprachlosigkeit, der Handlungsunfähigkeit retten. Bis Ende April wollen die LEH-Internate überlegen, wie und ob es überhaupt weitergehen wird. »Ich glaube nicht, dass es zu einer Auflösung der Vereinigung kommen wird, dafür ist die Bewegung viel zu stark nach vorn gerichtet«, sagt die LEH-Vorsitzende Erika Risse.

Aber es müssten nun endlich die Fragen gestellt werden, die schon vor zwei Jahren auf die Agenda gehört hätten, sagt Hartmut Ferenschild. »Es reicht nicht, die Missbrauchskatastrophe als kriminelle Verirrung Einzelner abzuhandeln, ohne nach möglichen Zusammenhängen mit den Ideen reformpädagogischer Internate zu suchen.« Es werde Zeit, die »pädagogische Mystifikation« zu beenden. Die Einheit von Leben und Lernen, die tragende Säule der LEH-Philosophie, impliziere ein Symbiose-Risiko für Pädagogen und Kinder, das für beide schnell zur Überforderung werden könne.

Doch nicht nur die Diskussion über Nähe und Distanz ist zu lange verschleppt worden. Für Ferenschild geht es jetzt, da die Existenz und das Image der reformpädagogischen Internate so stark gefährdet und beschädigt sind wie nie zuvor, auch um die Frage: Was haben Internate überhaupt noch zu bieten? »Es wurde immer nur Gemeinschaft gestiftet, Wert auf soziale Kompetenz gelegt, der Unterricht und das Lernen aber wurden und werden viel zu sehr vernachlässigt.« Dass man die offene Auseinandersetzung über die schulische Qualität der Internate mindestens genauso scheut wie die Frage, ob die bisher praktizierte Beziehungskultur zwischen Kindern und Pädagogen noch zeitgemäß ist, liegt auf der Hand. Eltern bezahlen schließlich auch deshalb im Schnitt 2500 Euro im Monat für einen Platz in den Landerziehungsheimen, weil man ihnen dort nicht selten das Versprechen gibt, auch ein schwieriges Kind bis zum Abitur zu führen. Die Frage, zu welchen schulischen Leistungen die Reformpädagogik nun eigentlich geführt habe, sei so nie gestellt worden, räumt Erika Risse ein. Vielleicht, sagt sie, sei man aber auch so sehr auf die Beziehungsebene gepolt gewesen, dass man die Qualität des Unterrichts zu stark ausgeblendet habe. Wie so vieles.

Unterdessen gehen die Schülerzahlen an den Internaten weiter zurück. Genaues gibt man ungern preis. Der Aderlass sei weniger schlimm, als nach der Missbrauchsdebatte erwartet, heißt es. Trotzdem legen Eltern seit Jahren ihr Vermögen lieber in englischen Internaten an. Deutsche Internate litten außerdem unter dem Ausbau staatlicher Ganztagsschulen, sagt Hartmut Ferenschild. Auch er wird die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime bald verlassen – und in Zukunft anderswo um Internatsschüler werben: auf Schloss Salem am Bodensee .