Schweizer Architekten Denker außer Dienst
Architekten gehören zu den schärfsten Kritikern der "Hüsli-Schweiz". Doch die Raumplanung überlassen sie lieber anderen.
Im Zeichnungssaal des Siebziger-Jahre-Baus der ETH Hönggerberg herrscht Chaos. Weiße und hellblaue Styroporreste bedecken den Boden, auf den Tischen stehen Brückenmodelle aus Balsaholz, die sich über mehr oder minder kunstvoll bemalte Pappmaché-Tobel schwingen. Die Erstsemester sind im Abgabestress, bald beäugen Experten ihr Schaffen, entscheiden darüber, ob ihr Traum in Erfüllung geht – kraft ihrer Intuition und Introspektion irgendwann den großartigen Wurf zu landen, der ihnen den Platz im Architektur-Olymp sichert.
Das Architekturdepartement der ETH genießt Weltruhm. Abgänger der Zürcher Schule sind gefragt, man findet sie in allen großen Architekturbüros. Bauten von Herzog & de Meuron, Gigon/Guyer, Valerio Olgiati, Marcel Meili oder Roger Diener sind Exportschlager designed in Switzerland. Und wo die Großmeister bauen, ist die Medienmeute. In den schönsten Farben und Formen glänzen und strahlen später ihre Werke in den Branchenblättern und Feuilletons.
Allein bei der wichtigsten aller Aufgaben hat die Schweizer Architektenelite versagt: Es gelang ihr nicht, einen Ansatz von Ordnung, eine Struktur in den Schweizer Siedlungsbrei zu bringen, der sich durchs Mittelland ergießt.
Zwar gehören sie zu den schärfsten Kritikern dieser Hüsli-Schweiz. Doch einen sachlichen Umgang mit ihr haben sie nie gefunden. Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu beäugen sie die Agglomeration, die so gar nicht ihren ästhetischen Idealen entspricht – aber die Wohnrealität der meisten ihrer Landsleute ist. Klar, es gab Ausnahmen. Da erschien 2005 die Publikation Die Schweiz – ein städtebauliches Porträt des ETH Studios Basel. Und vor Jahresfrist präsentierte eine jüngere Garde Zürcher Architekten namens »Gruppe Krokodil« ihre Idee einer neuen Mega-Stadt im Glatttal – vom Flughafen über Dübendorf bis nach Uster.
Die Architekten verdrängen ihre eigene Machtlosigkeit
Doch sieben Jahre nach Publikation des städtebaulichen Porträts bleibt davon nicht viel mehr als ein wütendes Mantra übrig: Föderalismus und Gemeindeautonomie sind der Ursprung allen Übels; der Schweizer ist ein Anti-Städter; wir brauchen radikale Visionen. Es ist dasselbe Zeter und Mordio, welches vor 60 Jahren bereits die ersten Schweizer Einfamilienhaus-Stürmer, Max Frisch, Markus Kutter und Lucius Burckhardt, vollführten – gebracht hat es nichts, der Landfraß schreitet ungebremst voran, jede Sekunde wird ein Quadratmeter Schweiz überbaut. Und die visionäre Glatttalstadt ähnelt in frappanter Weise der Neustadt-Utopie, die Frisch, Kutter, Burckhardt in ihrer Streitschrift achtung: die schweiz von 1955 skizzierten.
Wie kommt es also, dass die Schweizer Architekten jahrzehntealten, untauglichen Ideen aufsitzen, sie als Lösungen verkaufen – und dafür erst noch Gehör finden?
»Architekten meinen, sie könnten die Welt auf neue Grundlagen stellen«, sagt der Städtebauhistoriker Angelus Eisinger, Professor an der HafenCity Universität Hamburg, in seinem Zürcher Mansardenbüro. Ihr Selbstverständnis sei stark durch die Vorstellung vom Künstler als Genie geprägt, die im 19. Jahrhundert entstand. Doch komme ihnen zugute, dass sie in der Lage seien, Komplexes einfach auszudrücken: »In einem Plan einer neuen Stadt werden sehr viel Dinge auf den Punkt gebracht, sonst könnte man die Stadt gar nicht bauen.«
Nun ist der naive Glaube an den idealen Plan das eine. Das andere ist, was in der Zwischenzeit mit der Landschaft geschah: Sie wurde weiter zersiedelt. Kein Architekt konnte dies aufhalten. Doch anstatt diese Machtlosigkeit einzugestehen, aus ihr Schlüsse für das eigene Tun, die Arbeit zu ziehen, wird sie verdrängt.
