Dort draußen, in der Welt, in der alles superglatt und superdünn sein soll, die Handys und die Fernseher und erst recht natürlich die Frauen- und Männerbäuche, in dieser strammen, faltenlosen Schlank-und-Rank-Welt scheint einer wie Claes Oldenburg hoffnungslos verloren. Er ist ein Künstler, der das Schlaffe und Schlappe liebt. Bei ihm sackt alles, was prall ist, hart und verlässlich, in sich zusammen. Hier darf die Welt entspannen, darf aus der Form geraten, darf erschöpft sein und vor sich hin schwabbeln und so richtig durchhängen. Nicht Warhol-cool ist diese Kunst, nicht Lichtenstein-peppig. Unter den Helden der Pop-Art ist Claes Oldenburg der große Weichmacher, wunderbar stark im Schwachen.

Gerade ist er 83 geworden, das rechte Bein, sagt er, plage ihn, woll nicht mehr recht. Und dann noch der lange Flug von New York herüber nach Wien . Das verstehen Sie, oder? Ich muss mich setzen, ich kann nicht durch die Ausstellung gehen, durch die vielen Hallen. Überall hängen, stehen, lehnen, liegen jetzt seine vielen Kunstwerke, die bemalten Pappfetzen, die Gummihaut- und Segeltuchskulpturen, die Pappmascheebildern. Alles schön, sagt er, doch ich ziehe den Stuhl hier vor. Er pustet kurz, so wie er das ab und zu tut, ein flaches Pusten, als wollte er etwas Lästiges von der Lippe bekommen. Dann nimmt er Platz, mitten in seiner berühmtesten Installationen, dem Store .

Na ja, sagt er. Das ist natürlich nicht der Store, das ist das, was davon übrig ist. Vieles ist ja damals weggekommen, vieles ist auch hier oben verschwunden. Er tippt sich kurz an den kahlen Kopf und lächelt knapp. Besser, sagt er, Sie glauben nicht alles, was ich Ihnen erzähle. Ist ja schon sehr lange her.

Anfang der sechziger Jahre war es, ziemlich genau vor 50 Jahren, da begann in New York der große Ausbruch der Kunst: Raus aus den alten Rollen! Raus aus dem Künstlerkult! Und Schluss mit dem ganzen Innerlichkeitsgehabe! Etwas Neues sollte her, jede zweite Woche trat ein anderer Stil zutage, Neo-Dada, Junk-Art, New Realists, ABC-Art, Color-Field-Painting, Cool Art. Von einem Tag auf den anderen galt Jackson Pollock als furchtbar altmodisch und mit ihm viele andere Maler des abstrakten Expressionismus.

War nicht schlecht, was die Alten so machten, sagt Oldenburg, aber eben auch furchtbar abstrakt. Da war kein Leben drin, das hatte mit uns, mit der Stadt nichts zu tun. Und Sie müssen sich vorstellen – er pustet einmal kurz –, Sie müssen sich vorstellen, dass wir die Fünfziger einfach satt hatten, diesen Mief, die Enge. Freiheit war es, das wollten wir.

Wie aber sieht Freiheit aus? Oldenburg kam aus begüterten Verhältnissen, der Vater schwedischer Botschafter, die Mutter Opernsängerin. Wollte er sich auch von ihnen befreien? Ach, sagt er und faltet die Hände vor dem Bauch, das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, die wussten ja gar nicht, was ich da so trieb.

Wussten nicht, dass ihr Sohn, der so anständig studiert hatte – englische Literatur! –, der dann bei einer Zeitung als Polizeireporter anfing, irgendwann nichts von alledem mehr wissen wollte und sich im dunklen Manhattan herumtrieb, alte Pappen und Zeitungen und Holzreste aufsammelte – und damit reißend, klebend, pinselnd, nagelnd seine neue Kunst erfand. Eine Kunst, die nicht nach Kunst aussehen sollte. Die, wie er damals schrieb, »trieft, die schwer ist und stumpf und plump und süß und blöd wie das Leben selbst«. Er nannte sie Street .