Werbebranche : Die sind doch nicht blöd

Werbefirmen kämpfen um Nachwuchstalente. Geringe Einstiegslöhne und lange Arbeitszeiten schrecken ab.

Schicke Anzüge, kreative Höhenflüge, üppige Gehaltserhöhungen, ordentliche Drinks und jede Menge Partys mit schönen Frauen – in der US-amerikanischen Fernsehserie Mad Men ist die Welt der Werbung glamourös und hip. Jahrelang galt das auch hierzulande, und die Agenturen konnten sich vor jungen Talenten kaum retten. Bekannte Firmen wie Scholz & Friends bekommen auch heute noch 40 bis 60 Bewerbungen auf eine ausgeschriebene Stelle.

Davon können andere Agenturen nur träumen. Die Werbewirtschaft, in der bundesweit rund 550.000 Menschen arbeiten, macht plötzlich Erfahrungen, die bisher eher für den Ingenieurs- oder Informatikerberuf galten. Sie sucht dringend Nachwuchs. »Die Talente wachsen nicht mehr auf den Bäumen«, sagt Sandra Seedorf, 34, von der Personalabteilung der Hamburger Filiale der Werbeagentur Draftfcb.

Die Zahlen belegen das. Laut einer Arbeitsmarktanalyse des Zentralverbands der Deutschen Werbewirtschaft (ZAW) erhöhte sich die Zahl der Stellenangebote in der Branche von 2009 auf 2010 um rund 40 Prozent, im ersten Halbjahr 2011 noch mal um sieben Prozent. Auch bei der Bundesagentur für Arbeit waren im August 2011 mit 12055 freien Stellen für Werbefachleute knapp 25 Prozent mehr gemeldet als im gleichen Monat des Vorjahrs. »Es fehlen vor allem Werbetexter, Fachleute für strategische Planung und Spezialisten für interaktive und digitale Medien«, sagt Mirco Hecker vom Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA).

»50 Wochenstunden sind normal«

Mit dem Internet haben sich in den letzten Jahren ganz neue Werbeformen und Anforderungen und damit völlig neue Berufe für Werber entwickelt, die nun dazu beitragen, dass die Nachfrage in der Branche steigt. Nils Nesselmann zum Beispiel ist Corporate Blogger. Nach seinem Informationsmanagement-Studium und einem PR-Volontariat arbeitet er nun seit knapp zwei Jahren in der Münchener Agentur Webguerillas, die sich auf alternative Werbeformen spezialisiert hat. Der 30-Jährige kümmert sich um Unternehmens-Blogs. Das heißt, er führt im Auftrag des Kunden zu bestimmten Themen oder Produkten eine Art Tagebuch. Auch in anderen Blogs bringt er sich, im Namen des Unternehmens, mit Kommentaren ein und versucht so im Sinne des Kunden Diskussionen anzustoßen. »Es geht darum, dem Unternehmen ein Gesicht zu geben, indem wir Inhalte suchen und diese so interessant aufbereiten, dass sich die Menschen damit identifizieren«, sagt Nesselmann. Statt seiner Zielgruppe eine Werbebotschaft vorzusetzen, bezieht der Corporate Blogger diese also mit ein und will mit ihnen über das Produkt ins Gespräch kommen.

Auch die Kollegen von Nils Nesselmann haben Berufe, die es bis vor einigen Jahren noch gar nicht gab. Der Seeding-Spezialist zum Beispiel kümmert sich bei den Webguerillas darum, dass Werbebotschaften durch Soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ verbreitet werden. Der Channel Planner wiederum überlegt sich, über welche Onlinekanäle die Zielgruppe am besten erreicht wird. Und der Social Media Manager gestaltet und steuert den Auftritt von Firmen in Sozialen Netzwerken, Informationsdiensten oder auf Videoportalen.

Der Kampf um die Talente ist auch in der alternativen Werbung zu spüren. »Passenden Nachwuchs gibt es relativ selten«, sagt David Eicher, einer der Geschäftsführer bei den Webguerillas. Er rekrutiert seine Spezialisten meist aus Praktika.

Mirco Hecker vom GWA ist auf Jobmessen und in Universitäten unterwegs, um Studenten von der Werbebranche zu überzeugen. Auch er sagt: »Die wirklich guten Leute entscheiden sich heute oft für andere Jobs.« So haben die Werbeagenturen in den letzten Jahren verstärkt Konkurrenz von Unternehmen bekommen, die Werbefachleute für ihre Kommunikation suchen und meist besser zahlen.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Es ist wie jedes mal

Immer wird angegeben wie gut man aufgestellt ist aber wenn es um Nachwuchskräfte geht fallen alle aus allen Wolken warum denn plötzlich keiner mehr nachkommt. Kleiner Tip. Wie überall hilft auch hier nachhaltiges Verhalten indem man nicht erst fragt wo sind sie denn, wenn man gerade jemanden sucht sondern schon frühzeitig entsprechend kooperiert mit Schulen und Unis etc., mehr bezahlt und nicht zuletzt familienfreundlicher wird. Wenn jemand in Deutschland was lernt dann richtig aber bis es so weit ist dauert es oft Jahrzehnte... naja. Ich sag nur Servicewüste...

Selbst Schuld

Keine Leute ausgebildet, Praktikanten bis zu einem Jahr hingehalten - da müssen die sich nicht wundern. Außerdem ist die Branche wie kaum eine andere auf Freelancing eingestellt. Viele Auftragnehmer sind Einzelkämpfer, Arbeiten in Agenturen ist verpönt. Abgesehen davon werden in vielen Büros seltsame Aufträge ausgeführt: solche, mit denen sich niemand identifizieren kann, die über korrumptive Kanäle gekommen sind. In meiner Branche (Tourismus)werden z.B. Websites gemacht für viel Geld, die dann zuerst noch aktuell sind, aber da sie aus Fördermitteln finanziert wurden, kann sie niemand pflegen und aktuell halten. Nach einigen Jahren sind sie "Schrott", unsicher in der Technik und mit lauter fehlerhaften Informationen gespickt. Dafür würde ich meinen Namen nicht hergeben!

Wo arbeiten sie den?

@ 12
Ist ernst gemeint!
Ich kenne kaum Leute, die in der IT-Branche so wenig verdienen, die 2k pro Monat das verdient ein halbwegsbrauchbarer ITler NETTO und net Brutto!
Ich fange bald als Student bei einer Bank in der IT-Abteilung an, da zahlen sie mir für 10Std pro Woche schon 1k NETTO. In den Ferien kann ich dann sogar über 2k pro Monat verdienen.
Ein sehr guter Freund von mir hat jetzt vor 2 Monaten (direkt nach dem Studium) bei einem Unternehmen angefangen und sie zahlen direkt fast 40k (Brutto p.a) im Endeffekt bleiben bei ihm ca. 2.000+ NETTO in der Tasche. Es handelt sich um ein absolutes Einstiegsgehalt in der Firma. Wenn man ca. 5 Jahre da ist, dann knackt man auch locker die 60-65k/p.a
Sein direkter Vorgesetzter ist jetzt ca. 3 Jahre da, hat unter sich ca. 10 Leute und bekommt fast 70k. Frage mich echt immer wieder woher die Leute so schlechtbezahlte Jobs haben, kann mir nur damit erklären, dass es irgendwo an der eigene Schuld liegt.