Am Kaffeetisch an der ETH mit Annette Spiro. »Die Trennung von Architektur und Planung ist falsch«, sagt die Professorin am Architekturdepartement. Wie alle Professoren betreibt sie daneben noch ein eigenes Büro. Wer lehrt, der baut – das ist das Erfolgsmodell der Hochschule.
Spiro, zurückhaltend im Auftritt, ist keine Schwätzerin wie mancher ihrer Berufskollegen. Trotzdem glaubt auch sie an die Einzigartigkeit ihrer Profession. »Es gibt kaum einen Beruf, bei dem Fachwissen so infrage gestellt wird wie beim unsrigen. Unsere Disziplin wird oft nicht ernst genommen«, sagt Spiro. Politiker, Bauherren, Investoren fänden es sowieso viel bequemer, wenn keine Architekten dabei seien. »Wir sind die Störenfriede. Man will uns gar nicht. Man sagt: Architekt, bleib wo du bist, beim Entwurf, beim Design.«
Ließe man sie, die Architekten, nur machen, gäbe man ihnen mehr Zeit – dann, sagt Annette Spiro, sähe die Schweiz anders aus. Besser. Selbst wenn die Welt immer komplizierter würde: »Die architektonischen Fragen bleiben immer dieselben.« Man stutzt. Welche andere Disziplin würde behaupten, ihre Fragen änderten sich nicht?
Doch der Architekt ist kein Suchender, kein Forschender, sondern ein Wissender. »Es gibt in der Architektur keine Wirkungsforschung«, sagt Angelus Eisinger. Was funktioniert, was nicht – und weshalb? Niemand stellt diese Fragen. »Architekten interessieren sich für das Bild, die Komposition und ihre Intention – aber der konkrete Alltag spielt für sie keine Rolle«, sagt Eisinger.
Das hat seinen Preis. Die Architekten, allen voran die Stars unter ihnen, werden zu Hofnarren: hoher Unterhaltungsfaktor, viel Publicity, kaum Einfluss.
Einer, der sich für einen anderen Weg entschieden hat, ist Pierre Feddersen. »Der große Maßstab war mir immer wichtiger als der perfekte Fensterrahmen.« Und dies zu einer Zeit, als man noch sagte: Architekten, die nichts können, werden Planer.
Feddersens Name ist nur Insidern bekannt, sein Tun betrifft täglich Hunderttausende. Mit seinem Büropartner Rainer Klostermann gehört er zu den wichtigsten Masterplanern der Schweiz. Die Brachen in Lausanne-West, die Vororte im Norden und Süden Luzerns, das Gäu im Kanton Solothurn, durchschnitten von Autobahnen und Bahnlinien, gespickt mit Logistikzentren – diese Unorte sind sein Terrain.
»Die Aufgaben haben einen Schwierigkeitsgrad, dem viele nicht gewachsen sind«, sagt Feddersen, als man ihn in seinem Hinterhof-Büro am Zürcher Neumarkt fragt, weshalb sich nur so wenige Architekten für Planung begeistern. Die Architekten befassten sich zu wenig mit ihrem Umfeld, sagt Pierre Feddersen: »Wenn ein Objekt gut aussieht, ist die Welt eben nicht gerettet.«
Ja, die Realität ist verflixt kompliziert. Wer den Raum gestalten will, muss mehr tun, als den Inhalt die angemessene Form finden zu lassen, wie Annette Spiro ihre Arbeit definiert.
Feddersen klappt seinen silbernen Apple-Laptop auf, greift sich einen Füllfederhalter und einen karierten Notizblock – und beginnt zu zeichnen. Eine Karte der Agglomeration im Westen von Lausanne. Dort entspringt aus der Vorstadt-Wüste neues Leben. Zuerst der See, die Orte, die Bäche, die Wälder, dann die Straßen. Die ersten Ideen wirken wie hingeworfen, es sind keine Pläne, nur Skizzen. »Sie können noch leben«, sagt Feddersen. Sich entwickeln. Jeder sieht darin, was er sehen will: der Investor, der Politiker, der Bewohner.
Auf den Entwurf aber folgt die Realität, die Knochenarbeit. Feddersen weiß: Wer Straßen plant, muss die Tiefbauer verstehen. Wer Tramlinien zieht, muss eine Ahnung von Verkehrsplanung haben. Wer Gemeinden dazu bewegen will, über ihre Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten, muss das Faible besitzen, eine Idee in einem politischen Prozess zu verteidigen, der auf Konsens programmiert ist – der also alles Herausragende kappen will. Kurzum: Architekten wie Feddersen brauchen mehr als gestalterische Geistesblitze.
An den Hochschulen aber wird dies nicht gelehrt. Hier studiert, wie Annette Spiro sagt, wer gern etwas eine Form gibt. Nur: Wollen die Architekten die Schweiz in Zukunft stärker prägen, müssen sie vermehrt ans Ganze denken. Doch dafür müsste der eine oder andere wohl auch seinen Traum von Switzerland´s next Jacques-Herzog begraben – und sich stattdessen der Planung widmen.
- Datum 06.02.2012 - 12:27 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 2.2.2012 Nr. 06
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









wir aber auch. Bei uns fängt der Zersiedlungsmist wie in den USA auch schon an. Kürzlich nach 4 Jahren USA in Butzbach (Hessen) geworden. Die gleichen dummen Kettenrestaurants für die Billigheimer, die gleichen häßlichen Bausünden wie in Amerika. Innenstädte sterben aus. Wir sollten nicht auf die Schweizer schauen, lieber bei uns etwas ästhetische rbauen!
Wie immer wird auch hier die Zusammenarbeit mit den Stadt- und Regionalplanern vernachlässigt. Wer ein sauber ins Stadtbild passendes Haus entwirft, kommt in der Uni auf keinen grünen Zweig, es werden spektakuläre, individuell hervorstechende Formen nach einem stark skulpturalen Ansatz verlangt. Es wird sich viel getraut, leider oft nicht mehr das bewährte, aus Angst vor dem Vorwurf des Historismus. Hart müssen die meisten Architekten im Beruf dann lernen, dass die Welt nicht aussieht wie ein Architekturmagazin.
Der Architekt hat die Verantwortung für seinen Baustein des Gesamtbilds und dessen Integration, die Stadtplaner haben den Auftrag, dieses Gesamtbild zu überwachen und Neuzugänge dementsprechend zu kontrollieren.
Dieses Gesamtbild muss nicht rückwärtsgewandt sein, sondern soll sich natürlich wandeln können. Was für Auswüchse die auf Papier trainierten Architekten dann allerdings manchmal produzieren, wenn sie in die Bredouille zwischen ihrer Ausbildung und dem realen Anspruch geraten, zeugt von einem falschen Ansatz in der Lehre.
Architekten sollten eben nicht planen. Das waren die großen Fehler, deren schrecklichen Auswirkungen man vor allem in Deutschland zwischen den 50ern und 70ern gesehen hat. Daher ist es nur folgerichtig gewesen, dass man an den Hochschulen spezielle Planungsstudiengänge aufbaute und erweiterte. Natürlich wäre es auch hilfreich, wenn Architekten mal einen Schnupperkurs in Stadtsoziologie erhalten, um festzustellen, dass in ihren Gebäuden später auch mal Menschen leben sollen und ihr Bauwerk nicht für sich alleine steht, sondern ein kleines Teil des großen Ganzen ist. Aber für eine Planung, speziell mit regionalem Ausmaße, reicht das engstirnige Fachwissen, welches Architekten als ihr Heiligtum hochhalten, nicht aus und kein Mensch kann alles können.
Frau Spiro bestätigt mit ihrer eingeschnappten ("Wir Architekten sind ja so einzigartig, wichtig und sowieso die besseren Menschen, aber irgendwie mag uns niemand") Art genau das, was man heute in Architektenbüros vorfindet. Selbstverständlich nicht nur! Aber ein gewisser Menschenschlag steht dort in einer ungewöhnlichen Breite, die man glücklicherweise anderswo vergeblich sucht.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren